Leben

Ein runder Geburtstag

Von Ralph Poehner (Clack). Aktualisiert am 23.02.2012

Vor 50 Jahren begann ein neues Zeitalter des Körperkults: Erstmals liess sich eine Frau künstlich die Brust vergrössern. Das Silikonkissen wurde so erfolgreich, dass wir heute das Unnatürliche als natürlich empfinden.

Eine Ikone der Silikon-Epoche: Werbeplakat für einen Fotoband der amerikanischen Schauspielerin Pamela Anderson (Buchmesse Frankfurt 2005).

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Bild: Keystone

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Die erste Frau mit einem Silikonbusen: Timmie Jean Lindsey vor der Operation 1962.

Die Französin Lolo Ferrari schaffte es mit einer monströsen Silikon-Oberweite ins «Guinnessbuch der Rekorde». Sie starb 2000 unter mysteriösen Umständen. Gemunkelt wurde, sie sei am Gewicht ihres Busens erstickt.

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Es ist ein Fall für die bekannte Reaktion: «Was, so lange ist das schon her?» Jawohl, so lange. 2012 begehen wir nicht nur den fünfzigsten Jahrestag der Kubakrise oder der Gründung der Rolling Stones – nein, vor einem halben Jahrhundert erhielt auch erstmals eine Frau ein Brustimplantat. Aus Silikon.

Ihr Name: Timmie Jean Lindsey. Beachtet wurde die Sache bislang kaum, dabei könnte man mit Fug und Recht behaupten, Frau Lindseys Brüste hätten die Welt ebenso verändert wie Mick Jaggers Lippen. Immerhin avancierte die Brustvergrösserung zur meistverbreiteten Schönheitsoperation der Welt (in der reichen Schweiz allerdings ist Fettabsaugen noch etwas beliebter). Sagenhafte 5 bis 10 Millionen Frauen machten es seither Timmie Jean Lindsey nach, und diese Zahl wiederum sorgt dafür, dass auch die übrigen Frauen sich mit dem Fremd-Körper beschäftigen müssen – irgendwie. Und sei es auch nur unausgesprochen. (Lesen Sie dazu auch: «Die perfekte Vagina (gibt es nicht)»)

Die Pionierin selbst war, als sie sich im März 1962 unters Messer legte, ein klassisches Versuchskaninchen. Eine Fabrikarbeiterin aus Texas, 30 Jahre alt, sechs Kinder, die kurz zuvor geschieden worden war. Sie wollte sich das Rosen-Tattoo entfernen lassen, welches ihr der Ex aufgeschwatzt hatte und das quer über die Brust lief. Thomas Cronin, ein Arzt im Jefferson Davis Hospital in Houston, machte ihr einen Zusatzvorschlag: Was, wenn sich die sechsfache Mutter die Brust neu formen liesse? Der junge Arzt hatte kurz zuvor auf einem Kongress in New Orleans von einem Wunderstoff erfahren, der sich offenbar gut verträgt mit dem Körper und in verschiedensten Härtestufen hergestellt werden kann: Silikon. Einen ersten Prototyp eines Silikonkissens hatte Cronin bereits einer Hündin namens Esmeralda eingebaut; die frühe Schönheitschirurgie ging ähnlich vor wie die Raumfahrtsingenieure jener Jahre: erst Hund, dann Mensch.

Timmie Jean Lindsey zögerte: Sie konnte sich höchstens vorstellen, ihre Ohren richten zu lassen – worauf ihr die Ärzte ein Kombi-Angebot machten: Okay, die machen wir gleich mit. Wonach die alleinerziehende Mutter ihrerseits das Okay gab. Doch zugleich stellte sie sich selber die Frage: Warum tue ich mir das an? Es ist die Frage, die seit fünfzig Jahren zur Busenvergrösserung gehört und die beim jüngsten Skandal ums französische Industrie-Silikon in den Brüsten von tausenden Europäerinnen wieder neu aufflammte: Warum tun sich so viele Frauen das an? (Lesen Sie auch: «Das Silikon der Luxushühner») Die Texanerin selber erzählt, dass sie sich damals, nach der Operation, stur weigerte, ihre Brüste genauer zu beachten und zu betasten, aus Angst, sich gerade dadurch nie an das Künstliche gewöhnen zu können – nämlich dadurch, dass man ihm zu viel Beachtung schenkt.

