Die tödliche Verwechslung
Von Paul Imhof. Aktualisiert am 26.03.2010 9 Kommentare
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Was tun bei Verdacht auf Vergiftung?
Bei Vergiftungsverdacht sollten Sie einen Arzt oder das Tox-Zentrum (Tel. 145) anrufen. Versuchen Sie, die folgenden Informationen zu liefern, die für eine individuelle Risikobeurteilung und Behandlung wichtig sind:
Wer Alter, Gewicht, Geschlecht der betreffenden Person, Telefonnummer für Rückruf
Was Alles, was Sie über die betreffende Substanz oder das Produkt sagen können
Wie viel Versuchen Sie, die maximal mögliche aufgenommene Menge abzuschätzen
Wann Versuchen Sie, die seit dem Vorfall verstrichene Zeit abzuschätzen
Was noch Erste beobachtete Symptome? Erste getroffene Massnahmen?
Früher liessen sich die Menschen vom Aberglauben durch den Alltag leiten. Sie zweifelten keine Sekunde an der Wirkung des Maiglöckchens, das – unter der Schwelle eines feindlichen Kuhstalls verborgen – Kühe und Milch verhexen sollte. Dass der Aronstab, dessen Blütenkolben einem Penis gleicht und auch «Pfaffenpint» genannt wird, der Liebe Kräfte verleiht, war unbestritten. Bärlauch wiederum taucht kaum im Aberglaube auf; das Lauchgewächs mit dem charakteristischen Geruch nach Knoblauch bescherte dem geplagten Gekröse Erleichterung.
Kräfte und Schwächen
Man mag sich heute lustig machen über Bauernregeln aus dem Feld der Mysterien und Geister, aber vor ein paar Jahrhunderten wussten die Menschen immerhin, welchen Pflänzchen sie beim Waldspaziergang begegneten. Das Wissen über Kräfte und Schwächen, Segen und Fluch der Wildpflanzen dürfte heute nur noch bei wenigen Menschen vorhanden sein. Zwar erfreut sich insbesondere Naturheilkunde grossen Zuspruchs, auch beschäftigen sich einige Spitzenköche mit Wildpflanzen, doch die Mehrheit von uns stolpert ahnungslos durch Feld und Flur und hat keinen Schimmer, welche Wildpflanzen man essen darf und welche nicht.
Beklagt wurde das schon 1945. «Trotz der Naturschwärmerei», schrieb damals der Kräuterpfarrer Künzle, sei der Bärlauch, «eine der stärksten und gewaltigsten Medizinen in des Herrgotts Apotheke», in Vergessenheit, «ja sogar in Misskredit geraten: In vielen Gegenden wurde dieses heilsame Pflänzchen als Giftkraut angeschaut.» Künzle berichtete von einem Krankenbesuch 1910 in Wangs, wo er in einem Garten ein paar Bärlauchblätter einsteckte. Die Leute warnten ihn vor dem Gift des Bärlauchs, Künzle ass vor den Anwesenden ein paar Blätter. Die Leute waren entsetzt, so Künzle: «‹Ums Himmels willen, Sie müssen sterben, das ist schwer Gift!› riefen mir die Leute voll Angst zu. ‹Nur kei Angst, es putzt mi nöd!› war mein Bescheid.» Offenbar hatten die Menschen schon erlebt, dass jemand starb, der Bärlauchblätter gegessen hatte – oder Blätter, die jemand für Bärlauch gehalten hatte, die aber etwas komplett anderes waren, nämlich Herbstzeitlosen.
Hochwirksames Zellgift
Diese Pflanze, die im Herbst mit ihrer wunderschönen Blume erfreut, weckt das nackte Grausen, wenn man an das Ende denkt, das sie einem Menschen bescheren kann, der ihre Blätter gegessen hat: Sie enthält das hochwirksame Zellgift Colchicin, von dem schon weniger als ein Milligramm pro Kilo Körpergewicht lebensgefährlich ist. Bereits beim kleinsten Verdacht auf eine Vergiftung muss man den Arzt aufsuchen, sonst kann jede Hilfe zu spät sein, und man stirbt fünf Tage lang bei vollem Bewusstsein. «Man weiss, was man hat, man weiss, was passiert, und man kann nichts machen», sagt Hugo Kupferschmidt, Chefarzt und Direktor des Toxikologischen Informationszentrums in Zürich. 2002 gab es in einer einzigen Woche gleich drei Todesfälle, weil Menschen statt Bärlauch das Grün der Herbstzeitlose zubereitet und verspeist hatten.
Gut oder gefährlich?
