Eine Beziehung fürs Leben
Bea Emmenegger ist Chefproduzentin bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.
Es kursierte eine Liste. Eine Freundin der Familie erzählte mir davon, hinter vorgehaltener Hand. Auf der Liste standen die Namen von Frauenärzten, die im Ruf standen, jungen Mädchen die Pille auch ohne Einwilligung der Eltern zu verschreiben. Die zu bekommen, schien mir und meinen Schulfreundinnen anfangs der Siebzigerjahre aussichtslos.
Den Freundinnen, mehrheitlich Töchter aus guter Goldküsten-Villa, eilte es nicht so sehr, mir aber schon. Ich hatte Sex. Und mein Freund hasste Kondome. Dass das auch auf all seine Nachfolger zutreffen würde, wusste ich damals noch nicht. Ebenso wenig, dass Verhütung fortan stets mein Problem sein würde. Die Freundin meiner Mutter hatte die Liste besorgt, ich hatte mich angemeldet. Meine Mutter sagte kurz vor dem Termin beiläufig, ich müsste mir jetzt dann mal einen Gynäkologen suchen. Es gebe da eine Liste mit fortschrittlichen Frauenärzten, die jungen Mädchen die Pille verschreiben würden. Ich gestand meinen Termin, sie war perplex, entsetzt über mein Sexleben, wütend, dass ich sie nicht ins Vertrauen gezogen hatte und schliesslich schicksalsergeben. So vorauseilend war mein Gehorsam in der Regel nicht.
Die Nebenwirkungen waren vielfältig und furchteinflössend
Natürlich löste die Pille nur ein Problem und schuf zahlreiche andere. Man musste an sie denken. Damals hiess es noch, man müsse sie möglichst täglich zur selben Zeit einnehmen, sonst lasse der Schutz nach. Sie stand im Verdacht, dick zu machen. Gerade für junge Mädchen fast so erschreckend wie eine Schwangerschaft. Alle kannten eine junge Frau, die ungewollt Mutter geworden war: «Das Baby hatte die Pille in der Hand», hiess es dann.
Die Gynäkologen empfahlen, alle paar Jahre Pillenpause zu machen. Erklären Sie das mal einem jungen Mann, der Kondome hasst und immer will. Später wurde die Pille zur potenziellen Killerin: Sie steigere das Brustkrebsrisiko, und wenn man auch noch rauche, sei man praktisch schon tot. Ein bisschen ungemütlich fand man das schon, bei der Frage Pille oder Zigarette entschied ich mich gegen die Pille. Wegen Aids wurden sowieso Kondome unverzichtbar. Die Männer hassten sie immer noch. Und überhaupt, sie seien sauber, es gehe eigentlich ja nur um Verhütung, und war die jemals nicht Frauensache?
Die Gefahr einer Schwangerschaft wurde geringer, altersbedingt, dafür empfahl mein Frauenarzt die Pille irgendwann gegen Wechseljahrbeschwerden. Ja nicht, warnen immer wieder neue Studien, das Brustkrebsrisiko steigt enorm. Quatsch, sagen andere, die den Studien falsche Methodik vorwerfen. Mein Frauenarzt sagt, die Pille heute sei mit jener vor 50 Jahren nicht mehr zu vergleichen, sei besser verträglich und mit sehr viel weniger Nebenwirkungen behaftet.
Das Verdienst der Feministinnen, sagt Alice Schwarzer. Sie hätten so lange verträglichere Präparate gefordert, dass die Nebenwirkungen heute minimal seien. Die Wirkung hingegen sei maximal gewesen, ohne die Pille wäre die Emanzipation der Frau in diesem Ausmass nicht möglich gewesen.
Genau. Und der Papst ist noch immer der Meinung, sie sei des Teufels. Benedikt XVI. erklärte vor ein paar Jahren, die Enzyklika aus dem Jahr 1968, in der sie verboten wird, habe weiterhin Gültigkeit. Vermutlich kursieren in katholischen Ländern Listen mit Ärzten, die sie ohne Umschweife verschreiben.
Erstellt: 18.08.2010, 13:11 Uhr

































































































































