Die süsse Revanche des Volkes
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 03.02.2010 1 Kommentar
Hier rauchen sie noch unter dem angestaubten Kronleuchter. In der Lobby an der Rue Sainte-Honoré 173, hoch über einem alten Ledersofa, hängt eine dünne Rauchschwade. Ein Hauch nur. Er wirkt wie eine Reminiszenz an jene Zeiten, als man die Büros der Zeitungen noch Redaktionsstuben nannte, im besten Fall Salons des gemeinsamen Denkens vor dem Schreiben. Und nicht Newsroom, wie sie heute heissen. Es waren bessere Zeiten. Zeiten, wie sie die Wochenzeitung «Le Canard enchaîné» hier, im I. Arrondissement von Paris, fein platziert zwischen dem Louvre und der Opéra, noch immer lebt. Und gelassen vorlebt.
Unbeeindruckt von den Entwicklungen in der Branche. Unverändert seit bald 100 Jahren. Relevanz auf nur 8 Seiten in einem anachronistischen Layout mit einem lustigen Mix von Schriften auf etwas dickerem Zeitungspapier. Immer am Mittwoch, 1.20 Euro. Die «angekettete Ente» ist eine Institution – die ideale Zeitung: ohne Werbung, kein einziges Inserat, gescheit und frech zugleich, völlig unabhängig und erfolgreich. Auch finanziell. 2008 blieb ein Reingewinn von 8 Millionen Euro übrig, nur dank dem Verkauf der Zeitung. Es ist mittlerweile wahrscheinlicher, in der Metro Leuten zu begegnen, die den «Canard» in den Händen halten, als dass sie «Le Monde», «Le Figaro» oder «Libération» lesen – die grossen nationalen Tageszeitungen im Land.
Die geliebte Persiflage
«Stört es Sie, wenn ich rauche?», fragt Claude Angeli, 78, ein distinguierter Herr in Jeans, eine Institution in der Institution, und steckt sich einen Zigarillo an. Er ist der Chefredaktor der Satirezeitung, der erfolgreichsten ihrer Art weltweit: 600'000 verkaufte Exemplare jede Woche. Manchmal sind es auch 1 Million. «Immer noch viel zu wenige», sagt Angeli, «wir müssten noch viel mehr Exemplare verkaufen. Doch die französische Gesellschaft ist träge geworden, desinteressiert, ohne Engagement. Es gäbe so viel Schockierendes, doch nichts schockiert mehr.» Es ist das Lamento eines Verwöhnten. Die hohe Auflage des «Canard» ist eine Sensation. Und die Zeitung ein Unikum, weltweit.
Vor den Wahlen steigt die Auflage auch schon mal auf 1,3 Millionen. Dann erwarten die Franzosen vom «Canard», dass er die Politik röntgt. Dass er sie auch persifliert, die kleinen Faiblessen und grossen Schwächen, die Ticks und Tricks der Mächtigen und Möchtegernmächtigen entschlüsselt. Die Zeitung steht weder links noch rechts, eher aber links als rechts. Suspekt sind ihr das Militär, der Klerus, der ungehemmte Kapitalismus.
Meist bissig, oft brillant
Am liebsten mögen es die Leser, wenn die Kommentare des «Canard» gezeichnet sind, in Form von Karikaturen. Meist sind sie bissig, oft brillant, manchmal in einer geistigen Linie mit den Werken von Honoré Daumier (1808 bis 1879). Es hat viele davon in der Zeitung. Und viele feste Rubriken, Kritiken und Analysen in einem unverkennbar leichtfüssigen Ton. Mit Esprit. Im fiktiven «Journal de Carla B.» führt die Première Dame de France, Carla Bruni, Tagebuch über ihr Leben an der Seite von «Chouchou», enerviert sich über dessen Entourage, sorgt sich um das Image ihres Mannes, Nicolas Sarkozy. In der Rubrik «Mur du çon» sammelt der «Canard» politische Zitate, die die Schallmauer des Stupiden durchbrechen. Die Auswahl ist gross, jede Woche. Beliebt sind auch die Recherchen, mit der die Zeitung seine Leser hinunter in die Keller und doppelbödigen Truhen der Parteien und Korporationen führt.
Lachen als Katalysator
Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Anatole France (1844 bis 1924) sagte einmal: «Der 'Canard' ist die einzige seriöse Zeitung im Land.» Die Franzosen lachen gerne über ihre Mächtigen, die sich wie Verschnitte von Königen und Kaisern aufführen. Das Lachen, oder noch besser: das Lächeln, dient als Katalysator. Als süsse Revanche. Und da der Staat, seine Institutionen und süffisanten Eliten stark und zentralisiert sind, ist dieses Lächeln besonders wichtig. Für das Gleichgewicht der Republik. Nicolas Sarkozy etwa bietet dem «Canard» viele Anlässe zu Ironie und Sarkasmus. Manchmal reicht dafür die trockene Beschreibung der Realität.
Aufregender und gewichtiger aber sind die Scoops, die Primeurs des «Canard». Angeli hat in den vergangenen 40 Jahren einige jener Affären enthüllt, die das Renommee des Blattes ausmachen. Grosse Staatsaffären waren dabei. Zum Beispiel die Geschichte um die Diamantengeschenke, die Valéry Giscard d'Estaing von seinem Jagdfreund aus Zentralafrika, dem Diktator Jean-Bedel Bokassa, erhalten hatte. Aufgeflogen 1979. Giscard sollte sich nie mehr davon erholen. Die Empörung im Volk war gross. Wenn er 1981 die Präsidentenwahl gegen François Mitterrand verlor, dann wohl zu einem guten Teil wegen dieser Affäre. Ein Coup des «Canard» – einer von vielen.