Die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) gedeiht manchmal im gleichen Umfeld wie Bärlauch (Allium ursinum), ihre Blätter sehen jenen des Bärlauchs ähnlich, wie auch jenen des Maiglöckchens und des Aronstabs. Auch die Blätter des Maiglöckchens enthalten Stoffe, die der Mensch nicht zufällig und unkontrolliert zu sich nehmen sollte, aber «man müsste schon gröbere Mengen konsumieren», um schwere Schäden zu erleiden, so Kupferschmidt.
Wie lassen sie sich auseinanderhalten? Bärlauch riecht und schmeckt nach Knoblauch; Herbstzeitlose, Maiglöckchen und Aronstab tun dies nicht. Kupferschmidt warnt allerdings davor, Bärlauchblätter zu zerreiben, weil die Finger danach noch lange nach Bärlauch riechen und weitere Vergleiche verunmöglichen. Am besten unterscheidet man die Blätter nach optischen Merkmalen: Bärlauchblätter sind gestielt, elliptisch, «lämpelig»; die Blätter der Herbstzeitlose wirken etwas ledrig, sind ungestielt, lanzettenförmig; die Blätter des Maiglöckchens sind ähnlich breit wie jene des Bärlauchs und ähnlich fest wie jene der Herbstzeitlose. Die Blätter des Aronstabs, «Ronechrutt», sind spinatähnlich, etwas länglich-herzförmig, von dunklerem Grün und von sichtbaren Adern gezeichnet.
Kompliziert? Dann verzichtet man eben aufs Sammeln und kauft die Blätter auf dem Markt. Und hofft, dass keine Eier des Fuchsbandwurms daran kleben – um keinen Bandwurm einzufangen, soll man Bärlauch nicht roh essen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.03.2010, 13:29 Uhr
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9 Kommentare
Beim ernten des Bärlauchs gibt es eine Grundregel: dieser sollte man nur ernten bis er blüht. Damit bekommt man nicht nur ein qualitativ besseren Bärlauch aber vemeidet eben die Verwechslung mit dem Maiglöckchen. Der Bärlauch blüht im Flachland zwischen ende März und mitte April... also lang bevor das Maiglöckchen. Wie gesagt sind die Bärlauch-Blätter schlaff.. Antworten
@tanner und Maier: Der Bärlauch wuchert nur dort wo er sich wohlfühlt (Bodenfeuchtigkeit, Sonnenlicht etc). Ich hätte mich glücklich geschrieben ihn im garten meiner Mutter zu haben. Alle versuche ihn dort heimisch werden zu lassen waren mislungen. Ich wundere mich auch immer darüber dass man den Bärlauch verwechseln kann. Da genügt ein klarer Blick und mehr brauchts wirklich nicht (Siehe Bild) Antworten
@ Sonja Meier: Für Bäume stellt der Bärlauch kein Problem dar, da er eine Zwiebel hat und nur ganz oberflächliche Wurzeln. Für die Biodiversität auch nicht, da er schnell wieder verschwindet und Platz für andere lässt. Aber Sie haben Recht, er wuchert tatsächlich ziemlich stark. (Auch in meinem Garten, wo ich ihn nie angepflanzt habe.) Antworten
Eine Frage, falls sich jemand damit auskennt: Ich beobachte, dass sich Bärlauch stark vermehrt. In meiner Gegend sind die Wälder davon inzwischen überwuchert, der Waldboden ist komplett von Bärlauch bedeckt. Wie sieht's mit der Biodiversität aus, besteht da keine Gefahr der Verdrängung von anderen Pflanzen? Und kommen die Bäume bezüglich Nährstoffe nicht zu kurz? Antworten
Antwort auf die Bemerkung von Gerhard Graf: Der Geruch ist wirklich ein gutes Unterscheidungsmerkmal. Aber: Wenn Bärlauch und Herbstzeitlosen vermischt gesammelt werden, riecht alles nach Bärlauch, und da nützt einem der Geruch zur Unterscheidung dann nichts mehr. Da bleibt nur noch das Merkmal: Stiel (=Bärlauch) oder kein Stiel (Herbstzeitlose oder Maiglöckchen). Antworten
Wie kann man diese Pflanzen verwechseln?! Der Geruchsinn vieler Menschen ist offensichtlich degeneriert in unserer Deo- und Rasierwasser Gesellschaft. Selbst ein Blinder kann diese Pflanzen unterscheiden. Der Bärlauch riecht penetrant knoblauchartig während seine gefährliche Verwandtschaft geruchlos ist. Antworten

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erika muntwyler
wo findet man in zürich und umgebung, z.b. uetliberg usw. bärlauch am ehesten, damit man nicht irrend in den wäldern herumstöbert und sucht. Antworten