Dieter Moors Enthusiasmus für seine Wahlheimat
Von David Nauer, Hirschfelde . Aktualisiert am 02.10.2010 6 Kommentare
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20 Jahre Einheit
Jubiläum in Deutschland: Politiker und Bürger feiern am Sonntag 20 Jahre Wiedervereinigung. Der offizielle Festakt findet in Bremen statt, wo Bundespräsident Christian Wulff seine erste Grundsatzrede halten wird. Auch zahlreiche ausländische Staatsgäste werden erwartet. Am Abend steigt dann in Berlin ein Volksfest mit Feuerwerk, Musik und zahlreichen Prominenten, darunter Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und Ex-Aussenminister Hans-Dietrich Genscher. Am 3. Oktober 1990 war die DDR der Bundesrepublik Deutschland beigetreten.
Der Weg zu Dieter Moor führt aus Berlin heraus, vorbei an Plattenbauten, dann über eine Landstrasse, gesäumt von mächtigen Platanen. Links und rechts Dörfer mit alten Kirchen, gammeligen Gutshäusern und Ställen. Da ein DDR-Kombinat, verfallen und überwuchert, dort eine McDonald’s-Filiale, eine Tankstelle, ein Lidl-Supermarkt. Diese Fahrt birgt Widersprüche en masse.
Dieter Moor ist unter die Ostdeutschen gegangen, die Ossis. Der Schweizer betreibt mit seiner Frau Sonja einen Bio-Bauernhof in Hirschfelde, einem 300-Seelen-Dorf zwischen Berlin und der polnischen Grenze. Den Besuch empfängt er in seiner hellen Küche. Draussen kräuselt sich das Wasser auf dem Dorfweiher, die Kastanienbäume verlieren erste Blätter.
In der Schweiz sei alles fertig
Wenn Dieter Moor erzählt, warum er die Schweiz verlassen hat, dann klingt er wie ein Auswanderer, den es nach Kanada zieht, in die Vereinigten Staaten oder nach Brasilien. In der Schweiz, sagt er, sei alles fertig, wie bei einer aufgestellten Märklin-Modelleisenbahn. «Das Einzige, was du tun kannst, ist den Zug im Kreis fahren lassen.» Im Osten hingegen, schwärmt Moor, da werde noch gebaut, aufgebaut. «Hier schlummert ein unglaubliches Potenzial.»
Etwas muss man Moor lassen: So enthusiastisch wie er spricht kaum jemand von den neuen Bundesländern. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung lamentiert die Republik lieber über sterbende Städte im Osten, über Neonazis und alte SED-Kader.
Der tiefe Graben
Der wirtschaftliche Graben zwischen Ex-BRD und Ex-DDR ist längst nicht überwunden. So verfügen ostdeutsche Haushalte heute nur über 75 bis 80 Prozent der Einkommen ihrer westdeutschen Pendants. Auch im Gefühl der Menschen besteht die Mauer fort, wie eine Studie jüngst zeigte. Vor allem die ehemaligen DDR-Bürger fremdeln mit dem neuen, wiedervereinigten Deutschland. So sagen 59 Prozent der Ostdeutschen, sie wollten die DDR nicht zurückhaben, aber so «richtig» wohl fühlten sie sich in der Bundesrepublik nicht.
Auch in ihrer Bewertung der deutschen Demokratie, staatlicher Machtorgane oder der Polizei sind die Menschen in den neuen Bundesländern viel skeptischer. Eines der Hauptprobleme: Viele ehemalige DDR-Bürger fühlen sich um ihre Lebensleistung geprellt. Der Arbeiter- und Bauernstaat gilt in der bundesdeutschen Öffentlichkeit als Reich des Bösen. Das zeigt sich auch in aktuellen DDR-Filmen, in denen Stasi-Spitzel, Tristesse und spiessiger Realsozialismus dominieren. So etwas generiert Gegenreaktionen. Dann vermengen sich westliches Triumphgefühl und östliche Verklärung der Vergangenheit zu einer giftigen Melange.
Wohnen im Sowjet-Hangar
Doch Dieter Moor lässt sich seinen Optimismus nicht nehmen. Schnell zieht er Bergschuhe an und steigt in seinen weissen Jeep. Auf gehts durch die Ländereien. Wir holpern über Dreckpisten, Vieh schaut uns an, Wildnis. Rund 90 Hektaren Land bewirtschaften die Moors inzwischen, lassen Wasserbüffel und Galloway-Rinder weiden. Das Gebiet um Hirschfelde war reichlich verkommen, als Moor vor sieben Jahren hier ankam. Die Wälder vermüllt von der Roten Armee, die hier einen Luftwaffenstützpunkt betrieben hat, die Felder verbuscht oder brachliegend.
