Die Tücken des Onlinedatings
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 05.12.2011 37 Kommentare
Krisensicheres Geschäft
2010 belief sich der Branchenumsatz der Partnervermittlungsagenturen gemäss einer Studie von www.singleboersenvergleich.ch schweizweit auf 30,5 Millionen Franken, für 2011 wird eine Steigerung von 5 bis 10 Prozent erwartet.
Aktuell loggen sich monatlich rund 565'000 Schweizerinnen und Schweizer bei Singlebörsen ein; Marktführer ist Parship mit 450'000 Mitgliedern, dann folgen Elite-Partner (175'000), E-Darling (225'000) und Be2 (200'000). Bei allen vier muss für die in Anspruch genommenen Dienste bezahlt werden, bei allen hält sich die Anzahl der männlichen und weiblichen Mitglieder etwa die Waage – sie unterscheiden sich bloss insofern voneinander, als sie eine andere Klientel ansprechen. Bei Parship und Elite-Partner setzt man den Akzent auf Gutausgebildete, bei E-Darling und Be2 steht das nicht im Vordergrund. (bwe)
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Es klingt alles so schön. So effizient. Und so zeitgemäss. Vielleicht nicht besonders romantisch, aber wer ist das heutzutage noch, wenn es um Beziehungen geht. Dafür ist beim Onlinedating klar, was Sache ist. Es wird nicht um den heissen Brei herumgeredet, es entstehen keine Missverständnisse wie in einer Bar, wo sie bloss ein wenig Bestätigung sucht und er eigentlich eine Frau zu Hause sitzen hat. Die Beteiligten sind sich einig, was sie wollen: eine Beziehung, spätere Heirat nicht ausgeschlossen. Jeder kennt mittlerweile in seiner Umgebung zwei, drei Paare, die sich auf diese Weise kennen gelernt haben, es ist nichts Anrüchiges mehr dabei. Weil eben: Man geht heute die Sache mit der Beziehung strategisch an und überlässt das nicht dem Zufall, der einem im – für Frauen – schlimmsten Fall erst mit 45 den idealen Partner über den Weg laufen lässt.
Die Versprechungen der Online-Partnervermittlungsplattformen, die in seriösen Medien und zur Hauptsendezeit am Fernsehen heftig Werbung machen, klingen denn auch geradezu fantastisch. Innerhalb von nur drei Monaten würden einsame Herzen auf Parship.ch fündig und bei jedem vierten Rendezvous funke es. Das zumindest besagt eine Studie, die die Firma unlängst selbst durchgeführt hat – anhand von 1000 Paaren, die sich dank des digitalen Kupplers gefunden haben und immer noch zusammen sind. Weiter ist da zu lesen, dass zwei Drittel aller Befragten bereits im ersten Beziehungsjahr eine gemeinsame Wohnung bezogen und ebenso viele in den ersten zwei Jahren ihrer Partnerschaft geheiratet hätten. «Die Konsequenz und die Schnelligkeit, mit der Parship-Paare ihre Partnerschaften ausleben, ist ein Beleg für den Abkürzungseffekt der Online-Partneragenturen», heisst es dazu.
Die leidige Kinderfrage
Bloss: So einfach ist es dann doch nicht. Das Internet erweist sich mitnichten als der Heilige Gral mit garantiertem Happy End, wenn man auf der Suche nach der grossen Liebe ist. Man könnte sogar sagen: Abgesehen von der Tatsache, dass Klarheit darüber herrscht, was beide Beteiligten suchen, sind alle Stolpersteine, die es in der freien Wildbahn gibt, auch beim Onlinedating vorhanden. Vor allem für Frauen.
