Die Väter müssen nur wollen

Die meisten Mütter in der Schweiz sind erwerbstätig, jedoch nur Teilzeit. Die Väter hingegen arbeiten fast ausschliesslich Vollzeit. Es gibt allerdings Ausnahmen. Welche Erfahrungen machen diese?

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Als die Managerin Jasmine Staiblin 2009 bei ABB Schweiz und 2013 beim Energiekonzern Alpiq ihren Mutterschaftsurlaub beanspruchte, stellte man ihr Verantwortungsgefühl für die Firma infrage. Als die erste «Blick»-Chefredaktorin Andrea Bleicher sagte, sie ziehe ihre Karriere der Betreuung ihrer beiden Kinder vor, die beim Vater leben, wurde ihr Verantwortungsgefühl als Mutter angezweifelt. Das zeige, dass Frauen vor einem Dilemma stünden, schreibt die Journalistin Barbara Lukesch in ihrem neuen Buch «Und es geht doch! − Wenn Väter mitziehen». Darin porträtiert sie 13 Männer, die ihr Arbeitspensum zugunsten der Familie reduziert haben.

Ja, wie steht es denn um die Väter? Landauf, landab wird diskutiert, ob nicht auch sie sich um ihre Kinder kümmern wollen und sollen. Nicht nur abends vor dem Zubettgehen, sondern so richtig − mit einem Vaterschaftsurlaub oder, noch besser, einer Reduktion ihres Arbeitspensums. Die Väter betonen, dass sie gern würden, wenn sie denn nur könnten. Und tun es doch nur in den seltensten Fällen, wie die Realität zeigt.

Zwar wünschen sich laut einer 2011 publizierten Pro-Familia-Studie 9 von 10 Männern ein reduziertes Arbeitspensum. Doch in Wirklichkeit arbeitet die überwiegende Mehrheit der Väter in der Schweiz Vollzeit, im Jahr 2012 nämlich 89 Prozent. Immerhin ist der Anteil der Teilzeit arbeitenden Väter in den letzten zwanzig Jahren leicht gestiegen − bei jenen mit Kindern unter 7 Jahren etwa von 3 auf 9 Prozent.

Derweil sind heute 70 Prozent der Mütter mit Kindern bis zu 6 Jahren erwerbstätig − mehr als je zuvor. Bei Müttern mit Kindern zwischen 7 und 14 sind es gar 82 Prozent. 1992 sah das noch anders aus: Damals arbeitete nicht einmal jede zweite Mutter von Kindern bis zu 6 Jahren ausser Haus (43 Prozent), bei Müttern mit 7- bis 14-jährigen Kindern waren es immerhin zwei Drittel.

Frauen tragen Verantwortung

Interessant ist sowohl damals als auch heute: Die meisten der ausser Haus tätigen Mütter arbeiten Teilzeit. So waren letztes Jahr nur rund 13 Prozent der Mütter Vollzeit erwerbstätig. Das zeigt: Viele Frauen tragen nach wie vor die alleinige Verantwortung für ihre Kinder. Sie kümmern sich um Zahnarzttermine, reden mit der Psychomotoriktherapeutin, fahren die Kinder ins Fussballtraining − und besorgen ganz nebenbei den Haushalt. Laut einer neuen Studie des Bundesamtes für Statistik wenden sie insgesamt fast doppelt so viel Zeit für Haus- und Familienarbeit auf wie die Männer − unabhängig vom Alter der Kinder und der Höhe ihrer Teilzeitpensen.

Dabei würde es der «Gleichstellung Schub verleihen, Frauen die Vereinbarkeit von Karriere und Kindern ermöglichen oder mindestens erleichtern», wenn die Männer endlich mitziehen würden, schreibt Lukesch. Und es würde die «Männer- und Kinderleben um viele Farbtöne reicher machen». Hinzu komme: Nicht nur die Kinder und Mütter, auch die Väter selbst würden von einer Arbeitsreduktion profitieren. Möglicherweise müssten sie im Geschäft auf die nächste Lohnerhöhung verzichten oder die Weiterbildung selbst bezahlen, doch so gross wie befürchtet wäre der Schaden für ihre Karriere kaum. Reduzierten Männer ihr Pensum, schreibt Lukesch, würden sie zudem eine engere Bindung zu ihren Kindern entwickeln, und auch die Paarbeziehung profitiere.

