Die Steigerungsform von Ikea

Individualisten en masse: Wieso sich alle, die ein bisschen Geld haben, ihre Tische beim Schreiner massanfertigen lassen. Ein Erklärungsversuch.

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Es war eine Tischgesellschaft. Also, der Tisch machte die Gesellschaft. Obwohl er bloss ein Tisch war. Eine Oberfläche, auf die man Dinge stellen konnte, mit vier Beinen dran. Schlicht, praktisch, aus Holz. Ich hätte gedacht: Klar, die hübsche Stockholm-Linie von Ikea. Aber die Gastgeberin sagte: «Schön, gell? Hab ich mir bei diesem jungen Schreinerkollektiv machen lassen, die sind ja jetzt neuerdings auch an der Börse. Ist hundertfünfzigjähriger Nussbaum aus dem Calancatal, und ich reib den immer mit diesem japanischen Spezialöl ein. Aber du», sagt sie zu einem Gast gewandt, «du hast doch jetzt auch einen!»

«Mmmhh», sagte der Gast, «meiner ist aus so einer Kreuzung aus russischer Edelkirsche mit Teakholz, quasi unzerstörbar. Hat man ein Leben lang. Ich hoff bloss, er passt auch in das neue Haus! Sonst kauf ich mir dann einen von Matteo Thun, weisst du, aus Eichenpfählen, die zehn Jahre in Venedigs Lagune gestanden haben. Garantiert unverwechselbar, heisst es im Katalog. Kostet 15'990 Franken. Find ich noch angemessen. Pfahlholz, hammergeil.» «Ich glaub fast, der Dieter Meier lässt sich seine Möbel auch bei dem anfertigen», sagt eine junge Frau, «oder mein ich den Dieter Moor?» «Und meine Freundin, die bei diesem Style-Heftli arbeitet, hat irgendwo gehört, dass sich die Bice Curiger ihr Holz direkt in Venedig ausgesucht haben soll», sagt die Gastgeberin, «und vielleicht sogar der Hirschhorn.»

Von konservativ zu individuell

«Wow, der Hirschhorn, von dem muss ich mir jetzt dann unbedingt mal was kaufen, ist der auch schon an der Börse?», sagt jemand andächtig und streichelt über den hundertfünfzigjährigen Nussbaum, der aussieht wie aus der Stockholm-Linie, aber gewiss über 10'000 Franken gekostet hat. Und alle essen von den En-Soie-Tellern, die irgendwann, wenn die letzte Weinflasche zur Neige gegangen ist, auch nur aussehen wie rustikales Porzellan mit Goldrand, und putzen sich die Finger an den Servietten aus «Baumwolle in Atlasbindung» aus dem Manufactum-Katalog.

Alle sind glücklich, denn sie glauben zu wissen: Hier bin ich bei einer, die ihr ästhetisches Herz auf dem rechten Fleck hat. Bei einer, die sich niemals was von der Stange kaufen würde, sondern ihre Kleider in diesem Atelier im Seefeld massanfertigen lässt. Bei einer, die ganz genau sagen kann, was richtig ist beziehungsweise, wo man es kaufen muss, und deren Mann immer nur rahmengenähte Schuhe ab 3500 Franken trägt, die ein Leben lang halten und irgendwo mit dem Aufdruck «finest english quality» versehen sind. Früher nannte man so was ganz einfach konservativ. Heute nennt man es individuell.Doch vielleicht ist der schöne, individuell geschreinerte Tisch, dieses praktische Statussymbol für Menschen mit Klasse, dabei gar nicht so weit entfernt vom Ikea-Tisch für die Masse. Denn schliesslich besteht der Charme des Ikea-Möbels ja gerade darin, dass man als Besitzer selbst Hand anlegen muss, dass man sich ein solches Möbel in nicht selten nervenraubenden und schweisstreibenden Kämpfen regelrecht erringen muss. Und dass man am Ende – hoffentlich – stolz sein kann auf die eigene Arbeit.

Überhaupt führt ein Ikea-Möbel ja zum Beispiel einem nicht sehr handfertigen Geistesmenschen andauernd sehr schön vor Augen, dass er auch andere Arbeit zu leisten vermag. Und die selbst geleistete Arbeit ist es, die das Ikea-Möbel am Ende eben auch besonders individuell macht, das schleckt keine Geiss weg.Mit der Spezialanfertigung kauft man sich die Arbeit der anderen. Also die Handarbeit der anderen. Der nicht gerade steinreiche, aber auch nicht gerade mausarme Kunde leistet sich so ein Gefühl von erschwinglichem Feudalismus. Denn der Tisch und das Kleid sind nicht so lebensnotwendig wie andere Dinge, wie etwa die Wasserleitung oder die Stromversorgung oder das Dach über dem Kopf, die wir alle auch immer Handwerkern verdanken. Aber ist schon jemals jemand auf die Idee gekommen, seinen Spengler zum hippen Tischgespräch zu machen?

Den Krampf delegieren

Der Tisch und das Kleid sind ein Luxus, den andere, den Kundenbefehlen gehorchend, herstellen. Und in dem Rahmen, den einem der Schreiner, die Schneiderin oder der Sofahersteller steckt, hat man dank des eigenen Geldes einen Hauch von Selbstbestimmung. Ich sage, wie die Schräge der Sofalehnen, der Bezug, die Zusatzkeilstützkissen und die Chromstahlkufen sich zueinander verhalten sollen, denkt sich der Kunde und fühlt sich als Co-Designer seines Objekts. Nur dass er dafür nicht krampfen muss wie der Ikea-Handwerker. Den Krampf delegiert er an einen anderen.

Den Rest der Einrichtung um all die Tische herum, die Tischgesellschaften definieren, muss man sich übrigens vorstellen wie bei Patty Boser zu Hause. Man konnte das neulich im Fernsehen sehr schön studieren. Oder in einem von Abertausenden teurer Hotelzimmer: viel Weiss mit ein bisschen Eierschale, pardon, Champagner, weil das so schön warm wirkt, dazu viel schönes Beige, also «Bääääsch», was klingt wie ein Verwandter von Baschi, aber man ahnt: Diese – nein! eben nicht langweilige! und schon gar nicht sterile! – Farbpalette haben sich all die Gastgeberinnen, Patty Boser und Abertausende von Hoteldesignern ganz individuell ausgedacht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2011, 21:14 Uhr

Infobox

Venedig-Tisch von Matteo Thun unter: www.mobitare.ch/trends

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