Andrea K. ist 38, Werbetexterin und lebt in Zürich. Seit drei Monaten ist sie bei Parship Mitglied, und ihre Erfahrungen sind ernüchternd. Nicht, weil in gewissen Fällen der E-Mail-Verkehr ohne Angabe von Gründen der Gegenseite zum Erliegen kam. Auch nicht wegen harzig oder peinlich verlaufener Treffen. Damit hatte sie gerechnet. Zu denken gibt ihr etwas ganz anderes. «Frauen in meinem Alter», sagt sie, «sind toxisch. Für Männer, die Kinder wollen, sind wir zu alt. Jene, die keine wollen, sehen zwar schon, dass man bei Kinderwunsch ‹Nein› angekreuzt hat, sind aber dennoch misstrauisch. Kreuzt man ‹Vielleicht› an, werden all jene abgeschreckt, die absolut keine Kinder oder keine Kinder mehr wollen.»
Das bestätigt auch Renate W. (36), seit einem Monat Mitglied bei Parship. Für die Soziologin passt, dass sie hauptsächlich von älteren Männern angesprochen wird – die Gleichaltrigen bevorzugen jüngere Frauen, erst recht, wenn sie sich eine Familie wünschen. «Ich habe allerdings mit 36 keine Lust auf einen 50-Jährigen. Mein Partner soll mit mir auf Augenhöhe sein, auch was das Alter anbelangt – oder dann eher jünger. Frauen sollten sich ohnehin ganz pragmatisch jüngere Männer suchen, da die ja früher sterben.» In England hat man dieses Bedürfnis erkannt, mit www.toyboywarehouse.com wurde eine Site lanciert, die Frauen genau das vorschlägt, was Männer seit je tun: sich jemand Jüngeres zu suchen. Die Site hat 26'000 Mitglieder, und erstaunliche 70 Prozent davon sind Männer, die gezielt nach einer älteren Partnerin Ausschau halten, weil ihnen die Jüngeren oder Gleichaltrigen zu unreif sind oder die leidige Kinderfrage noch nicht geklärt ist. Das hilft Andrea K. und Renate W. hier in Zürich allerdings auch nicht weiter.
Erfolgreiche Frauen bleiben allein
Elena R. (33) ist ebenfalls enttäuscht vom Onlinedating. Die Ökonomin sagt, sie habe sich eindeutig mehr erhofft, aber erkennen müssen, dass sie nicht der Typ dafür sei. Das Ganze ist ihr zu zeitraubend, sie empfindet es als mühsam, sich durch die Profile klicken zu müssen, und moniert ausserdem eine gewisse Unhöflichkeit, die durch die Anonymität begünstigt werde. Und vielleicht habe es ja am vom Anbieter aufgrund eines Tests erstellten Profil gelegen, in dem sie sich nicht wiedererkannt habe – jedenfalls hätten sich viele Männer bei ihr gemeldet, die überhaupt nicht zu ihr passen wollten in ihrer Biederkeit: «Sie sagen es zwar nicht so direkt. Aber bei fast allen war bereits beim ersten Treffen herauszuhören, dass sie am liebsten eine Frau haben, die zum Einfamilienhaus auf dem Land, den zwei Kindern und dem Golden Retriever schaut. Wenn ich erwähne, dass ich meinen Beruf nie aufgeben würde, kann ich sehen, wie die mich im Kopf von der Liste streichen.»
Ob es nur am Profil lag oder daran, dass Männer, die gezielt eine Frau suchen, grundsätzlich etwas konservativer veranlagt sind, ist schwer zu sagen. Dennoch entspricht Elena R.s Befund dem, was auch die Statistik beweist. Gut ausgebildete, erfolgreiche, unabhängige Frauen bleiben weitaus häufiger allein – weil sich Männer immer noch lieber nach unten als nach oben orientieren. Was heisst: Sie heiraten lieber die Sekretärin als die Abteilungsleiterin.
Schöne Frauen habens schwerer
Umgekehrt hält sich das alte Rollenverständnis übrigens genauso hartnäckig: Urs Z. (44), Inhaber eines kleinen Unternehmens, änderte seinen Beruf von «Geschäftsführer» auf «kaufmännischer Angestellter», weil er zu oft Anfragen von Frauen bekam, die offenbar der Meinung waren, hier könne man sich einen Mann mit Geld angeln: «Es ging eindeutig nur darum, eine gute Partie machen zu wollen. Ich fühlte mich nicht ausgenutzt, aber irritiert war ich schon. An solchen Frauen habe ich nun wirklich kein Interesse.»