Das bestätigen die 13 porträtierten Männer. Sie nehmen ihre Vaterrolle auf überraschende und erfinderische, zum Teil auch auf äusserst pragmatische Art wahr. Die meisten arbeiten Teilzeit, einige sind vorübergehend als Hausmann tätig, sie wohnen in Städten und Dörfern, arbeiten als Bäcker oder Chauffeur, Landwirt oder Flight-Attendant, Jurist, Ökonom oder Psychoanalytiker.

Die gewählten Betreuungsmodelle sind unterschiedlich: Mal arbeitet die Frau mehr, mal der Mann, mal verändert sich das Modell über die Jahre − entweder, weil die Kinder grösser werden, oder, weil sich für die Eltern eine neue berufliche Herausforderung ergibt.

Entmutigende Reaktionen

Mehrere der Männer berichten, das Umfeld habe entmutigend auf die Reduktion der Arbeitspensen reagiert. Als etwa der Zuger Fernmelde- und Elektromonteur Peter Marty Mitte der Neunzigerjahre kündigte, um Hausmann zu werden, warnte ihn sein Chef, dass er nie mehr ins Berufsleben zurückfinden werde. Auch seine Eltern zweifelten, ob er einen guten Job so fahrlässig aufgeben dürfe. Von seinen Kollegen kamen unzimperliche Sprüche wie «Tunte!».

Marty blieb bei seinem Entscheid. Die Tagesmutter war weggezogen, Krippen waren damals noch eine Rarität, abgesehen davon, dass die Fremdbetreuung dreier Kinder das Familienbudget gesprengt hätte. Wieso kündigte er und nicht seine Frau? Weil er es sich besser habe vorstellen können, ganz daheimzubleiben, sagt er. Und weil ein Teilzeitpensum für seinen Chef keine Option war. Zeitgleich mit seiner Kündigung begann Marty eine eineinhalbjährige Ausbildung zum Haushaltmeister. Er lernte zu kochen, er nähte und flickte, putzte und wusch.

Martys Frau fiel es derweil nicht leicht, ihm den Haushalt zu überlassen. Sie tat sich schwer damit, dass Besucher kritische Bemerkungen über den Haushalt stets an sie richteten. Als sei es logisch, dass sie als Frau die Verantwortung dafür trage. Dazu kam, dass sie hohe Ansprüche an Ordnung und Sauberkeit stellte, während sich ihr Mann auch mal im Chaos wohlfühlte.

Konflikte gab es auch in anderen Familien bezüglich der Frage, ob es den Frauen tatsächlich gelingt, ihren Männern Küche und Kinderzimmer zu überlassen. Es gebe nichts Schlimmeres, als wenn die Frau sage, wie er das Baby halten müsse, sagen die porträtierten Männer. Weiterer Stress droht, wenn Frauen in ihrem Job so beschäftigt sind, dass sie ihre Kinder weniger sehen als gewünscht. Als etwa die Ehefrau von Alexander Weber beruflich für sechs Wochen nach New York reiste, fokussierten sich die Kinder nachher stark auf den Vater. Das galt es für die Diplomatin auszuhalten.

Überhaupt brauchen Eltern, die sich für eine wirklich gleichberechtigte Kindererziehung entscheiden, zuweilen eine dicke Haut. Das gilt heute noch genauso wie früher – doch damals besonders, wie das Buch zeigt. So kämpfte der mittlerweile 63-jährige Hans-Kaspar von Matt, ursprünglich Psychologe, heute Hochschulberater, an allen Fronten, als er ab Mitte der Siebzigerjahre im Kanton Nidwalden seine Kinder mitbetreute. Der Chefbeamte beim Kanton? Teilzeitarbeit? Nein, beschied ihm der damalige Finanzdirektor und oberste Personalchef. Auf ein zweites Gesuch hin durfte von Matt eine Auszeit von einem Jahr nehmen. Danach kündigte er, weil er beim Kanton weiterhin keine Teilzeitanstellung bekam, und nahm anderswo eine 50-Prozent-Stelle an.

Von seiner Mutter wurde von Matt für das falsche Aufhängen der Wäsche gerügt: «Die Unterwäsche gehört nicht zuvorderst an die Wäscheleine, sondern nach hinten, damit die Nachbarn sie nicht sehen.» Auch seine beiden Kinder mussten die Lebensform der Familie gegen aussen verteidigen. Etwa als der Rektor des Gymnasiums nach einem Verstoss gegen die Hausordnung zur Tochter sagte, dies sei nicht verwunderlich, wenn beide Eltern im Beruf stünden.

