Leben

Die verheerende Wirkung des Celebrity-Kults

Von Bettina Weber . Aktualisiert am 01.07.2011 21 Kommentare

Die obsessive Beschäftigung mit der Prominenz führt zu einer verzerrten Wahrnehmung, hat negative Auswirkungen auf unsere Beziehungen und ist vor allem für Frauen fatal.

Der Traum vom besseren Leben. Heidi Klums Nachfolgerinnen stehen bereit für die Kameras.

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Bild: Keystone

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Als Sarah Palin 2008 mit John McCain für das Amt von Präsident und Vizepräsidentin der USA kandidierte, war die am höchsten bezahlte Person ihres Wahlkampfteams nicht der Berater für Aussenpolitik. Auch nicht der Experte für Steuerfragen oder der Redenschreiber. Sondern die Visagistin.

Dass sich Politik auch über das Auge verkauft, dass Aussehen, Kleider, Frisur und Make-up eine nonverbale Botschaft vermitteln, weiss man längst, erst recht in Amerika. Und auch Lisa Bloom weiss das, die in den USA wegen ihrer juristischen Analysen bei ABC, CBS und CNN populäre Anwältin. Aber für Bloom hat die Beschäftigung mit der Hülle ein Ausmass angenommen, das sie in höchstem Masse für besorgniserregend hält. Schuld an der zunehmenden Reduktion auf die Oberfläche sei die Obsession für die Prominenz, über deren Kapriolen auch in seriösen Medien vermehrt berichtet werde. Dass das Make-up von Sarah Palin wichtiger ist als das, was sie zu sagen hat, sei eine direkte Folge davon. Sie konstatiere die Entwicklung seit geraumer Zeit bei ihrer Arbeit, schreibt Bloom in ihrem soeben erschienenen Buch «Think – Straight Talk for Women to Stay Smart in a Dumbed-down World», einem zumindest im ersten Teil erfrischend geschriebenen Rundumschlag gegen die übermässige Beschäftigung mit den Schönen und Reichen aus der Glitzerwelt. Mittlerweile würde es sich bei 95 Prozent aller Anfragen, bei denen sie um einen Kommentar gebeten werde, um Celebrities drehen, um deren Sexskandale, Seitensprünge, Scheidungen, um die Verhaftung von Paris Hilton, die Scheidung von Tiger Woods, den Gefängnisaufenthalt von Lindsay Lohan. Wenn sie nachfrage, weshalb nicht über den Prozess gegen die Roten Khmer in Kambodscha berichtet würde (sie war vor Ort, internationale Kriegsgerichts-Berichterstattung ist ihr Fachgebiet), dann hiesse es: Weil Paris und Tiger und Lindsay mehr interessieren.

Celebrity-Titel florieren

Bloom mag die Frage nach dem Huhn und dem Ei nicht stellen, will also nicht darüber urteilen, ob die Medien an der Entwicklung schuld sind oder sich diese nach den Bedürfnissen des Publikums richten. Sie präsentiert bloss Fakten: Klatschseiten wie TMZ.com erreichen monatlich 10 Millionen Leser, bei Omg.yahoo.com sind es 20 Millionen. Vor acht Jahren hatte die wöchentlich erscheinende Klatschpostille «US Weekly» 800 000 Abonnenten – inzwischen sind es knapp 2 Millionen, wobei der Verlag erklärt, dass jede einzelne Ausgabe von mindestens 8 Personen gelesen werde. Die Nachfrage nach Magazinen wie «US Weekly» oder auch «People», «Heat», «In Touch», «OK», «Star» und «National Enquirer» scheint unerschöpflich; die Titel florieren so sehr, dass in den letzten Jahren trotz Finanzkrise amerikanische Celebrity-Titel zunehmend auch auf Deutsch lanciert worden sind – während gleichzeitig die Zeitungen mit Auflagenschwund zu kämpfen haben.

Bloom sagt: Die obsessive Beschäftigung mit der Prominenz hat verheerende Folgen und ist vor allem für Frauen fatal. Weil Untersuchungen zeigen, dass Frauen umso unglücklicher werden, je mehr sie sich mit Celebrities beschäftigen. Das ist wenig erstaunlich, geht es doch bei der weiblichen Prominenz vor allem um eines: um ihr Aussehen. Oder wie das Kriterium auf Englisch treffender heisst: Being hot. Prominente Frauen sind faltenlos, schlank, stets perfekt frisiert und manikürt, das suggeriert jedenfalls die Bilderflut.Was der Welt da präsentiert wird, hat mit der Realität indes nicht viel zu tun. Wenn Klatschpostillen beeindruckt darüber berichten, in welcher Rekordzeit Model-Mütter nach der Geburt ihrer Kinder wieder ihr ursprüngliches Gewicht erreichen, dann wird nicht erwähnt, dass diese im Unterschied zur Neomutter in der Reihenhaussiedlung über eine ganze Armada von Helfern wie Nanny, Personal Trainer und Haushaltshilfe verfügen. Und die Leserin, die sich seit einem Jahr immer noch mit ihren Schwangerschaftspfunden herumschlägt, fragt sich, weshalb sie das nicht schafft. Im schlimmsten Fall wird sie das auch von ihrem Gatten gefragt.

