Die neuen Popstars der Bilderpräsentation
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 03.06.2009
Boxen in der Kirche – keine Idee ist für Pecha-Kucha-Aktivisten zu skurril. (Bild: PD)
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Pecha Kucha Night
Pecha Kucha (sprich: petscha-kutscha) ist japanisch und heisst so viel wie «Stimmengewirr», «wirres Geplauder». An einer Pecha Kucha Night zeigen meistens 14 Personen je 20 Bilder, die jeweils genau 20 Sekunden ab einem Laptop projiziert werden. Die Gesamtdauer der Schau pro Person beträgt also 6 Minuten 40 Sekunden, während denen auch mündlich etwas vorgetragen werden kann.
Die Themen der mündlichen Vorträge und der dazupassenden Bilder betreffen meist die Bereiche Kunst, Design, Mode und Architektur. Vor sechs Jahren haben die Architekten Astrid Klein und Mark Dytham in Tokio die erste Pecha Kucha Night durchgeführt. Mittlerweile gibt es in rund 200 Städten weltweit regelmässig solche Anlässe – auch in der Schweiz starten immer neue Pecha-Kucha-Veranstaltungen. In Bern, Lausanne, Zürich und neuerdings auch in Basel finden die Anlässe statt. (kat)
Amsterdam, Istanbul, San Diego und seit letzter Woche auch Basel. Das Phänomen Pecha Kucha verbreitet sich so schnell wie die Schweinegrippe rund um den Globus; kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt in irgendeiner Stadt eine neue Pecha-Kucha-Veranstaltungsreihe Premiere feiert. Über 200 Austragungsorte gibts mittlerweile. Seit letzter Woche gehört auch Basel zur Pecha-Kucha-Gemeinschaft. Im Unternehmen «Mitte», mitten in der Stadt, fand das erste Event statt.
Es ist 20 Uhr 20, gemäss Flyer und Internet-Einladung sollte der erste von sechs Bildvorträgen bereits starten, hell ists aber noch im hohen Raum der ehemaligen Bankschalterhalle. Von oben das Licht durch Milchglas gedämpft, von nebenan Zigarettenrauch. Nicht alle Anwesenden sind absichtlich zur Basler Pecha Kucha Night gekommen; der arbeitslose Journalist am Nebentisch etwa sitzt gerne in der «Mitte» mit seinem Macbook, um an seinem Roman zu schreiben. «Was wird da gezeigt? Filme?», fragt er. Nein, eine Art moderner Dia-Abend steht bevor: Sechs Leute werden ihre 20 Bilder je 20 Sekunden auf die Leinwand projizieren und dazu reden oder singen oder verlegen rumstehen. Pecha Kucha Nights sind Plattformen für Menschen, die zeigen wollen, womit sie sich beschäftigen, was sie können und wollen. Meist seien Kreative unter den Vortragenden, hat Chris Faber, Mitorganisator der Basler Pecha Kuchas, im Voraus erklärt. In der ersten Session handelt es sich konkret um einen Fotografen, einen Friedhoffreak, einen Box-Event-Manager, eine Comiczeichnerin, einen Weltverbesserer und einen Designer. Alle machen sie freiwillig und unentgeltlich mit. Bereits sind genügend Interessenten vorhanden für eine Pecha Kucha Night Basel Nummer zwei.
Tschernobyl, Comic und Friedhof
6 Minuten und 40 Sekunden, so lange haben die einzelnen Protagonisten Zeit für ihren Auftritt. Das ist weltweit so, das gehört zum Pecha-Kucha-Konzept, für das die lokalen Organisatoren eine Art Lizenz lösen. Selbst bei langweiligsten Darbietungen kann sich angesichts dieser Dauer kein «Death by Powerpoint»Syndrom einstellen. Und doch: Das fixe Zeitfenster wirkt höchst unterschiedlich, kann sich unglaublich kurz oder eben mühsam lang anfühlen. Das liegt an den Menschen, die vorne am Mikrofon stehen und über ihre Bilder reden, vor allem aber hängt es mit der Idee und Absicht hinter der jeweiligen Präsentation zusammen.
Der Basler Timm Suess, «Projektleiter im Bereich Personal», wie er seinen Beruf umschreibt, und «Fotograf aus Passion», lässt die paar Minuten mit seinen «Verfallsfotografien» aus der Sperrzone Tschernobyl im Schnelltempo vorbeiziehen. Er zeigt, was wohl niemand aus dem Publikum – rund 100 Leute sind anwesend – je gesehen hat: Ein verlassenes Schulzimmer, Kindergasmasken, ein nie in Betrieb genommener Vergnügungspark, den total verstrahlten Wald – alles in unmittelbarer Nähe des stillgelegten Reaktors, menschenleer, in unheimlich warmen Farbtönen, eisern kalt in der Stimmung zugleich. Suess schafft es, auch die hintersten Plauderer im Publikum auf seine Bilder abzulenken und mit seinem kurzweiligen Auftritt grosse Wirkung zu erzielen.
