«Die islamische Gesellschaft braucht eine sexuelle Revolution»

Der Philosoph Rachid Boutayeb befasst sich mit der Verdrängung der Erotik und Sexualität im Islam. Als verspätete Religion übe sie Gewalt aus gegen die Frau, spreche ihr Körper und Autonomie ab.

Die Lust der Frau stellt für den Islam eine Gefahr dar. Ein junges Paar gönnt sich am Ufer des Nils in der Nähe von Kairo einen intimen Moment. Foto: Asmaa Waguih (Reuters)

Die Lust der Frau stellt für den Islam eine Gefahr dar. Ein junges Paar gönnt sich am Ufer des Nils in der Nähe von Kairo einen intimen Moment. Foto: Asmaa Waguih (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist es in der islamischen Gesellschaft statthaft, über den Orgasmus der Frau zu sprechen?
Es ist überhaupt nicht vorstellbar, in den heutigen islamischen Gesellschaften über die Frauen als souveräne ­Subjekte zu sprechen, geschweige denn über ihren Orgasmus. Freilich muss man sagen, dass es die islamische Gesellschaft an und für sich gar nicht gibt: Die Frauen zum Beispiel in Tunesien und Marokko verfügen über mehr Freiheiten und fürchten darum die Sexualität weniger als jene in den Golfstaaten. Die freieren Frauen werden in den nahöstlichen Medien als «Prostituierte» dämonisiert.

Ist der verschleierte Körper ein Ausdruck der fehlenden Freiheiten?
Frauen haben im Islam keinen Körper, sie sind Objekt und nicht Subjekt, ein Es und kein Du. Wer verschleiert, hat etwas zu verbergen. Verschleierung, zumindest in der sunnitischen Orthodoxie, ist ein Akt der Unterdrückung, ein Gewaltakt. Der Koran selber spricht über die Befreiung der Frau und nicht über ihre Verschleierung. Die Frage ist letztlich nicht, verschleiern oder nicht verschleiern, sondern, ob die Frau ihre Rechte zugestanden bekommt oder nicht.

Der Mann hingegen hat ein Recht auf Befriedigung seiner Sexualität. Dem Koran zufolge ist die Frau sein Saatfeld. Ist die männliche Lust auf eine patriarchale Kontrolle der weiblichen Sexualität ausgerichtet?
Auch der muslimische Mann hat keine Sexualität im modernen Sinne des Wortes. Wie schlecht muss es um seine Sexualität bestellt sein, wenn die Sexualpartnerin nicht wertvoller ist als ein Saatfeld, wenn sie als Objekt und Sklavin betrachtet wird? Die herrschende Orthodoxie sah die Lust der Frau immer als eine Gefahr und versuchte, diese Lust zu kontrollieren, zu verschleiern und zu unterdrücken. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Fanatiker.

Dann hat der Mann eher einen Trieb als Sexualität?
«Sexualität» ist ein eminent modernes Phänomen. Der Körper, «diese grosse Vernunft», wie Friedrich Nietzsche ihn nennt, ist eine Entdeckung der Moderne. Der Muslim lebt zwar in der Moderne, aber er lebt nicht modern. Der ägyptische Dissident Samir Amin sagt: «Die unterentwickelten Völker verstehen die Religion immer in einer regressiven Art und Weise.» Letztlich geht es um die Frage der Unterentwicklung. So ist etwa der Islam an sich nicht gewalttätig. Vielmehr ist es so, dass der Kontext der Unterentwicklung der islamischen Gesellschaften ein Monster aus ihm macht.

Aber im Koran gibt es durchaus gewaltlegitimierende Aussagen, und zwar nicht wenige.
Die Frage ist nicht, was der Koran ist, sondern wie wir den Koran wahrnehmen, wie wir ihn leben wollen. Der Kontext, der heute repressiv ist, bestimmt, was der Koran zu sagen hat. Wie in allen Texten gibt es in den religiösen Schriften Aussagen zur Gewalt. Aber man kann diese nicht einfach auf die Religion reduzieren. Welche Stelle im Koran ermuntert die Isis-Leute, im Namen Allahs Kinder und Frauen umzubringen und Journalisten zu köpfen? Das befiehlt keine Religion. Die Terroristen behaupten das, kennen aber weder den Koran noch die arabische Sprache.

Gibt es einen direkten ­Zusammenhang zwischen ­Sexualunterdrückung und Gewalt?
«Böse Menschen haben keine Lieder.» Sie haben auch keine Sexualität, höchstens eine unterdrückte Sexualität. Kann denn jemand, der jeden Tag Musik hört und Sexualität ohne Zwang geniesst, seine Mitmenschen terrorisieren? Kaum. Die islamische Gesellschaft braucht wie keine andere Gesellschaft eine sexuelle Revolution. Es genügt aber nicht, die Prostitution zu legalisieren. Die islamische Welt braucht mehr Moderne, aber nicht mehr Technologie und Konsum, sondern mehr kritisches Bewusstsein, mehr Meinungsfreiheit, mehr Demokratie.