Fatale Umfrageresultate

Das ist das eine. Das andere sind Umfrageresultate wie diese: dass 23 Prozent der befragten Frauen lieber von einem Lastwagen überfahren werden würden, als an Gewicht zuzulegen. Dass 25 Prozent lieber «America’s Next Topmodel» gewinnen würden als den Friedensnobelpreis. Dass 30 Prozent befanden, ihr Aussehen sei ihr wichtigstes Attribut – wichtiger als ihre Leistung im Beruf oder ihre Intelligenz. Haben, fragt Bloom, unsere Mütter dafür gekämpft? Dass Frauen nach wie vor das Gefühl haben, in erster Linie «hot» sein zu müssen?

Und es handelt sich keineswegs nur um ein amerikanisches Phänomen. Die britische Feministin Natasha Walter beschrieb bereits vor eineinhalb Jahren in ihrem Buch «Living Dolls», wie sehr junge Engländerinnen Sexyness als erstrebenswerte Eigenschaft betrachten würden. Auch sie führt das darauf zurück, dass «Big Brother»-Stars und Starlets der C-Klasse mit monströsen Silikonbrüsten in den Medien als Heldinnen gefeiert würden – es entstünde der Eindruck, für Frauen gäbe es aller Emanzipation zum Trotz nur ein erfolgversprechendes Attribut: eben sexy zu sein.

Schädlich für die Beziehung

Bloom und Walter sind nicht allein mit ihrer Analyse und ihrer Besorgnis, denn die Folgen des Celebrity-Kults gehen über den Schönheitswahn hinaus und tangieren mittlerweile auch das zwischenmenschliche Verhalten. Im März 2010 schrieb der englische Psychologe und Paartherapeut Andrew G. Marshall in der «Times», dass die Dauerpräsenz der Prominenten und die notorische Berichterstattung über deren kleinere und grössere Dramen einen schädlichen Einfluss auf normale Beziehungen hätten. Seine Patienten, stellte Marshall fest, würden ihre Eheprobleme immer häufiger mit denjenigen der Stars vergleichen – weil die unzähligen Paparazzi-Bilder von einkaufenden oder mit ihren Kindern spielenden Celebrities den Eindruck vermitteln würden, sie seien wie wir. Während früher Filmstars wie Liz Taylor und Richard Burton einem anderen Universum angehörten, scheint das Leben der Starbucks-Becher tragenden Celebrities in ihrer Allgegenwärtigkeit in Reichweite gerückt. Und so denken dann Frauen, dass sie genauso unbesorgt ein Kind ohne Vater grossziehen könnten, wie das «Mad Men»-Schauspielerin January Jones vorhat – die ist zurzeit schwanger, aber Single.

Ein schwerwiegender Irrtum sei das, erklärt Marshall, denn die Lebensumstände von Normalsterblichen hätten mit denen der Prominenz herzlich wenig zu tun, da würden Realität und Fiktion vermischt. Eine weitere Nebenwirkung der täglichen Überdosis Klatsch: Das Misstrauen in Beziehungen hat laut Marshall dramatisch zugenommen. Jeder aufgeflogene fremdgehende Prominente und die seitenlange Berichterstattung darüber hätten zur Folge, dass seine Patienten es mittlerweile normal fänden, das Handy des Partners regelmässig zu kontrollieren. Und sie würden angesichts der scheinbar grassierenden Promiskuität fragen, ob Monogamie eigentlich noch normal sei. Genau das sei das Problem, sagt der in den USA als Dr. Drew bekannte Psychologe Drew Pinksy. Durch die ausufernde Berichterstattung über den exzessiven Lebenswandel der Prominenz – Drogen, Alkohol, Ess-Fress-Sex-Sucht, wechselnde Partnerschaften, Untreue, Shopping, Schönheitsoperationen – würden plötzlich Verhaltensweisen als normal gelten, die eigentlich als pathologisch zu bezeichnen seien. In seinem Buch «The Mirror Effect: How Celebrity Narcissism is Seducing America» erklärt er, dass Stars auffällig oft unter Narzissmus leiden würden, einer Persönlichkeitsstörung, die sich in egozentrischem, selbstverliebtem und mitunter auch selbstzerstörerischem Verhalten manifestiere. Pinsky spricht vom Spiegeleffekt, weil die Leserschaft denke: Die machens ja auch, und die sind schliesslich wie wir. Das sei gesundheitsgefährdend. Lisa Bloom geht nicht ganz so weit. Sie findet bloss, dass man seine Zeit besser nutzen könnte als mit dem Lesen von Promi-Postillen – zum Beispiel mit einem Buch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2011, 21:14 Uhr

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21 Kommentare

Thomas Walter

01.07.2011, 13:31 Uhr
Melden 70 Empfehlung

Für Männer gilt genau das gleiche. Auch sie werden nur aufs Äussere reduziert. Männliche Berühmtheiten üben genau den gleichen narzisstischen Druck auf uns aus. Auch wir müssen Angst haben, dass unsere Frau nicht treu ist. Nur sind es bei uns nicht von Medien breitgetretene Einzellfälle von untreuen Partnern, sondern stichhaltige Statistiken, wie z.Bsp. dass 5% aller Kinder Kuckuckskinder sind. Antworten


Eric Pudles

01.07.2011, 11:42 Uhr
Melden 39 Empfehlung

Schuld an diesem Umstand sind nicht die Celebrity's sondern die Medien. Sie bringen in Sendungen wie G+G, Promis etc. und in der Yellow Press die so genannten Vorbilder. Da werden die Promis verherrlicht und die jungen Mädchen wollen diesen "Vorbildern" nacheifern. Egal ob sie dann "Miss Cervelat" oder Miss Schweiz werden, sie glauben dann hätten sie es geschafft. Antworten




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