Das ist inzwischen anders: Die Hangars sind fast alle belegt. In einem lagert Biobauer Moor sein Heu, ein anderer wurde zum Wohnhaus umgestaltet, im dritten steigen Partys. Auf den Feldern wächst Korn, sogar das Obst wild wachsender Apfelbäume wird eingesammelt. Und unten im Dorf gibt es eine Kneipe, eine private Kinderkrippe, Handwerker stellen Personal ein. Sogar der Lebensmittelladen soll wiederbelebt werden.
Echte Preussen
Es sind diese kleinen Schritte, die Moor begeistern. Klar, er kann sich ein Leben im Osten leisten. Er verdient als Moderator bei der ARD und anderen deutschen Sendern das Geld, das er in seinen Hof steckt. Doch seine Nachbarn schildert er als zupackendes Volk. Noch nie habe er auch nur einen einzigen «Jammer-Ossi» getroffen. Ganz im Gegenteil. «Die Menschen hier sind aufrecht, treu und arbeitsam – echte Preussen eben.» Und vor allem funktioniere das Miteinander besser. «Jeder überlegt sich: ‹Was kann ich, was dem anderen hilft, was kann der andere, was mir hilft?›», schwärmt Moor.
Die Aufbauprogramme aus dem Westens – Milliarden an Steuergeldern verschlingend – hält der Wahl-Ossi dagegen für mässig nützlich. Beispiel Hirschfelde: Das Dorf hat auf seiner Hauptstrasse einen Belag aus «Flüsterasphalt» bekommen, alle paar Meter steht jetzt eine Strassenlaterne. «Die Wessis hielten die DDR für ‹Dunkeldeutschland› und wollen sie um jeden Preis erhellen», polemisiert Moor. Dabei brächten auch die modernsten Leuchten keine Arbeitsplätze. Noch fragwürdiger: Die Europäische Union hat dem abgelegenen Hirschfelde ein Glasfasernetz spendiert. Das Problem dabei: Für Telekommunikation-Konzerne lohnt es sich nicht, das Dorf ans Internet anzuschliessen. An den Millionenkabeln aus irgendeinem EU-Topf knabbern bald die Mäuse.
Wie heikel das Verhältnis zwischen Ost und West ist, musste zuletzt auch Matthias Platzeck erleben, Ministerpräsident in Brandenburg. Der Sozialdemokrat sagte dem «Spiegel», vor 20 Jahren sei «auf einen schnellen Anschluss statt auf gleichberechtigte Vereinigung» gedrängt worden. Die westdeutsche «Anschlusshaltung» sei auch verantwortlich für die vielen gesellschaftlichen Verwerfungen im Osten nach 1990. Man habe den Ostdeutschen das Gefühl gegeben, «sie müssten alles wegwerfen, es war alles Stasi und ideologieverseucht», so Platzeck.
Ossis lieben Moors Buch
Prompt geriet Platzeck in die Kritik. Ausgerechnet dem ehemaligen Bürgerrechtler wurde ewiggestrige «Geschichtsklitterung» vorgeworfen. Er spiele Ost und West gegeneinander aus, hiess es. Platzeck entgegnete kühl, er habe sich Jubel in der DDR nicht verordnen lassen, und das werde er auch jetzt nicht tun.
Der Schweizer Moor geniesst da mehr Narrenfreiheit. Er hat sie genutzt und seine Erlebnisse im wilden Osten gesammelt und zwischen zwei Buchdeckel geklemmt. «Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht: Geschichten aus der arschlochfreien Zone» heisst das Werk, das sich seit Monaten in den Bestsellerlisten hält. Unverblümt berichtet Moor darin über das Leben in Hirschfelde, das er flugs in «Amerika» umtaufte. Das Örtchen in Brandenburg machte er so zum Ort der unbegrenzten Möglichkeiten – bevölkert von liebenswürdigen Nachbarn, trinkfesten Feuerwehrleuten und schrulligen alten Damen.
Einen besseren Anwalt hätten die Hirschfelder nicht finden können als den Exil-Schweizer. Unter Ossis ist das Buch Kult. Wenn er Lesungen im Osten habe, werde es ihm manchmal unheimlich, sagt Moor. «Die Menschen kommen und sagen: Danke, dass endlich einmal einer geschrieben hat, dass wir auch in Ordnung sind.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.10.2010, 09:42 Uhr
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6 Kommentare
Wirtschaftswachstum ist nur dort möglich, wo noch wirklich etwas fehlt (z.B. Ex-DDR). Dort wo alles bereits da ist, ist echtes Wachstum nicht möglich (z.B. CH) - ausser es wird permanent immer mehr produziert, aber gleich wieder weggeworfen. Letzteres macht eigentlich nicht wirklich Sinn und fördert auch den Wohlstand nicht, sondern macht nur die Umwelt und die Menschen kaputt. Antworten
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