Keine Geschenke, nie
Angeli kommt gerade zurück von der Redaktionssitzung im oberen Stock. Zwei Stunden hat sie gedauert. Besonders zufrieden sieht er nicht aus. Trotz des Erfolgs, trotz dieser Einzigartigkeit der Publikation. Die Zeitung wirbt ohne Werbung, nur mit ihrer Glaubwürdigkeit. Den Besitz teilen sich ihre 60 Redaktoren und Karikaturisten. Sie gehören zu den bestbezahlten Pressejournalisten im Land. Es soll keinem von ihnen in den Sinn kommen, das Blatt aus finanziellen Gründen verlassen zu wollen. Sie dürfen auch nicht an der Börse handeln, weil das ihre Berichterstattung beeinflussen könnte, und sie dürfen keine geschäftlichen Geschenke annehmen. Von niemandem, nie, auch keine kleinen. Das ist der Pakt, gegen innen und gegen aussen.
Informationen dagegen dürfen sie entgegennehmen. Angeli spricht nicht gerne über die Quellen seiner Informationen. «Die Informanten bleiben im Idealfall ein Leben lang geschützt», sagt er und lächelt, «auch wenn das den Mächtigen nicht passt, die ja immer zuhören wollen, wenn bei uns das Telefon läutet.» Einmal, 1973 war es, überraschte die Redaktion ein Kommando der Polizei, das Wanzen montieren wollte in den Büros. Der «Canard» erreichte mit seiner Nummer zur «affaire des micros» eine seiner höchsten Auflagen. «Das war grossartig», sagt Angeli, «eine Geschichte im eigenen Haus, die beste Werbung überhaupt.»
Geheime Quellen
Jede Woche schreibt er auf Seite 3 unten eine Rubrik über die internationale Politik. Oft dreht sie sich um Personalien im französischen Aussenministerium, in einer wichtigen Botschaft oder in der Armee. Die Quellen des «Canard» sind kleine und mittlere Funktionäre aus den Ministerien und den Parteien. Und Minister, die anderen Ministern schaden wollen. Oder Journalistenkollegen, die für weniger unabhängige Blätter schreiben und ihre Informationen, die sie nicht publizieren dürfen, an den «Canard» weitergeben. Manchmal sind es auch Informationen aus anonymer Quelle. Der diskrete Input, sagt Angeli, sei immer nur ein kleiner Teil der Arbeit. Danach komme die eigentliche Recherche, die Verifizierung der Informationen, das Festzurren der Fakten.
Es ist dieser Mix aus Satire und Recherche, die den Erfolg des «Canard» ausmachen. Als Maurice Maréchal 1915 das Blatt gründete, kämpfte er damit gegen die Propaganda jener Zeit an. Der Name war eine Anspielung auf die Zeitung «L'homme libre», die damals zwar ebenfalls kritisch war gegenüber der Regierung, deren Propaganda man aber für nötig hielt aus diplomatischen Gründen. Der Feind sollte getäuscht werden. Alle Zeitungen dienten dem Staat, feierten die Helden an der Front, den Krieg.
Wider den Einheitsbrei
Um die Zensur zu düpieren, wählte Maréchal, ein linker Pazifist, diesen vordergründig naiven, ironisierenden und einzigartigen Tonfall, der das Blatt noch immer auszeichnet und die Zensoren überforderte. «Das Publikum hat die unumstösslich exakten Nachrichten satt», schrieb er in seinem ersten Leitartikel. Er hingegen werde nur «falsche Neuigkeiten» verbreiten. Enten also. Wer verstehen wollte, verstand. Es war ein nobler Kampf für die Pressefreiheit.
Heute nimmt die Zeitung all jene Affären und Skandale auf, die die konventionellen Medien nicht behandeln mögen, weil sie entweder zu grossen Konzernen mit grossen wirtschaftlichen Interessen gehören: Bouygues, Lagardère, Dassault. Oder weil sie ideologisch dem einen oder anderen Lager nahestehen. Der «Canard» ist frei. Und nicht allein in seiner Stellung. Frankreich zählt vier Satirezeitungen, die jede Woche erscheinen. Auch das ist ein Weltrekord. «Charlie Hebdo» und «Siné Hebdo» sind vor allem satirische Blätter, die von ihren Zeichnungen leben. Bunt, grell.
Korrektiv zum Jakobinischen
«Bakchich Info», bisher eine Internetplattform, versucht seit einigen Monaten, den Erfolg des «Canard» auch auf Papier zu kopieren und mit Satire und Recherche zu konkurrenzieren. In einem Hinterhof im XI. Arrondissement, alles improvisiert, viele junge Leute mit knappen Löhnen. Catherine Graciet ist für die internationale Politik des Blattes zuständig: «Es gibt hier in Frankreich einen Markt für solche Zeitungen. Die Franzosen brauchen sie als Korrektiv zum Jakobinischen. Der 'Canard' hatte ein Jahrhundert lang ein Monopol; wir machen ihm das jetzt etwas streitig.»
Nur ein bisschen aber, mit einigen Zehntausend Exemplaren in der Woche, ohne Illusionen. Die Ente ist zu stark, ohne Ketten. Ernst, lächelnd, einzigartig. Und raucht in ihren Stuben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.02.2010, 06:25 Uhr






Die Welt in Bildern







































































ralph kocher
Ich erinnere an einen überaus bissigen "Nebelspalter" zur Zeit des ersten Irak-Krieges. Ich schätzte, dass dieses Heft den Mix der erfolgreichen "Le Canard enchaine" zu publizieren wagte. Prompt war dies aber auch gerade der Auslöser für den Niedergang des Nebelspalters. Meine Vermutung: Die Schweiz ist zu 100% abhängig von der Aussenwirtschaft, die Feedbacks dort mussten destabilisierend wirken. Antworten