Die neuen Velos haben nicht mehr 30 Gänge, dafür Retro-Chic und Gepäckträger
Von Peter Hummel. Aktualisiert am 05.10.2009 9 Kommentare
Butch Gaudy ist der Bikepionier in der Schweiz – wie Joe Breeze, Gary Fisher oder Tom Ritchey in den USA. Er lancierte hierzulande die ersten Mountainbikes, bald darauf machte sich seine Marke MTB Cycletech in Bern einen Namen mit puristischen, zeitlosen Stadt- und Reiserädern. Die beiden Klassiker Oxymoron und Papalagi sind seit über 20 Jahren im Angebot – eine Ewigkeit im Bikebusiness.
Nun ist dem amerikanisch-schweizerischen Bikedesigner mit dem Jalopy wieder ein grosser Wurf gelungen, der in der Neuheitenflut der Eurobike-Messe im September in Friedrichshafen besonders hervorstach und den Nerv der Zeit perfekt trifft. Frech ist schon der Name: Auf Schweizerdeutsch heisst der US-Slangausdruck «Jalopy» ganz profan «Göppel». Das ist pures Understatement. Der eigenständige Stil kann am ehesten mit New Retro Chic umschrieben werden, eine gleichermassen gekonnte wie gewagte Mischung von Old-School-Anmutung und moderner Technik.
Riemenantrieb fürs Velo
Der Antrieb ist topaktuell: eine Eingang-Nabe (optional gibt es auch Mehrgang) mit Zahnriemen. Als passionierter Harley-Fahrer hat Gaudy schon lange darauf gewartet, bis der Riemenantrieb auch fürs Velo taugt. «Bei Töffs hat sich das schliesslich seit Urzeiten bewährt», meint er. Als Rahmenmaterial wird natürlich stilecht Stahl verwendet – lackiert mit vornehm-altmodischen Farben und verziert mit liebevollem Dekor.
Am auffälligsten aber ist die in Europa noch ungewohnt grosse 29-Zoll-Bereifung. «Was sich in den USA bewährt, wird sich auch in Europa durchsetzen. Ein Twentyniner hat einfach bessere Laufeigenschaften als die üblichen 26-Zöller», sagt Butch Gaudy. Als Tüpfelchen auf dem i hat der Designfreak noch ein paar exklusive Gimmicks realisiert: einen Ledersattel (nicht von Brooks, weil den inzwischen alle haben), eine Lampenabdeckung mit dem Firmenlogo und einen Bierdeckel als Vorbauabschluss.
Reduktion aufs Minimum
Das Jalopy vereint auf stilsichere Art gleich drei der augenfälligsten Trends der tonangebenden Velofachmessen dieses Herbstes in Friedrichshafen und Mailand.
Da waren einmal fast an jedem Stand Eingänger zu sehen, sei es mit Freilauf (Single Speed) oder Starrlauf (Fixed Gear, kurz Fixie). Letztere wurden durch die Velokuriere urbanisiert, nachdem diese Urtechnik jahrzehntelang nur noch von Bahn- und Kunstradfahrern gepflegt wurde. Hauptgrund war die Robustheit: Ein Velo ohne Schaltung ist viel weniger wartungsanfällig. Deshalb hatte ja auch das Ordonnanzrad der Schweizer Armee bis in die Neuzeit mit nur einem Gang überlebt. Dazu vermittelt der Eingänger das direkteste Fahrgefühl. Erst recht in der puristischen Starrlauf-Version, bei der sich durch kraftvolles Gegentreten auch bremsen lässt. Hardcore-Fixies verzichten sogar auf richtige Bremsen – was ihre Fahrer in Konflikt mit der Strassenverkehrsordnung bringt. Weil Single Speeder eine Antwort auf den Ritzelwahn mit bis zu 30 Gängen sind, erfreuen sie sich auch bei Stadtradlern zunehmender Beliebtheit. In Deutschland gibt es mit Fixie Inc., Fixiestube oder Veloheld bereits spezialisierte Marken. In den eher hügeligen Schweizer Städten dürften die Eingänger nicht so schnell die Massen bewegen.
