Ein Plädoyer für natürlichen Sex
Von Bettina Weber und Thomas Wyss. Aktualisiert am 23.05.2011 30 Kommentare
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Sex ist eine ziemlich simple Angelegenheit, sonst wär die Menschheit ja längst ausgestorben. Rein-raus-rein-raus, fertig ist der kleine Klaus. Dennoch wird unser Zweierbüro von Sex-Ratgebern geradezu überschwemmt. Die neusten Ankömmlinge heissen «Sex für Könner. Die Kunst, Frauen um den Verstand zu bringen» und «Klartext für Männer. Was Frauen wirklich wollen»; was drinsteht, ist voll abgelutscht. Wir sind angeödet. Und finden: Es reicht mit den Mythen vom besseren Sex durch spezielle Praktiken oder künstliche Beihilfen. Die wahre Ware ist der Blümchensex, der Beischlaf alter Schule: schelmisch, schlicht, schön.
Mythos 1: Musik Die «Lose-lose»-Situation
Sie hat alles probiert (bis auf Kuschelrockschrott, sie hat schliesslich Stil): Hat Barry White und Isaac Hayes soulen lassen, die scharfen Chili Peppers reingeschoben, ebenso kühlen Techhouse, Cat und Sufjan Stevens, gar Goa, das Resultat war stets dasselbe: Der Typ war einfach nicht dabei, der Bodytalk blieb ein Monolog. Schlimm ist, dass er gar nichts dafür kann. Es ist das altbekannte Problem des Mannes – er hat die Gabe, sich auf exakt ein Ereignis zu konzentrieren. Eins. Nicht eins Komma drei. Sein Hirn arbeitet nämlich seriell. Wenn er also Musik hört, die ihm gefällt, hört er Musik, die ihm gefällt, dann kann er dazu nicht auch noch Sex machen. Ganz anders die Frau. Sie könnte während des Akts locker telefonieren, TV schauen, die Nägel lackieren, ein Käsebrot mampfen. Kommt aber Sound ins Spiel, ist sie derart rhythmusfixiert, dass sie nicht bemerkt, wenn ers gern gemächlicher hätte. Ergo geht die Sache dann oft vorschnell in den Gummi. Musik und Sex – eine klassische «Lose-lose»-Situation.
Mythos 2: Spezielle Orte Badewanne
Allein wegen der Tatsache, dass er nicht im Bett stattfindet, wird der Sex nicht besser. Im Gegenteil. Im Lift ist die Beleuchtung so unvorteilhaft wie in einer Umkleidekabine, im Auto kann sich die Handbremse oder der Airbag lösen, im Gebüsch hats Dornen und Viecher, die sich am Ende noch in irgendwelche Körperöffnungen verkriechen. Zudem droht ab einem gewissen Alter wegen der verrenkten Stellung ein Bandscheibenvorfall – der Gipfel der Un-Erotik! Wenn Sie nun einwenden, aber in der Badewanne, da ist es sicher und ja schon auch sehr sexy, mit der ganzen Flutschigkeit und so, denken Sie daran: Einer muss auf dem Stöpsel sitzen. Zumindest am Anfang. Und dann wird das Wasser überschwappen, und Frauen reagieren darauf sehr unentspannt, erst recht, wenn sich die Wasserlache Richtung Parkett bewegt. Worauf sie sich zwecks Schadensminderung kurz entschuldigt und putzt, was er eventuell erotisch finden könnte, aber eben nicht tun wird, weil ihm einfällt, dass die Hausratsversicherung eigentlich auch mal wieder erhöht werden müsste. Wären die beiden im Bett geblieben, hätten sie längst Sex.
Mythos 3: Rollenspiele «Bitte mach mir den Hund!»
Früher, heisst es, seien regelmässig buspere junge Männer in die Sprüngli-Cafeteria am Paradeplatz gepilgert, wissend, dass dort einsame Züriberg-Ladys hockten, die für ausgefallene Liebesdienste gutes Geld bezahlten. Kam es zum Deal, krochen die Jungs bald darauf nackig und durch die Stube der Hausherrin und machten auf ihr Flehen hin («Bitte mach mir den Hund!») Bellgeräusche und andere Sachen, die Vierbeiner so tun. Jene, die mehr Glück hatten, durften statt des Wauwaus Louis XIV spielen oder die ehrenwerte Dame in der Sechseläuten-Tracht des abwesenden Gatten begatten. Mag sein, dass das bloss eine urbane Legende ist. Dennoch offenbart sie das zentrale Problem des sexuellen Rollenspiels: Über kurz oder lang ist es absolut lächerlich. Allein die Vorstellung, dass derselbe Mann, mit dem sie beim Zmorge über Politik oder Woody-Allen-Filme diskutiert, 12 Stunden später mit Gasmaske, Minijupe und Lackstiefeln durchs Schlafzimmer stolziert und keucht «Rapunzel, lass dein Haar herunter!», derweil sie mit Langhaarperücke auf dem Bett stehen muss, ist absurd, befremdend, peinlich – aber sicher nicht geil. Dass sich viele Rollenspieler im Laufe ihrer Karriere in Knackstherapie begeben müssen, erstaunt deshalb nicht wirklich.