Kann es in einem repressiven ­Kontext also gar keine freie ­Sexualität geben?
Freie Sexualität, freie Subjekte, freie Körper sind Haupterrungenschaften der westlichen Moderne. Erst durch den Körper wird der Mensch zum Subjekt. Das heisst nicht, dass der Islam oder die anderen Zivilisationen keinen Körper kannten oder hatten, sondern, dass der Körper in der Moderne der Inbegriff der Subjektivität geworden ist. Wie der französische Historiker Robert Muchembled das in «L’orgasme et l’occident» beschreibt, war die Befreiung des Körpers ein langer Prozess, der bis heute auch innerhalb der westlichen Moderne nicht abgeschlossen ist. Wir erleben im modernen Kapitalismus neue Formen der Domestizierung und der Unterdrückung des Körpers.

Im Islam steht der Körper im Dienst des Heiligen. «Nur durch die heilige Gewalt gegen unseren eigenen Körper erhält man Zugang zur Gemeinschaft der Gläubigen, zur Umma», schreiben Sie. Also ist auch der männliche Körper unterjocht?
Man kann kaum behaupten, dass der Mann im Gegensatz zur Frau im Islam Freiheit geniesst. Er hat bloss die Herrschaft, aber er besitzt keine Freiheit. Herrscher sind keine freien Menschen. Man kann Freiheit nur mit anderen geniessen, indem man sie teilt. Innerhalb des orientalischen Despotismus sind wir alle «Frauen», somit alle ein Saatfeld – und damit ein Objekt.

Sie sprechen von der «Verwirklichung der Gottespolitik auf Erden». Ist der Selbstmordattentäter die absolute Verkörperung der göttlichen Gewalt?
Der Selbstmordattentäter ist kein theologisches Produkt. Er verkauft sich zwar als Verkörperung der göttlichen Gewalt und legitimiert sein Vorgehen mit der Religion, aber er ist ein Ausdruck der Moderne und ihrer Gewalt. Der Selbstmordattentäter ist in ein säkulares Wesen, der sein Leben nicht mehr in den Griff bekommt, der ungeduldig ist, der utopisch in einer utopiefreien Welt denkt, der überhaupt nicht denkt.

Der «Jargon der Barmherzigkeit» sei dem Koran unangemessen, sagen Sie. Weshalb?
Auch im Koran gibt es Barmherzigkeit, doch ist die Dimension der Gerechtigkeit und der Unterwerfung unter das Gesetz wichtiger als die Barmherzigkeit. Mit dem Ausdruck von dem «Jargon der Barmherzigkeit» kritisiere ich diejenigen, die versuchen, den Islam zu christianisieren. Das brauchen wir nicht, auch keine Nächstenliebe, sondern ein modernes Verständnis der Religion. Wir brauchen mehr Moderne mit allen ihren Facetten. Ich kann nicht Wolkenkratzer bauen und im Kopf im Mittelalter verharren. Die Moderne ist unteilbar. Wir sollten aufhören, sie als Gefahr für den Islam zu verstehen. Eine Gefahr ist sie für den Despotismus und die Diktatur.

Nennen Sie aus diesen Gründen den heutigen Islam eine «verspätete Religion»?
Das Christentum hat Revolutionen und Glaubenskrisen erlebt und sich von innen säkularisiert. Es ist die moderne Religion schlechthin. Die sunnitische Orthodoxie jedoch hat sich zu spät mit der Moderne auseinandergesetzt. Dabei will ich den Islam nicht herabsetzen. Was die Dogmen der drei monotheistischen Religionen betrifft, besitzt der Islam sogar mehr Kohärenz als das Christentum oder als das Judentum. Mehr noch, der Islam anerkennt die anderen Religionen und versteht sich als eine Vervollkommnung von ihnen. Darüber hinaus fordert der Islam keinen Antisemitismus und im Prinzip auch keine Gewalt. Aber der jetzige Islam, die jetzige Islamität ist eine gewalttätige. Und darum ist mir Papst Franziskus sympathischer als all diese bärtigen, halbanalphabeten Imame im und aus dem Nahen Osten. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.03.2015, 07:10 Uhr)

Stichworte

Rachid Boutayeb

Der marokkanische Philosoph und Publizist (42) lebt heute in Berlin. Soeben ist sein Buch «Orgasmus und Gewalt» im Alibri- Verlag erschienen. 95 S., ca. 14 Fr.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Geben Vollgas: Beyoncé und Kendrick Lamar bei einem gemeinsamen Auftritt an den BET-Awards in Los Angeles (26. Juni 2016).
(Bild: Danny Moloshok) Mehr...