Ein Autismus-Forscher als Feindbild der Feministinnen

Der englische Psychologe Simon Baron-Cohen glaubt, dass Autisten ein extrem männliches Gehirn haben. Schuld daran sei das Testosteron im Mutterleib.

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Für Feministinnen ist er ein rotes Tuch, seine Arbeit wurde im Feuilleton der NZZ sogar als Machwerk abgekanzelt. Denn der englische Psychologe Simon Baron-Cohen bewegt sich im Minenfeld des Geschlechterkampfes. Schuld ist seine Testosteron-Studie. Er zeigte darin, dass sich Kinder umso «männlicher» verhalten, je mehr Testosteron sie im Mutterbauch ausgesetzt waren. Nach weiteren Forschungen, in denen er auch die Gehirnaktivität von Männern und Frauen mittels bildgebender Verfahren testete, kam Baron-Cohen zum Schluss, das Gehirn des durchschnittlichen Mannes funktioniere mehr in Systemen, während Frauen mehr empathische Denkmuster zeigten. In seinem 2004 erschienenen Buch «Vom ersten Tag an anders» prägte der Psychologe dann die Begriffe vom E-Gehirn (empathisch, eher weiblich) und vom S-Gehirn (systematisch, eher männlich).

Damit trieb Baron-Cohen seine Kritiker zur Weissglut. Dass der Unterschied zwischen Mann und Frau biologische Ursachen haben könnte, war für sie schwer zu verdauen. So würden viele Vorurteile bestätigt und Klischees in Stein gemeisselt. Ein Fehlschluss, den Baron-Cohen bei jeder Gelegenheit korrigierte: Denn selbst wenn eine Eigenschaft in einer Gruppe durchschnittlich vorherrscht – etwa das systematische Denken bei Männern – bedeutet dies nicht, dass nicht auch Frauen systematisch denken können. «Es arbeiten auch S-Gehirne in weiblichen Köpfen», sagte Baron-Cohen damals, «und dies ganz ohne Abweichung im Hormonprogramm». Doch solche Differenzierungen wurden im Eifer überhört.

Knaben lernen später sprechen

Simon Baron-Cohen, der diese Woche in Zürich weilte, taugt nicht als Feindbild. Die rhetorische Keule zu schwingen, liegt ihm fern. Schillernd an ihm ist nur die Verwandtschaft mit dem Komiker Sacha Baron-Cohen alias Borat oder Ali G., der sein Cousin ist. Simon Baron-Cohen ist 52 Jahre alt, Vater von zwei Knaben und einem Mädchen, und er ist Vegetarier – «eine persönliche Entscheidung, die ich schon lange getroffen habe», sagt er.

Am Anfang seiner wissenschaftlichen Karriere vor 30 Jahren war er Sonderschullehrer für autistische Kinder. «Damals wusste man praktisch nichts über Autismus. Wir waren sechs Lehrer, die sechs betroffene Kinder betreuten.» Heute ist er einer der renommiertesten Autismus-Forscher und Direktor des Autismus-Forschungszentrums an der Universität Cambridge. Nach Zürich ist er gekommen, weil er eine DVD für autistische Kinder vorstellte. «Unsere Forschung mit dem Testosteron kam erst später. Zuerst hatten wir mit psychologischen Tests einfach festgestellt, dass sich Mädchen und Buben anders entwickeln», erzählt Simon Baron-Cohen. Doch er interessierte sich vor allem für Autismus und das Rätsel, wieso davon mehrheitlich Knaben betroffen sind.

Knaben funktionieren wie Autisten

Rund ein Prozent der Bevölkerung leidet heute an dieser Entwicklungsstörung, vier Fünftel davon sind Knaben. Betroffenen scheint der wichtige Schritt zum Perspektivenwechsel nicht zu gelingen. Wenn andere Kinder diese «Theory of Mind» im Alter von drei, vier Jahren gelernt haben, können sich Autisten nie in andere Personen hineinversetzen. Gefühle in Gesichtern können sie nur schwer erkennen. Zum Teil haben sie Probleme bei der Sprachentwicklung.Doch rund 30 Prozent der Autisten haben auch eine geniale Seite – in Teilbereichen wie etwa in der Mathematik oder in der Musik brillieren sie mit unglaublichen Fähigkeiten. «Autisten zeigen uns, dass es irgendwo einen Bruch gibt zwischen sozialen Fähigkeiten sowie sozialer Intelligenz und der generellen Intelligenz», sagt Simon Baron-Cohen. «Dieser Aspekt fasziniert mich.»

