Leben

«Die heulen dann auf der Wache»

Von Bettina Weber . Aktualisiert am 24.09.2010 6 Kommentare

Ein Zürcher Stadtpolizist erzählt von seiner Arbeit im Kreis 4, der als härtestes Pflaster der Schweiz gilt. Von Drogendealern, Prostituierten, kurligen Gestalten – und vorlauten Jugendlichen, die plötzlich der Mut verlässt.

«Im Kreis 4 gibt es immer noch die Originale»: S. K. möchte nie mehr woanders Polizist sein.

«Im Kreis 4 gibt es immer noch die Originale»: S. K. möchte nie mehr woanders Polizist sein.
Bild: Sabina Bobst

Sie hatten gestern Nachtdienst. Was war da los?
Der Nachtdienst dauert, mit kleinen Pausen, von halb sieben Uhr abends bis halb sieben Uhr morgens, da erlebt man so einiges: Zuerst wurde ein Verletzter gemeldet, der auf Hilfsangebote äusserst aggressiv reagierte. Danach kam über Funk die Nachricht, dass sich eine Frau an einem Fleischstück verschluckt hatte und zu ersticken drohte. Als wir ankamen, stand die Frau draussen vor dem Restaurant und bekam fast keine Luft mehr, sie röchelte nur noch.

Wieso war nicht die Sanität vor Ort?
Weil wir, da sehr präsent im Kreis 4, oft schneller sind. Wir können dann schon mal Erste Hilfe leisten.

Wie haben Sie der Frau geholfen?
Wir sind nicht nur mit einem Defibrillator ausgerüstet, sondern auch mit Sauerstoff, und den verabreichten wir ihr. Irgendwann musste sie so husten, dass das Ding rauskam. Danach gab es ein paar weniger spektakuläre Einsätze wie Lärmklagen und Einbruchdiebstähle, die aber jeweils viel Zeit in Anspruch nehmen. Und dann kam der Anruf eines Mannes, der eine Frau für ein Schäferstündchen mit nach Hause genommen hatte, die sich weigerte, wieder zu gehen. Er wusste nicht, was er tun sollte, und weil er sie nicht mit Gewalt aus der Wohnung spedieren wollte, rief er uns. Wir haben die Frau dann darüber aufgeklärt, dass das so nicht geht.

Trotz aller Dramatik klingt das auch irgendwie lustig.
Oh ja, es gibt durchaus zu lachen. Hier im Kreis 4 gibt es immer noch die Originale, kurlige Gestalten. Die kennen wir gut, viele von denen gehören zu unserer treuen Stammkundschaft. Mit denen haben wir ein gutes Verhältnis, auch wenn sie manchmal für Ärger sorgen.

Stimmt es, dass man aus Strafe in den Kreis 4 versetzt wird?
Ganz und gar nicht. Ich arbeite jetzt seit vier Jahren hier und würde nirgends anders hinwollen.

Weshalb sind Sie Polizist geworden?
Das war eine Art Kindheitswunsch. Ich habe das KV gemacht, aber die Vorstellung, mich mein Leben lang mit Zahlen in einem Büro zu beschäftigen, gefiel mir nicht so recht. Ich wollte mehr mit Menschen zu tun haben und etwas für die Allgemeinheit tun.

Das klingt jetzt etwas pathetisch.
Finde ich nicht. Als Polizisten erbringen wir doch eine wichtige Dienstleistung. Es gibt aber Leute, die denken, wir würden die Bevölkerung schikanieren. Und hätten auch noch Freude daran. Dabei sorgen wir für Sicherheit. Wir schlichten bei Streitereien, bei Prügeleien, wir rücken aus, wenn es Ärger gibt.

Schlägt das nicht aufs Gemüt, immer mit Ärger konfrontiert zu sein?
Nein. Natürlich, ich kenne von vielen Alkoholikern und Drogensüchtigen die Lebensgeschichte, und die ist in fast allen Fällen sehr traurig. Da habe ich schon Verständnis und Mitleid auch. Und am schlimmsten ist es, wenn Kinder betroffen sind. Wenn man in eine Wohnung kommt, und da sind drei kleine Kinder und die Eltern kaum in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Das ist beelendend, weil Erwachsene immer irgendeine Wahl haben, Kinder aber nicht. Es gibt aber auch Sachen, die einen für vieles entschädigen. Zum Beispiel, wenn nachts ein alter Mann anruft, dass er nicht mehr ins Bett findet, und wir dann ausrücken und helfen können. Da bekommen wir eine Dankbarkeit zurück, die fast alles wieder wettmacht.

Als im Juni eine Mutter von zwei Kindern von einem Lastwagen überfahren und getötet wurde, rückten Sie an die Unfallstelle aus. Was geht da in einem vor?
Wir wissen meist nicht genau, was uns erwartet. Man hat zwar keine Angst, aber eine gewisse Anspannung ist da. Und sobald man vor Ort ist, laufen die Automatismen, man funktioniert. Es geht darum, sich eine Übersicht zu verschaffen und Ruhe zu bewahren, weil die Leute in der ersten Aufregung oft durcheinander sind. Wir leisten Erste Hilfe, sichern Unfallstelle und Spuren. Achten darauf, dass sich niemand entfernt, der eine wichtige Aussage machen kann. Und fast noch mehr müssen wir schauen, dass uns niemand bei all dem stört.

