Hintergrund

Die arbeitsfreie Periode

Im Libanon dürfen berufstätige Frauen jeden Monat einen Tag zu Hause bleiben, wenn die prämenstruellen Symptome einsetzen. Sexistisch? Oder fortschrittlich?

«Schliesslich kann niemand kontrollieren, ob sie tatsächlich ihre Periode haben oder nicht»: Frauen mit Kopftuch vor einem Werbeplakat in Beirut.

«Schliesslich kann niemand kontrollieren, ob sie tatsächlich ihre Periode haben oder nicht»: Frauen mit Kopftuch vor einem Werbeplakat in Beirut. Bild: Reuters

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«Libanesischen Unternehmen steht es frei, ihren weiblichen Angestellten aufgrund ihrer Menstruationsbeschwerden einen zusätzlichen freien Tag pro Monat zu gewähren», erklärt Safaa Salloum, die in der Personaladministration einer grossen libanesischen Versicherungsgesellschaft tätig ist.

Lähmende Muskelkrämpfe, Bauchweh, das das rationale Denken beeinträchtigt, wilde Akneausbrüche, hoch depressive Verstimmung, urplötzliches Übergewicht, spontane Tränenausbrüche – und überhaupt ist alles doof: Haben Frauen ihre Tage, verwandeln sie sich temporär in hinkende Frisurzombies, deren emotionale Stabilität jener einer Landmine gleicht. So sagt man jedenfalls. (Lesen Sie auch: «Frauen stimmen mit der Vagina ab»)

Es soll Männer geben, die sich Menstruations-Apps auf ihr Handy laden, um schon Tage im Voraus gewarnt zu sein, wann sie ihre Schmutzwäsche keinesfalls im Badezimmer liegen lassen sollten. Das sind natürlich alles billige Klischees. Und chauvinistische noch dazu.

Im Regelfall merkt wohl kein Aussenstehender, dass eine Frau gerade ihre Tage hat. Denn die Mens ist schliesslich keine Krankheit, und seit 1936 in den USA zum ersten mal Tampons verkauft wurden, steht auch dem Tragen einer knallengen, schneeweissen Hose, einem Schwimmweltrekord über 800 Meter Freistil oder einer Misswahl im Bikini nichts im Wege. Meistens jedenfalls. (Lesen Sie auch: «Wenn das Ei springt»)

Die Libanesen scheinen dem Hormonumschwung der Frauen trotzdem nicht ganz über den Weg zu trauen. Sicherheitshalber bekommen dort weibliche Angestellte einen Tag pro Monat frei. Der Extratag sollte dann eingesetzt werden, wenn die Regelbeschwerden besonders stark sind. (Lesen Sie auch: «Faule Ausreden und echte Schmerzen»)

Wegen Diskriminierung aufschreien? Oder shoppen gehen?

Wäre hier jetzt ein feministischer Aufschrei angebracht, weil Frauen offenbar nicht zugetraut wird, ihren Hormonhaushalt unter Kontrolle zu haben, und sie zu dauerkränkelnden Geschöpfen degradiert werden? Oder handelt es sich dabei um positiven Sexismus, weil die männlichen Kollegen nicht bluten und darum weniger frei haben?

Die Libanesinnen schätzen den Jokertag jedenfalls. Bei 15 Ferientagen pro Jahr sind die zusätzlichen 12 freien Tage mehr als willkommen, auch wenn sie nicht kumuliert werden dürfen. «Die meisten beziehen den Tag aber nicht wegen ihrer Regelbeschwerden. Sie nutzen ihn vielmehr, um Freunde zu besuchen, Dinge im Haushalt zu erledigen oder eine Brücke zum Wochenende zu machen», sagt Salloum.

Sie erinnert sich, wie ihr ein früherer Chef einmal sagte, er habe den Periodenzyklus all seiner Mitarbeiterinnen im Kopf. «Das war natürlich ein Scherz. Die Frauen können den Tag einziehen, wann sie wollen, schliesslich kann niemand kontrollieren, ob sie tatsächlich ihre Periode haben oder nicht.» Eine gesetzliche Grundlage für die freien Tage besteht jedoch nicht. «Die Anwendung dieser Regel ist freiwillig.»

Was halten Sie von der Regelung? Diskutieren Sie hier mit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.03.2013, 13:48 Uhr

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