The show must go on
Und schwupps, das Mikrofon verstummt, Suess setzt sich wieder, the show must go on. In wenigen Worten stellt ein Pecha-Kucha-Mitorganisator die nächste Person vor – und bereits starten 20 ganz andere Bilder. Dania Christen, Jahrgang 80, steht im knappen Schwarzen vor der Leinwand und vollbringt ihre eigene PR-Veranstaltung: eine «Firmenpräsentation» nennt sie das. Die 20 Bilder zeigen, was sie alles macht oder könnte oder möchte – unter anderem eine Galerie finden für ihre «schon fast fertige Ausstellung». Ihr folgt Othmar Jaeggi, der seit 30 Jahren Friedhöfe und Gebeine als Hobby pflegt, Tausende von Grabstätten besucht und einige davon fotografiert hat. Das lässt sogar den Romanautor in spe vom Nebentisch wieder auf die Leinwand blicken: Er lächelt, staunt, klatscht am Schluss dieser 6 Minuten 40. «Eindrücklich.»
Pecha Kucha hat einen ganz eigenen Charme. Der Abend lebt vom Mix der Beiträge, von der Schnelligkeit der Präsentationen. Das Gezeigte regt an oder auf, unterhält oder langweilt – und macht jeden einzelnen Vortragenden zum kurzzeitigen Popstar seiner eigenen Bilderpräsentation. Ob die Veranstaltungsreihe dank des Tricks «Jeder kann mal Held sein» weltweit so erfolgreich werden konnte? Mag sein; wohl spielen andere Faktoren mit.
Im Vordergrund steht die Vernetzung
So geht es bei den Pecha Kucha Nights nicht nur um das Gezeigte und Vorgetragene, sondern vor allem auch um die Vernetzung mit den anwesenden Leuten. Paradoxerweise – oder besser: logischerweise? – wächst das Bedürfnis nach realen, nicht virtuellen Kontakten in Zeiten medialer Vernetzungen wieder. Die Lust, sich nicht nur im Facebook und auf den Homepages zu begegnen, sondern auch wieder mal jemandem direkt in die Augen zu schauen, nimmt zu. Jenny Keller, die für die Zürcher Pecha Kucha Nights mitverantwortlich ist, hat wegen Grossandrangs einen neuen Austragungsort suchen müssen. Die nächste Zürcher Session findet nicht mehr im Cabaret Voltaire statt, sondern im «Razzia», im Seefeld. Die Veranstaltungsreihe «Flausen» funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip; sie existiert schon vier Jahre.
Nicht nur, dass man sich an den Pecha- Kucha-Abenden life begegnet. Man kann auch altmodische Dinge wie Visitenkärtli oder Flyer mit nach Hause nehmen, die auf Tischen paratliegen. Heute, da Entlassungen nicht mehr nur als bedrohliche Worte über den Köpfen schweben, sondern ziemlich fühlbar geworden sind, ermöglichen es Pecha-Kucha-Anlässe, potenzielle Kunden, Auftraggeber oder Projektpartner zu finden. Selbst nach der eher humorlosen Selbstvermarktung der jungen Comiczeichnerin in Basel zeigte mindestens ein Mann aus dem Publikum Interesse an der vorgestellten Arbeit.
Jeannette Beck von der Berner Fachhochschule für Architektur, Holz und Bau, die in Bern Pecha Kucha Nights organisiert, kennt Personen, die dank ihres Auftritts tatsächlich Jobs gekriegt haben. Und: Mittlerweile nutzen selbst kommerzielle Veranstalter die originelle Blitz-Diavortrag-Technik mit den 20 Bildern à 20 Sekunden; vor wenigen Wochen zum Beispiel an der weltweit grössten Computermesse Cebit. Ziel der Pecha Kucha Nights aber wird bleiben: Losgelöst von kommerziellen Absichten ausgefallene Ideen und schräge Projekte vorzustellen, sich auszutauschen, zu vernetzen – von Angesicht zu Angesicht und ganz konkret.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.06.2009, 13:34 Uhr

































































































































