Die grosse Impfmüdigkeit nach der Schweinegrippe
Notfallpraxis Permanence am Hauptbahnhof in Zürich gestern Freitag: Der Ansturm ist wie immer gross, doch nur ein Patient lässt sich bis Mittag eine Spritze gegen Grippe in den Oberarm setzen. «Das ist aussergewöhnlich», sagt James Koch, Leiter der Permanence. Momentan würden sich höchstens zehn Personen pro Tag impfen lassen. Anders als noch vor einem Jahr. Da drohte die Schweinegrippe. Expertengremien der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie Pharmavertreter hatten eine Pandemie vorausgesagt. Nach den Warnungen und dem Wirbel in den Medien standen die Leute in den Praxen Schlange, um an den Impfstoff gegen die Schweingerippe zu kommen. Und stritten sich hinterher in den Apotheken um Mundschutzmasken und Tamiflu.
Doch die prognostizierte Pandemie blieb aus, die saisonale Grippe verlief äusserst harmlos, es gab wenig Fälle – laut Koch nicht zuletzt dank der hohen Durchimpfung in der Bevölkerung. An der Schweinegrippe starben landesweit zwanzig Menschen, im Kanton Zürich deren vier. Das Virus traf vor allem jüngere. Man rechnete indes mit Tausenden von Toten. Heute, ein Jahr später, ist die Grippe aus den Schlagzeilen verschwunden.
Kein Vertrauen in Experten
Exakt dasselbe Bild habe sich schon ein paar Jahre zuvor gezeigt, so James Koch von der Permanence, als die Angst vor der Vogelgrippe umging und deshalb die Impfrate rapide in die Höhe schnellte. Aber auch die Vogelgrippe kam nicht. Deswegen liessen sich im folgenden Jahr wiederum weniger Menschen impfen, worauf sich prompt viel mehr Leute mit dem Grippevirus infizierten. Aufgrund dieser Erfahrungen ist James Koch überzeugt, dass sich im kommenden Winter die Zahl der Grippefälle gegenüber dem Vorjahr stark erhöht.
Der Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein hat ebenso festgestellt, dass sich derzeit weniger Leute mit einer Impfung gegen die Grippe schützen wollen. Die im Impfstoff verwendeten Stämme immunisieren sowohl gegen die Schweine- wie auch gegen die saisonale Grippe. Laut Wettstein habe die Impfmüdigkeit wahrscheinlich damit zu tun, dass 2009 die Pandemie-Szenarien viel gefährlichere Bedrohungen erwarten liessen, als dann tatsächlich eingetroffen sind. «Geblieben ist die Überzeugung: Die Grippe ist doch nicht so schlimm, wie uns die Experten weismachen wollten. Sicher sind, wie jedes Jahr, mehrere Hundert Tote zu erwarten. Davon einige, die nicht sehr alt oder chronisch krank sind.» Laut Hochrechnungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) sterben in der Schweiz jeweils 600 bis 1200 Menschen an der Grippe, im Kanton Zürich etwa 100.
Massensterben im Entlisberg
Noch skeptischer als die Bevölkerung ist das Gesundheitspersonal gegen die Impfung eingestellt. Seit Jahren schon. Die Impfung ist freiwillig, ein Zwang besteht nicht. Die Impfbereitschaft hat dieses Jahr im Vergleich zu 2009 deutlich abgenommen. Im Zürcher Stadtspital Waid sind 80 Prozent der Belegschaft nicht geimpft, wie Vizedirektor Lukas Furler auf Anfrage sagt. Voriges Jahr waren es 69 Prozent. Nahezu deckungsgleich präsentiert sich die Lage am Universitätsspital. Nach der ersten Impfaktion Ende Oktober zeichnet sich wie im Waidspital eine Impfrate von lediglich 20 Prozent ab – wie 2008, als die Schweinegrippe noch kein Thema war. Eine verlässliche Zahl kann Infektiologe Christian Ruef, Leiter der Spitalhygiene, erst nennen, wenn die zweite spitalinterne Impfkampagne abgeschlossen ist. Er sagt aber: «Ich erwarte keine Steigerung.»
Ein Notruf kommt aus den Stadtzürcher Pflegezentren und Altersheimen, wo das Personal vor allem mit den klassischen Risikopatienten in Kontakt ist – mit chronisch Kranken und Hochbetagten. Dort sind die hauseigenen Impftage Anfang November auf geringes Interesse gestossen. Darum ist kürzlich ein eindringlicher Appell an alle Mitarbeitenden der Heime und Zentren gegangen, sich «zum Schutz der Bewohner» impfen zu lassen, wie es im betreffenden Schreiben heisst. Und weiter: «Immer wieder hören wir als Argument gegen die Grippeimpfung, dass jemand nach und wegen der Grippeimpfung erkrankt sei. Das ist einfach nicht wahr – und ein Ammenmärchen.»
Impfquoten werden nicht annähernd erreicht
Schliesslich wird dem Pflegepersonal als Schreckensszenario jene beispiellose Todesserie in Erinnerung gerufen, die sich im Winter 1998 im damaligen Krankenheim Entlisberg in Wollishofen ereignet hatte. An der gefährlichen Sidney-Grippe in den Monaten Januar und Februar waren 35 Patienten gestorben – jeder sechste Heimbewohner.
Nach dem Massensterben ordnete Stadtarzt Albert Wettstein für die folgende Grippesaison an, 80 Prozent des Zürcher Heimpersonals müsse sich impfen lassen, da die Viren fast immer auf dem Arbeitsweg eingeschleppt werden. Doch diese Quote ist bisher weder in einem Spital noch in einem Pflegezentrum auch nur annähernd erreicht worden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.11.2010, 17:15 Uhr
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