Laut Baron-Cohen haben Autisten ein männliches Gehirn in seiner Extremvariante. «Wir wissen, dass Knaben im Durchschnitt später sprechen lernen und weniger soziale Kompetenzen an den Tag legen als Mädchen», sagt der Autismus-Forscher. «Dafür haben sie mehr Freude an systematischen Dingen. Bei Autisten sind diese Eigenschaften noch viel ausgeprägter.» Dies zeigen auch Untersuchungen mit modernen bildgebenden Verfahren, mit denen sich die Hirnaktivität von Probanden direkt beobachten lässt: Das Betrachten von Gesichtern, die verschiedene Emotionen signalisieren, aktiviert eine Region in der linken Hirnhälfte, den medialen präfrontalen Kortex. Bei Frauen und Mädchen war diese Region am stärksten aktiv, bei Autisten am wenigsten, während die männlichen Testpersonen in der Mitte des Spektrums lagen.

Gesellschaft oder Gene?

In den vergangenen 30 Jahren ist die Zahl der diagnostizierten Autisten rasant angestiegen. «Damals waren es 4 von 10 000 Menschen», sagt Simon Baron-Cohen. «Heute ist es 1 von 100.» Wäre es nicht möglich, dass die Betroffenen Opfer des Gesellschaftswandels sind und in einer Welt, in der soziale Kompetenzen und Kommunikation immer wichtiger werden, einfach nicht mehr klarkommen? Dass also vor allem Knaben in einer feminisierten Welt benachteiligt sind? «Das ist möglicherweise der Grund, wieso wir immer mehr Fälle von Autismus erkennen», sagt Simon Baron-Cohen. «Aber eine Ursache von Autismus kann das nicht sein.»

Ob die Testosteron-Konzentration im Mutterbauch bei Autismus eine Rolle spielt, wird sich Ende Jahr zeigen. Spätestens dann veröffentlicht Baron-Cohen die Resultate einer Studie, in der er in Zusammenarbeit mit einer dänischen Biodatenbank Tausende Fruchtwasserproben – auch von Autisten – analysiert hat. In seiner ersten Testosteron-Studie hatte er nämlich nur Proben von 200 Kindern untersucht. Das reichte gerade, um den kleinen Unterschied zwischen Knaben und Mädchen festzustellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2011, 15:38 Uhr

Er treibt seine Kritiker zur Weissglut: Simon Baron-Cohen. (Bild: autismresearchcenter.com)

DVD für autistische Kinder

Der englische Autismus-Forscher Simon Baron Cohen hat eine DVD speziell für autistische Kinder entwickelt, die nun in deutscher Übersetzung auch in der Schweiz erhältlich ist.

Autistische Kinder können Emotionen in den Gesichtern nicht wahrnehmen. Oft interessieren sie sich dagegen für technische Dinge, die sich systematisch und vorhersagbar bewegen – Trams zum Beispiel oder Züge. Diese Tatsachen haben die Forscher ausgenutzt: Sie haben in ihrer DVD «The Transporters» die Fahrzeuge mit reellen Gesichtern animiert und damit 15 Episoden eingespielt, die unterschiedliche Emotionen darstellen.

In einer Auswertung mit 5- bis 8-jährigen Kindern konnten die Forscher den Nutzen ihrer DVD nachweisen. Kinder mit dem Asperger-Syndrom – eine mildere Form von Autismus – lernten Gefühlsausdrücke in fremden Gesichtern richtig wahrnehmen, wenn sie die DVD einen Monat lang 15 Minuten täglich anschauten. Doch war die Wirkung auch nachhaltig? «Dies möchten wir in einem nächsten Projekt herausfinden», sagt Baron-Cohen. Dazu werden die Forscher mittels Hirnscan allfällige Veränderungen in der Hirnaktivität der Patienten nach der Benutzung der DVD messen.

Das Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie hat die DVD übersetzen lassen. Sie ist in der Schweiz beim Elternverein Autismus deutsche Schweiz erhältlich.

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