Der Onlinedating-Markt unterscheidet sich also in dieser Hinsicht ebenfalls nicht vom gewöhnlichen Dating-Markt. Dazu gehört auch das Paradox, dass gut aussehende Frauen deutlich seltener in einer Bar angesprochen werden als ihre unansehnlicheren Kolleginnen. Genau dasselbe gilt im Netz: Wie eine Untersuchung der US-Dating-Plattform Okcupid unlängst ergab, bekommen durchschnittlich hübsche oder eher weniger hübsche Frauen eindeutig mehr Anfragen. Das hat selbst die Macher der Studie erstaunt, den spanischen Ökonomieprofessor José-Manuel Rey hingegen nicht. Er erklärt, dass dieses Phänomen Ähnlichkeit mit der aus der Mathematik bekannten Spieltheorie aufweise, und hat es auch gleich in eine Formel namens «Carol Syndrom» gepackt: Die Chancen, bei einer Frau zu landen, die als nicht besonders attraktiv gilt oder über deren Äusseres die Meinungen auseinandergehen, sind höher, da man sich – so der Gedanke – gegen weniger Konkurrenz durchsetzen muss und so eher zum Zug kommt. Männer entscheiden sich deshalb für den Weg des geringsten Widerstandes und buhlen eher um eine durchschnittlich aussehende Frau, da bei einer Schönheit das Risiko gross ist, dass am Ende Aufwand und Ertrag in einem ungünstigen Verhältnis stehen.
Die neusten Zahlen aus Amerika scheinen den Eindruck von Andrea K., Renate W. und Elena R., wonach sich Frauen ab 35 bei der Partnersuche online genau mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert sehen wie im realen Leben, zu bestätigen: Partnervermittlungsagenturen, die sich auf über 50-Jährige spezialisieren, erleben einen Boom. Gemäss einer Untersuchung ist die Gruppe der über 55-Jährigen am aktivsten auf Dating-Sites, das entspricht einer Zunahme von 39 Prozent in den letzten drei Jahren. Angesichts der Scheidungszahlen überrascht das nicht. Und sie zeigt auch: Sobald für Frauen die Sache mit dem Nachwuchs biologisch erledigt ist, sind sie auf dem digitalen Kupplermarkt erfolgreicher.
Was die Studie zudem ergab: Die jüngeren Singles, jene zwischen 18 und 34, verlagern ihre Suche zunehmend auf Facebook. Andrea K., Renate W. und Elena R. überlegen sich ebenfalls, das zu tun, Facebook sei im Vergleich mit einer Dating-Site unkomplizierter, persönlicher und zudem gratis. Wobei vermutlich auch da das Problem bestehen bleibt: Das World Wide Web ist ein Spiegel dessen, was noch immer in den Köpfen steckt. Bloss weil man die Partnersuche mithilfe moderner Technik angeht, werden die althergebrachten Bilder nicht automatisch weniger. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.12.2011, 13:58 Uhr
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37 Kommentare
Schöne Frauen sind auch ein stück weit selberschuld dass sie weniger Angesprochen werden an einer Bar oder im Internet. Meistens verhalten sich solche Damen einfach nur daneben da sie ja wissen dass Sie gut aussehen und darum eine gewisse Arroganz an den Tag legen. Da muss man sich auch nicht wundern wenn Mann kein interesse hat. Diese Damen sollten sich an der eigenen Nase nehmen. Antworten
Ja, die Luft für mit-Dreissigerinnen mit Hang zu jüngeren oder gleichaltrigen Männern ist dünn. In der Zeit von 30 - 40 sind viele Männer zum ersten mal in mehr oder weniger festen Händen (oft verheiratet) und werden dann nach 40 frustriert une erstmal finanziel ausgeweidet wieder auf den Markt gespült. Nun sind sie für die Zielklientel zu alt und dank langjährigen Alimentenzahlungen stigmatisiert Antworten
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