Die gefährliche Mischung von Macht und Sex
Interview: Nina Merli. Aktualisiert am 16.05.2011 24 Kommentare
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Politik-Psychologe Dr. Thomas Kliche (Hochschule Magdeburg, D)
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Versuchte Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Freiheitsberaubung. Die Vorwürfe gegen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wiegen schwer: Die ihm zur Last gelegten Delikte könnten ihm nach amerikanischem Recht bis zu zwanzig Jahre Gefängnis bringen. Seit gestern steht er unter Arrest, heute will er vor dem Haftrichter auf «nicht schuldig» plädieren. Sollten sich die Vorwürfe tatsächlich bewahrheiten, bedeutet dies das sofortige Aus seiner Karriere.
Politik-Psychologe Thomas Kliche der Hochschule Magdeburg erklärt Tagesanzeiger.ch/Newsnet, welche Ursachen hinter einer solchen Tat stehen können.
Was bringt einen Mann – der in einer wichtigen und öffentlichen Position steht – dazu, sich derart kopflos zu benehmen?
Eine ungute Mischung aus: Persönlichkeitszügen, Verwahrlosung, Ausreden und
armseliger Bedürftigkeit. Mächtige kommen an ihre Positionen, weil sie sehr ehrgeizig sind. Sie wollen Welt gestalten und Menschen führen, sie streben nach Macht. Das kann nur, wer sehr von sich überzeugt ist, also eine starke narzisstische Selbstbesetzung mitbringt.
Und Narzissmus verstärkt unüberlegtes Handeln?
Narzissmus vermittelt Gefühle von Grossartigkeit, Unwiderstehlichkeit, Grössenfantasien. Die «Verwahrlosung» tritt dann ein, wenn die Mächtigen erleben, wie leicht sie sich durchsetzen können und dass ihnen keiner mehr Widerstand entgegensetzt. Sie lernen am Erfolg wie jeder pubertäre prügelnde Jugendliche: Da geht ja noch was! Ausreden für ihr Handeln haben sie jede Menge, weil ihr Job im Grunde zerstörerisch und voller Entfremdung ist: keine Zeit für Familie und Privatleben, ein Leben aus dem Koffer – auch in menschlicher Hinsicht. Sie entwickeln das Gefühl, ganz viel zu leisten und trotzdem nur einsame, verkannte Diener der Allgemeinheit zu sein, die nichts vom Leben haben. Was ja teilweise stimmt. Viele menschliche Grundbedürfnisse gehen in den Etagen der Macht leer aus: Man hat nur noch mit flüchtigen Geschäftskontakten zu tun, Freunde sind oftmals Konkurrenten, man ist ständig müde, muss dauernd Kompromisse schliessen, Zärtlichkeit, Offenheit und Zugehörigkeit bleiben auf der Strecke.
Welche Rolle spielt das Thema Selbstüberschätzung bei Skandalen?
Mächtige sind von Mitläufern umgeben, die ihnen häufig den Blick auf die
Wirklichkeit verstellen. Sie suchen und brauchen auch ganz viel Ermutigung,
denn Politik ist mit vielen Kränkungen verbunden, hinter den Kulissen oder
noch schlimmer: Scheitern und Demütigung in aller Öffentlichkeit. Das
überstehen Menschen mit echten Überzeugungen wie Willy Brandt oder Menschen
mit keinerlei Überzeugungen, wozu mir ein deutscher Kanzler der Neunzigerjahre einfällt. Überzogener Optimismus hält handlungsfähig und ist deshalb
in Organisationen meist funktional, man kann Krisen damit überstehen.
Sind mächtige Männer generell risikofreudiger?
Nein, es sei denn, sie treten im Rudel auf. Dann muss man aufpassen, dass kein Group-Think-Effekt eintritt: Die Gruppe fühlt sich kompetent, weitsichtig, handlungsstark, unbesiegbar. Uns fallen halt vor allem die auf, die bei Fehlverhalten erwischt werden. Doch die meisten Mächtigen sind sehr vorsichtig. Praktisch alle Machtzentralen führen stündlich Medienbeobachtungen durch, um ihre Beliebtheit im noch erträglichen Bereich zu halten – eine Art organisierter Konformismus.
Steigert Macht die sexuelle Lust?
Jein. Lust ist immer kulturell ausgefüllt, eingebettet oder kanalisiert. Männer neigen dazu, diffuse körperliche Aufregung als Erregung zu interpretieren, das entspricht ihrem Selbstbild als potente Kerle. Macht schafft Ausnahmesituationen, und die gelten in unserer Kultur viel. Sie heissen zum Beispiel «Events» und werden mühevoll inszeniert, weil der Hedonismus sich davon besonders intensive Erfahrungen verspricht.
Wieso stolpern denn Machtmänner oftmals über die eigene Libido?
Sexualität kann zum rasch konsumierbaren Ersatz für wahre Wärme
und zu einer greifbaren Darstellung und Selbstvergewisserung von Macht, zu
einer Art Beweis an sich selbst werden: Ich bin noch da, ich bin noch wer, ich kann
noch, ich hab alles im Griff. Diese Kontrolle über das menschliche Nahfeld
ist ein tragendes Merkmal der Bewerkstelligung von Männlichkeit in unseren
Gesellschaften: Der Marlboro-Cowboy redet nicht. Der löst Probleme, indem er
zupackt. Der hat keine widersprüchlichen Gefühle, sondern benutzt Menschen.
Heute trägt er halt Laptop statt Knarre. Viele Führungskräfte nehmen heute
allerlei Pülverchen, um diese Gefühle wachzuhalten. Die brauchen sie
nämlich für ihre Kontrollillusionen, für ihre Handlungsfähigkeit.
Bill Clinton wies damals alle Vorwürfe von sich und leugnete, Sex mit Monica Lewinsky gehabt zu haben. Strauss-Kahn dementiert ebenfalls. Gehört Abstreiten zu einem natürlichen Reflex?
In Skandalen durchlaufen die Angegriffenen eine ziemlich stereotype Abfolge
von Verteidigungsstufen. So ähnlich wie bei einem Schuljungen, der
beim Abschreiben erwischt wird: abstreiten, anderen die Sache in die Schuhe
schieben, die Absicht verleugnen, die Folgen kleinreden. Oder alles als
Ergebnis guter Ziele und Vorsätze darstellen und schliesslich einen
letztlich doch vielleicht möglichen Nutzen für die Allgemeinheit ausdenken.
Diese assertive Selbstdarstellung, wie die Sozialpsychologie das nennt,
lernen wir schon als Kinder. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.05.2011, 14:13 Uhr
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24 Kommentare
Beim Kanzler Gerhard Schröder hat der Reporter recht, der war wirklich nicht überzeugend. Sogar nach dem Wahlsieg der CDU wollte er noch Kanzler bleiben (war im TV zu sehen).
Ansonsten ist dieser Artikel unbrauchbar, für den Müll.
NB: Ohne DSK in Schutz zu nehmen, aber er ist noch nicht verurteilt.
Antworten
EIn Psychologe, der ohne die geringste Kenntnis des speziellen Falles mit einer solch geballten Ladung von Allgemeinplätzen um sich wirft, disqualifiziert sich selber. Ebenso der Reporter, der dieses Geschwurbel dann auch noch veröffentlicht. Antworten
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