Mythos 4: Esswaren Es gibt nur eine Basinger . . .
Sie haben «9½ Wochen» gesehen und möchten jetzt auch ein bisschen wie Kim Basinger und Mickey Rourke sein, und deshalb bringen Sie Erdbeeren und Eiswürfel und Schlagrahm ins Spiel. Lassen Sie das. Sie werden nicht aussehen wie Kim Basinger, sondern wie das bemitleidenswerte Pummelchen, das im Klassenlager mit verbundenen Augen ein an einem Faden baumelndes Schoggistängeli mit dem Mund zu erhaschen versuchen musste. Und er wird nicht so geschickt sein wie Mickey Rourke, darauf können Sie Gift nehmen. Das Ganze wird in einer Sosse enden und Ihr Bett für lange Zeit komisch riechen.
Mythos 5: Pornos . . . und auch nur einen Hengst
Sexgott! Italian Stallion! Mr. 23-Zentimeter! Dies sind nur drei von vielen Titeln, mit welchen Pornodarsteller Rocco Siffredi in seinen produktivsten Jahren bedacht wurde. Der Italiener galt (und gilt für viele heute noch) als der Grösste seiner Zunft, nicht nur was die Länge seines Lümmels anbelangt. Das Problem, an dem alle Pornos kranken, kann aber auch er nicht lösen, im Gegenteil: Gerade «Hengste» wie Siffredi, die ihre «Stuten» im Akkord bespringen, lösen beim normalen Mann schwere «Wieso kann ich nicht so oft und so gut?»-Komplexe aus. Kommt hinzu, dass das meist mitten in die Linse geballerte Sperma etwa so appetitanregend ist wie frisches Gammelfleisch. Wohl deshalb haben in den letzten Jahren die Eigenproduktionen stark zugenommen; immer mehr europäische Paare, war kürzlich zu lesen, würden die Digitalkamera starten, bevor sie sich aufeinanderlegen. Das ist okay, wenn man zwei Sachen bedenkt. 1. Es gibt nur einen Rocco Siffredi! 2. Sollte das selbst gedrehte Material den eigenen Kindern in die Finger kommen, braucht es einen sehr teuren Psychiater, um das Trauma zu verarbeiten.
Mythos 6: Kerzen und Massagen Vanille ist Glace. Oder Creme
Es gibt so etwas wie Pheromone. Also sexuelle Lockstoffe. Im Idealfall reagiert man auf diejenigen seines Partners/seiner Partnerin positiv, das heisst, wollüstig. Wenn jetzt da so Kerzen rumstehen, die Vanillearoma verströmen oder Wassermelone oder am Ende gar Patschuli, dann werden Ihre Sinne vernebelt und Sie pfuschen der Biologie ins Handwerk. Vanille ist Glace. Oder Creme. Punkt. Zudem drohen wegen des penetranten Geruchs Migräneattacken, was den frühzeitigen Abbruch der geplanten Übung zur Folge haben dürfte. Menschen, die mit aufdringlichen Düften irgendwelche Stimmungen zu kreieren versuchen, sind ebenso verdächtig wie jene, die Massageöle zum Einsatz bringen, weil sie mal einen Kurs besuchten und seither denken, das Nackenkneten könne auch erotisch angewandt werden.
Mythos 7: Drogen Sex and Drugs = Rock ’n’ Roll?
In den sexuell befreiten Sixties erfreute sich eine Nummer namens «White Rabbit» grosser Beliebtheit. Bei dieser Praktik wurden Schleimhäute zur Luststeigerung mit Kokain bestäubt; ironischerweise waren es selbige Schleimhäute, die den Brauch bald seiner Sexiness beraubten – weil sie bei reger weisser Hoppelei irreparablen Schaden nahmen. Die nächsten Partygenerationen brauchten das Dope dann zur Überwindung mani-matterscher «Hemmige» oder als Schlüssel aus dem Alltagsknast; entsprechend verkrampft oder betäubt war der Drogensex; ein Ritual wie Hamburger essen oder abwaschen. Heute ist das anders, heute zelebriert die «Generation zügellos» die totale (ja fast totalitäre) Grenzüberschreitung; statt «panem et circenses» heisst es «Drogencocktail und Komasaufen». Ziel ist Sex ab der H&M-Stange – möglichst billig, dafür umso mehr. Sinn und Sinnlichkeit? Zero points! Aber so richtig Rock ’n’ Roll sei es eben doch nicht, hört man Teenies klagen, irgendwas laufe falsch. Vielleicht, «dass man gar nicht mehr spürt, was man eigentlich spürt», wie jüngst ein Botellón-Stecher ins TV-Mikrofon lallte? Horcht man Alt-Hippies aus, sind aber auch die durch potente Marihuana-Gugen, LSD und Psilos beflügelten Zauberweltorgien entmystifiziert: Als fliegendes Eichhörnchen bunte Riesennüsschen zu bumsen, war genauso lang irr(e)witzig, bis man Mengen von Psychopharmaka schlucken musste, um wieder vom Trip runterzukommen. Und Viagra? RTL-2-Bilder von deutschen Senioren, die zwar tot, aber mit stramm aufrechter Morgenlatte im Bangkoker Hotelzimmer liegen, machen echt null Bock auf die Potenzsteigerer.