Anleihen an frühere Technik
Auffallend oft zu sehen waren bei den Neuheiten Zahnriemen. Sie liegen ganz im puristischen Trend. Durch die neueste, sich nicht mehr dehnende Carbonversion von Gates bieten sie erstmals auch fürs Velo eine einwandfreie Performance. Die Vorteile sind augenscheinlich: keine Wartung, keine Schmierung (und Verschmierung der Kleidung), keine Reinigung, längere Lebensdauer, weniger Gewicht. Nachteile sind die technisch bedingte Beschränkung auf Nabenschaltungen und die vorläufig gehobenere Preisklasse solchermassen ausgerüsteter Räder; der Riemenantrieb erfordert eine aufwendige Hinterbaukonstruktion und eine optimale Spannvorrichtung. In einem Jahr sollen dann günstigere Riemen und Rahmen auf dem Markt sein.
Die dritte Anleihe bei der Velotradition ist der Retro-Look. Leider führt dessen Boom auch zu stillosen Auswüchsen. Imitierte Schwanenhalsrahmen aus geschweissten, dicken Alurohren sind oft eine Beleidigung für die Ästhetik, nachempfundene oder sogar erfundene Accessoires und Dekors wirken zuweilen kitschig. Es genügt nicht, ein beliebiges Citybike mit Kunstledergriffen und -sattel sowie Fantasie-Nostalgieschriftzug aufzumotzen.
Eine meistens gelungene Facette dieses Retro-Trends sind hingegen die so zahlreich wie noch nie präsentierten Transporträder. Als Ausläufer- oder Pöstlervelos waren diese Lastesel früher einfach klobig. Nun peppen konstruktiv und farblich integrierte Gepäckträger schon bei der konventionellen Anordnung ein Rad auf; mit einem vorne angebrachten Rack wird ein Cruiser sogar zu einem durchaus schicken Hingucker, welcher der Hausfrau die Transportsorgen mit dem Einkauf abnimmt.
Jetzt kommen die E-Mounties
Augen und Münder bleiben bei den Mountainbikern offen, wenn sie lautlos überholt werden: Flyer lanciert mit der X-Serie das erste voll geländetaugliche elektrische Bike, das mit seiner Vollfederung an den legendären F-Flyer anknüpft. Gemäss Biketec-Geschäftsführer Kurt Schär soll dieses Sportmodell nicht für eine Revolution in den Bergen sorgen. Gedacht ist das E-Mountie für einen unsportlicheren Ehepartner oder einen anderen weniger trainierten Begleiter. Damit die Chancengleichheit bei einer gemeinsamen Ausfahrt gewahrt ist.
Unter Strom gesetzte Trekking- und Montainbikes sind einer der wichtigsten Trends im weiterhin rasch wachsenden E-Bike-Segment. Erstmals wirklich durchgestylte Modelle wie Gocycle oder Townie, die eine ganz neue Kundschaft ansprechen werden, sind ein weiterer Trend. Der Velofrühling wird jedenfalls elektrisierender sein denn je.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.10.2009, 04:00 Uhr
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9 Kommentare
Bild Butch Gaudy mit Bike Modell Jalopy, finden Sie 10 Fehler: 1. Hosen werden ohne Schutzblech an der Kette schmutzig (oder dann fehlt die Hosenklammer) 2. ohne Schutzblech spritzt der Strassendreck an dir hoch 3. ein Rücklicht hat offenbar nicht ins Designkonzept gepasst 4. Pedalbügel würden weit mehr Krafteffizienz bringen als 29 Zoll statt 26 Zoll Reifen 5. Preisschild fehlt ... Antworten
Die Velomobilität in der Stadt ist eine Erfolgsgeschichte und wird noch deutlich zulegen. Hersteller haben das erkannt, die Zürcher Stadtplaner und Politiker noch nicht. Paradebeispiel: Bellevuesanierung für 25 Mio. CHF, aber man wahr nicht fähig, einen durchgängigen Radweg vom Limmtaquai ins Seefeld zu integrieren. Wäre ohne Mehrkosten möglich gewesen. Solche Beispiele gibts noch zu Hunderten. Antworten

































































































































