Analyse

Die schwule Ästhetik der Fussballer

Im Fussball gibt es keine Schwulen, heisst es. Die Spieler pflegen aber deren Ästhetik kurioserweise genauso wie Wladimir Putin, der mit Gesetzen gegen Homosexuelle vorgeht.

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Immerhin auf seinen Unterarmen ist etwas Haar zu sehen. Und natürlich auf dem Kopf, den er grad schamponiert. Ansonsten ist Yann Sommer haarlos, seidenglatte Brust, rasierte Achseln. Er schaut verträumt in die Kamera. «Guck sinnlich!», hat der Fotograf vermutlich gesagt, «Guck verführerisch!» – jedenfalls nicht: «Guck, wie wenn grad der gegnerische Verteidiger auf dich losstürmen würde». Dann wäre nämlich dieser Blick irgendwie missverständlich, weil ja doch sehr einladend. Und sehr schwul: FC-Basel-Goalie Yann Sommer sieht in der Nivea-Werbung aus wie das Pin-up eines Männermagazins.

Das ist ja nun überhaupt nicht schlimm. Paradox ist bloss, dass ausgerechnet in jener Sportart, die sich als besonders männlich und deshalb als sozusagen schwulenfreie Zone begreift, zunehmend just diese Optik favorisiert wird. Die Spieler bevorzugen dieses Geckenartige, tragen sorgfältig gegelte Frisuren, kunstvoll zerrissene Hosen oder teure Taschen mit unübersehbaren Markensymbolen, sie sehen aus, wie wenn sie Stunden vor dem Spiegel verbringen würden.

Beckham braucht kein Machogehabe

Bloss ist ja im Fussball keiner schwul. «Es ist uns keiner mit einer solchen Neigung bekannt» oder «Das gibt es bei uns nicht» lauten die Standardantworten von Fussballvereinen, wenn wieder einmal die Frage nach homosexuellen Spielern auftaucht, und man wundert sich, weshalb das so sein sollte und was denn an einem Ballzauberer, der Männer liebt, so furchtbar wäre. Aber die Vorstellung scheint unerträglich, jedenfalls werden gegnerische Spieler von den Fans regelmässig mit «Du schwule Sau» beschimpft, offenbar der Gipfel aller Beleidigungen.

David Beckham prägte ja den Begriff des Metrosexuellen, aber der schaffte das Kunststück, eben gerade nicht schwul zu wirken, und zwar deshalb, weil er so unverkrampft war, da hatte einer ganz offensichtlich kein Problem mit seiner Männlichkeit, und: Bei Beckham war immer klar, dass es ihm völlig schnuppe gewesen wäre, hätte ihn einer homosexuell genannt. Weshalb er es wiederum nicht nötig hatte, dieses aufgesetzte Mackergehabe an den Tag zu legen.

Bereits am Flughafen verhaftet

Ganz im Gegensatz zum russischen Präsidenten Wladimir Putin, der Macho unter den Staatsoberhäuptern, der ebenfalls eine schwule Ästhetik pflegt. Wie der sich mit nacktem Oberkörper durch die Steppe reitend ablichten liess – nicht einmal in «Brokeback Mountain» sahen sie derart eindeutig aus! Aber auch er fühlt sich wahnsinnig provoziert von den Schwulen und Lesben, auf die wird unter seiner Ägide regelrecht Jagd gemacht, und er unterzeichnete soeben ein neues Anti-Homosexuellen-Gesetz, das selbst für Ausländer gilt: An den Olympischen Spielen in Sotschi nächstes Jahr sollen homosexuelle Sportlerinnen und Sportler sich gefälligst nicht als solche zu erkennen geben. Gottlob muss Yann Sommer nicht dort hin. Er würde angesichts seiner Nivea-Kampagne schon am Flughafen verhaftet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2013, 13:45 Uhr

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