Handkehrum berichten die porträtierten Männer stolz von Situationen wie dieser: Andri, der Sohn des Juristen Christian Zünd und der Wirtschaftsgeografin Irene Meier, spielte als Bub mit einem Nachbarsmädchen Familie. Sie sagte: «Und dann heiraten wir, kriegen Kinder und du gehst arbeiten.» Er antwortete: «Was? Du gehst wohl auch arbeiten.»

Die Episoden aus den Leben der Familien zeigen, dass die gewählten Betreuungsformen für die Kinder kein Problem waren, ja sogar gut. Weder machen die Kinder den Eindruck, als hätten sie unter dem Modell ihrer Eltern gelitten, noch etwas vermisst oder sich danach gesehnt, so zu leben wie die Nachbarskinder. Im Gegenteil. In ihren Augen sind erwerbstätige Mütter eine Selbstverständlichkeit – ebenso Männer, die kochen und waschen und Kinder betreuen. Ein Waschlappen? Unmännlich? Mitnichten. Es ist eher die Vorstellung, in einer traditionellen Familie aufzuwachsen, die ihnen Angst macht. Lukeschs Sohn Yannick sagt mit heute 23 Jahren: «Es hätte mich gestört, wenn nur meine Mutter daheim gewesen wäre.»

Die Aussage zeigt: Für die Kinder ist das Modell, das ihnen die Eltern vorleben, normal. Und: Sie mögen die Abwechslung, nicht zuletzt die Anwesenheit der Väter, die ganze Tage statt nur abends zu Hause sind. Ebenso schätzen sie die unterschiedlichen Erziehungsstile der Eltern und nutzen diese zuweilen geschickt für sich aus.

«You can’t have it all»

So gut die gleichberechtigten Betreuungsmodelle in vielen Belangen sein mögen: Eltern und Kinder zahlen einen Preis dafür. Es braucht regelmässige Gespräche zwischen den Partnern, damit sich keiner benachteiligt fühlt: Wer bleibt daheim, wenn das Kind krank wird? Wessen Geschäftssitzung ist wichtiger? Wer darf sein Pensum wann um wie viel aufstocken? Gerade Teilzeitangestellte mit Führungsfunktion berichten von einem erhöhten Stress: Es sei eben doch nicht so einfach, die Arbeit an den Freitagen zu vergessen. Da sitzen sie auf dem Spielplatz − und der Mitarbeiter ruft an. Und auch die dringendsten Mails wollen beantwortet sein. Für die Kinder ist die generalstabsmässige Planung berufstätiger Eltern zuweilen nur − nervig.

Fazit des Buchs: Es geht, wenn die Männer wirklich wollen. Und die Frauen auch. Diese müssen, wenn sie erwerbstätig sein möchten, ihr Bedürfnis entschieden zum Ausdruck bringen. Es braucht «die Überzeugtheit, dass sie auch als Mütter das gleiche Recht wie ihre Männer haben, berufliche Erfahrungen zu machen, dabei Selbstbewusstsein zu tanken und ihr eigenes Geld zu verdienen», schreibt Lukesch. Die Frauen brauchen Mut, mit ihren Männern zu verhandeln − und auch hier eine dicke Haut, wenn es zu Konflikten in der Beziehung kommt. Die Männer wiederum müssen bereit sein, im Job loszulassen und Macht abzugeben, etwa durch eine weniger gute Position. Dass das mitunter nicht einfach ist, versteht sich von selbst.

Genügend Freiraum, um sich beruflich zu entwickeln, und genügend Zeit für die Familie − das nennen viele der Väter als Gewinn aus ihrem Modell. Auch die Frauen betonen, dass sie durch die gleichberechtigte Rollenaufteilung zufriedener und dadurch auch bessere Mütter geworden seien.

Gleichzeitig müsse man punktuell zurückstecken und könne nicht egoistisch seine Bedürfnisse befriedigen, sagt die dreifache Mutter Gudrun Sander in Lukeschs Buch. Die Betriebswirtschafterin hat sich die Kinderbetreuung von Beginn weg mit ihrem Mann geteilt. «Unser Modell ist eine Option unter vielen, die nicht zu jedem Paar passt.» Man müsse mit dem Prinzip «You can’t have it all» klarkommen. Schlimm sei das jedoch nicht: «Wir schauen immer auf das, was wir haben, und nicht auf das, was uns fehlt.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.11.2013, 18:59 Uhr)

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Barbara Lukesch: Und es geht doch! – Wenn Väter mitziehen. Wörterseh-Verlag, Gockhausen 2013.

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