Mythos 8: Sex-Toys Spielsachen sind Kinderkram
Eine Frau ohne Vibrator gilt heutzutage als Prüdmarie. Oder als verklemmt. Jedenfalls als irgendwie sexunlustig. Wie wenn diese diversen Spielsachen – grösster Beliebtheit erfreuen sich ja auch Handschellen aus Plüsch oder herzige Peitschlein in Rosa oder Würfel, deren Seiten anzeigen, welche Körperstellen man bitte schön liebkosen soll – etwas anderes wären als eben: Spielsachen. Und Spielsachen sind Kinderkram. Abgesehen davon: Dieses Hantieren mit technischen Geräten ist unsinnlich, und gewisse Maschinen machen störende Geräusche, die an eine elektrische Zahnbürste oder einen Handstaubsauger erinnern, was der Erotik einigermassen abträglich ist. Eventuell müssen Sie im entscheidenden Moment die Batterien wechseln, was dann so einen Hauch von Panne verströmt und die Erregungskurve steil abfallen lässt. Bei den Handschellen mag dies nicht drohen, dafür hängen Sie dann an Ihrem Bettpfosten und müssen sich gebärden, wie wenn Sie in Ekstase geraten würden, dabei kommen Sie sich nur peinlich vor. Und überhaupt haben Sie die Hände nicht frei, um denjenigen (oder: derjenigen), der/die gerade sehr ungeschickt zugange ist an Ihren primären Geschlechtsteilen, energisch auf den richtigen Weg zu führen. Sie werden nicht wahnsinnig vor Glück, sondern vor Verzweiflung.
Mythos 9: Striptease Eine Stange ist zum Trinken da
Praktisch jeder anständige Kerl hing schon mal in einem Stripschuppen rum. Was er da erlebt? Ein bisschen Johlen und Grölen, sich ein etwas wild und verrucht fühlen . . . und am Ende ist die Brieftasche leer und Hose tot, weil die Show kaum erotischer war als das aufreizende Gestelze der schwulen Flamingos im Züri-Zoo. Eine Stange, das weiss man allerspätestens in diesem Moment, die ist zum Trinken da, nicht zum Tanzen. Girls dagegen begegnen den Callboys meist an den Midlife-Crisis-Partys ihrer diversen zweitbesten Freundinnen. Dort zieht sich die muskulöse und eingeölte Dumpfbacke so lange aus, bis sie nur noch im Glitzerslip dasteht. Es wird gekreischt, danach isst frau Schoggitorte – was zwar auch nicht heiss, aber wenigstens glücklich macht. Wer über dieses Wissen verfügt, wird sich hüten, für die Partnerin oder den Partner jemals einen Homestrip hinzulegen.
Mythos 10: Ménage-à-trois Vier Brüste sind zwei zu viel
Sie denken, das wäre jetzt das Allerschärfste, weshalb es sich bei Ihnen mit grösster Wahrscheinlichkeit um einen Mann handeln muss. Sie stellen sich also vor, wie total erregend das wäre, sich wie ein Pascha von zwei Frauen gleichzeitig beglücken zu lassen. Dabei vergessen Sie in Ihrer Aufgeregtheit, dass Männer im Multitasking irgendwie nicht so gut sind (siehe «Die ‹Lose-lose›-Situation»). Sie werden also mit vier Armen und Beinen und Brüsten komplett überfordert sein, die Situation als höchst unübersichtlich empfinden und sich verschämt eingestehen, dass Sie ja schon mit einer einzigen Frau mitunter an Ihre Grenzen stossen. Aus umgekehrter Sicht ist es nicht besser. Männer sind kompetitiv, erst recht, wenn es um Sex geht. Sie werden versuchen, sich im Hahnenkampf gegenseitig zu übertrumpfen, wobei Ihre Bedürfnisse keine Rolle spielen werden, und ständig wird der eine beleidigt sein, weil er jetzt grad nicht darf oder Sie mehr stöhnen beim anderen, und früher oder später wird sich einer vernachlässigt fühlen und schmollen. Und den können Sie dann trösten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.05.2011, 20:35 Uhr
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30 Kommentare
Bettina Weber und Thomas Wyss solten beim Stino-Vanilla-Sex beiben, wenn ihnen das ja Spass macht. Ich stehe auf Rollenspiele und diese kann man nicht einfach so mal an einem Abend ausprobieren. Ein Rollenspiel kann schon mal unter Umständen 1-3 Tage dauern und setzt die Neigung dazu, viel Fantasie und reichlich Hingabe voraus und natürlich den geeigneten, andersgepolten Partner. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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