Der Wunsch nach schierer Grösse

Aber die Vorstellung eines künstlichen Elements im Körper war offenbar nicht abstossend genug gegenüber der Verheissung bestimmter Schönheitsanforderungen. Die Rundungsideale, welche Hollywood-Grössen à la Marilyn Monroe oder Gina Lollobrigida in jenen Jahren verkörperten, wurden offenbar jetzt auch enorm persönlich genommen.

Blickt man allerdings auf die fünf Jahrzehnte seither zurück, gibt anderes zu denken. Zum Beispiel, wie sehr die Ausbreitung solcher Schönheitsoperationen parallel lief mit der Emanzipation und dem Feminismus. Aber auch, dass der Wunsch nach der Brustvergrösserung heute, in den Zeiten unauffälligerer Stars wie Angelina Jolie oder Gwyneth Paltrow respektive schmalbrüstigerer Laufsteg-Models, noch drastisch zugenommen hat.

Die künstlich gestaltete Brust wurde zu einem Teil unserer Normalität – samt den entsprechenden Zwängen. «Sie sieht unnatürlich aus, aber es wurde natürlich, sie zu sehen»: So formulierte Virginia L. Blum, eine Forscherin zum Thema, die Sache unlängst im Londoner «Guardian»: «Es ist Teil unserer ästhetischen Landschaft. Ich denke, heute wird es nicht als extrem betrachtet, sondern als Routine.»

«Wir wollen und benötigen diese Bestätigung»

Laut einem der 1962 beteiligten Ärzte führt die Operation tatsächlich auf den Kern unserer Geschlechterwahrnehmung zurück: Die Popularität kosmetischer Brustimplantate spiegle, wie sehr unsere Kultur den Geschlechterdistinktionen noch verpflichtet sei, sagte Thomas Biggs ebenfalls im «Guardian»: «Es ist ein äusseres Zeichen des Geschlechts der Frau, und wir wollen und benötigen diese Bestätigung.» Biggs war seit jenem März 1962 an über 8000 Brustoperationen beteiligt, und er kam zum Schluss, dass die Brust und ihre Grösse enorm wichtig seien fürs Selbstverständnis einer Frau: «Man kann witzeln, dass Brustimplantate fürs Auge der Männer gemacht werden – oder um andere Frauen neidisch zu machen. Und daran mag auch ein kleines bisschen Wahrheit sein. Aber in Wirklichkeit helfen sie einer Frau, ihr eigenes Geschlecht sich selber gegenüber zu bestätigen.» (Lesen Sie auch: «Das Jahrzehnt der Implantate»)

Tatsächlich scheint die Sache – auf den ersten Blick kaum zu glauben – eine epochenübergreifende Obsession von Frauen zu sein. Eine New Yorker Wissenschaftsjournalistin, Teresa Riordan, hat nachgezeichnet, dass zwei Drittel aller Patente, die zwischen 1850 und 1950 für Erfindungen zur Busenvergrösserung eingereicht wurden, von Frauen kamen – Gummibänder, Salben, Korsette et cetera. Und dies in einer Epoche, in der Frauen eigentlich kaum Erfindungen patentierten.

Das Handicap beim Aerobic

In früheren Jahren, so fand Teresa Riordan heraus, liessen sich manche Frauen allen Ernstes Tierfette oder Paraffin in den Busen spritzen. Insofern könnte man den Schritt von Timmie Jean Lindsey – ähnlich ihrem Zeitgenossen Neil Armstrong – ja auch tatsächlich als bedeutenden Schritt für die Menschheit verstehen.

Die damalige Arbeiterin jedenfalls hat sich mit ihren Implantaten angefreundet: «Ich bin stolz darauf, was ich getan habe», sagte sie jüngst der britischen «Daily Mail». Heute ist Lindsey 80 Jahre alt, hat 16 Grosskinder, arbeitet immer noch gelegentlich als Pflegerin und hat sogar noch die Kissen im Körper, die ihr Dr. Cronin anno 1962 einbaute. Sie räumt allerdings auch ein, dass ihr die Brüste ab den 1980er-Jahren verstärkt Schmerzen bereiteten. Zum Beispiel beim Aerobic.

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Erstellt: 22.02.2012, 21:26 Uhr


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