Gaffer?
Ja. Die stören nicht nur, die setzen sich auch einem Risiko aus. Deshalb schicken wir sie weg. Die sehen da Dinge, die sie noch nie gesehen haben, manchmal sehr schlimme Dinge, und nicht selten bekommen wir danach empörte Anrufe von Leuten, die sich beschweren, weil sie das Bild nicht vergessen können.

Wie arbeitet man nach so einem Vorfall weiter?
Es gibt sogenannte interne Debriefings und Defusings. Und man spricht mit seinen Arbeitskollegen darüber.

Nimmt die Gewalt tatsächlich zu?
Ja. Das sehen wir nicht nur an der Anzahl unserer Einsätze, das bestätigt auch die Statistik. Wobei die Rücksichtslosigkeit generell zugenommen hat. Zum Beispiel bei den Lärmklagen: Die häufen sich nicht, weil die Leute empfindlicher geworden wären, sondern weil es die Lärmverursacher nicht kümmert, dass sie andere stören.

Woran liegt das?
Eine grosse Frage. Ich weiss es nicht. Ich kann nur aufgrund meiner Beobachtungen im Kreis 4 sagen, dass nebst der Prostitution Drogen und Alkohol das grösste Problem sind. Heute wird im Ausgang nicht getrunken, sondern regelrecht gesoffen, entsprechend aggressiv werden die Leute. Abgesehen davon hat sich das ganze Ausgehverhalten verändert. Während wir früher die meisten Einsätze um Mitternacht herum hatten, erstreckt sich das jetzt bis in die frühen Morgenstunden um fünf Uhr morgens. Und zwar nicht nur am Wochenende.

Was ist jeweils der Auslöser?
Bei den meisten gewalttätigen Konflikten geht es entweder um Geld, Drogen oder Frauen. Wenn eine Gruppe unterwegs ist und schon viel getrunken oder Drogen genommen hat, muss nur einer die Freundin eines anderen anschauen, und schon fliegen die Fäuste.

Der Respekt vor der Polizei sei gesunken, heisst es. Erleben Sie das auch?
Ja. Wir tragen im Dienst alle eine schuss- und stichsichere Weste, das ist Vorschrift. Die ist rund drei Kilogramm schwer, und im Sommer schwitzt man darin brutal. Meist geht es aber vor allem um Pöbeleien, und das ist hauptsächlich ein Problem bei Jugendlichen. Die wollen sich wichtig machen vor ihren Kollegen.

Und wie reagieren Sie darauf?
Wenn ich mich jedes Mal provozieren lassen würde, wenn ich angepöbelt werde, käme ich ja kaum mehr zum Arbeiten (lacht). Meist steht man da darüber. Wenn aber jemand andere Leute belästigt oder sich und andere gefährdet, dann schreiten wir ein. Nicht selten heulen die dann auf der Wache und entschuldigen sich. Allein sind sie nicht mehr so mutig wie in der Gruppe.

Vergangene Woche haben sich bei der Verhaftung eines Drogendealers 200 Personen mit dem Betroffenen solidarisiert. Wieso das?
Das ist mir ein Rätsel. Diese Leute wissen ja gar nicht, weshalb wir jemanden verhaften. Sie haben keine Ahnung, ob der zum Beispiel gefährlich gestrecktes Zeug verkauft oder jemanden spitalreif geprügelt hat. Sie kennen den nicht und wissen nichts – im Unterschied zu uns. Wir kennen die Gesichter des Kreises 4 ziemlich gut und unsere Pappenheimer erst recht. Ein neues Gesicht zum Beispiel fällt uns auf; wenn eines fehlt, ebenfalls. Und wenn wir jemanden verhaften, dann haben wir nicht nur einen Grund, sondern auch die rechtliche Grundlage dazu. Wir müssen ja das Gesetz beachten, das unterscheidet uns von der Gegenseite.

Es schwingt da auch immerder Vorwurf des Rassismus mit.
Ich habe selbst ausländische Wurzeln, mir muss keiner erzählen, was Rassismus ist. Wenn ein Afrikaner mit Kokain dealt, ist das Problem, dass er dealt, und nicht, dass er Afrikaner ist. Und genau darum kontrollieren wir ihn dann: Weil er dealt. Uns in so einem Fall Rassismus vorzuwerfen, ist schlicht falsch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2010, 19:47 Uhr

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6 Kommentare

Rolf Schumacher

24.09.2010, 07:59 Uhr
Melden

Solche Polizisten brauchen wir und ich denke, dass es sich bei obigem nicht um eine Ausnahme handelt. Ob Polizisten, Rettungssanitäter, Lehrer, einfache Bankangestellte, oder aber auch Inhaber eines KMUS etc sie sind es die die Gesellschaft tragen, nicht die mächtigen Wirtschaftsverführer oder hohen Politiker. Antworten


michael imhof

24.09.2010, 09:12 Uhr
Melden

Erfrischend ehrlich,unspektakulär und macht doch betroffen,Danke dem unbekannten "Schugger" wie das in Basel heisst Antworten




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