Leben

«Eine Blutrache sieht nur die Tötung eines Mannes vor»

Von Nina Merli. Aktualisiert am 23.08.2011 46 Kommentare

Die Familie der getöteten Kosovarin aus Pfäffikon soll die Blutrache gegenüber der Familie des Täters ausgesprochen haben. Ein Experte erklärt, worum es bei dieser alten Tradition geht und wann sie angewendet wird.

1/8 Hier geschah die erste Tat: Der 59-jährige Kosovare erschoss seine Frau beim Bahnübergang.
Bild: Markus Heinzer, newspictures

   

Das sagen die zuständigen Behörden

Marcel Strebel, Chef der Informationsabteilung der Kantonspolizei Zürich: Es wird keine spezielle Statistik zum Thema «Blutrache» geführt. Nebst den üblichen strafprozesssualen Abläufen leitet die Kantonspolizei, sofern sie Kenntnis von Drohungen im Sinne einer «Blutrache» erhält, weitere Massnahmen ein. Insbesondere benachrichtigt sie die zuständigen Behörden und nimmt Kontakt mit den betroffenen Familien auf. Die Kantonspolizei Zürich betreibt zudem eine Fachstelle mit Spezialisten, die zu hier ansässigen Men­schen und Institutionen aus fremden Kulturkreisen Beziehungen und Kontakte pflegt und in solchen Fällen auch beigezogen werden kann.

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Was ist der Kanun?

Der Kanun ist das mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht des albanischen Volkes. Darin sind alle Gesetze, Verbote, Gebote, Richtersprüche und Verhaltensregeln, wie sie über Jahrhunderte ungeschrieben gültig waren, als gesellschaftlicher Ordnungs- und Organisationsrahmen festgesetzt. Geregelt werden wichtige Bereiche des Alltagslebens, Rituale und Feste, Hochzeiten, Begräbnisse, Erbschaft oder die Lösung gewalttätiger Konflikte.
Der Kanun steht in vielerlei Hinsicht zum staatlichen Recht, das keine Blutrache oder andere Formen gewaltsamer Selbsthilfe toleriert, in direktem Gegensatz. Die Tradition sieht demgegenüber vor, dass die Familien diese Dinge selber regeln.
Träger der Ehre ist der Mann, Ehrverletzungen können nicht entschädigt, sondern nur vergeben oder «mit Blut abgewaschen werden».

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Der Doppelmord in Pfäffikon könnte noch mehr Opfer kosten: Die Familie der erschossenen Ehefrau des Täters Shani S. soll laut Berichten der «SonntagsZeitung» über einen Mittelsmann der Familie des Täters mitgeteilt haben, dass man sich rächen werde. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit einem Experten über die sogenannte Blutrache und deren Konsequenzen.
Rainer Matter war jahrelang als Länderexperte für die Schweizerische Flüchtlingshilfe zuständig und hat unter anderem die Studie «Bedeutung der Tradition im heutigen Kosovo» verfasst.

Wird das Albanische Gewohnheitsrecht, der sogenannte Kanun, noch häufig angewendet?
Der Kosovo hat innerhalb der letzten Jahre und Jahrzehnte enorme Veränderungen im Zug der Urbanisierung, Modernisierung, Krieg, Flucht und Migration durchgemacht. In einer Grossstadt wie Pristina kann die jüngere Generation einen Lebensstil führen, der in ländlichen Regionen weder vorstellbar, noch erlaubt ist. Eine einheitliche Gültigkeit der Tradition kann es somit nicht geben. Sicher ist aber: Die Bedeutung des Kanuns sinkt. Er hat in der Vergangenheit im albanischen Bereich (Albanien, Kosovo, Mazedonien) eine grosse Rolle gespielt und im Chaos der Nachkriegszeit (nach 1999) noch einmal. Der Kanun hat indirekten Einfluss im Bereich der Familie, etwa auf die Eheschliessung, das Sorgerecht der Kinder oder auch im Erbrecht, wo eine klare Bevorzugung des Mannes besteht. Er steht in Konkurrenz zum staatlichen Recht Kosovos und es gibt auch gewisse Möglichkeiten, eigene Ansprüche gerichtlich gegen die Tradition durchzusetzen. Weil die Justiz in Kosovo nicht gut funktioniert, sind die Möglichkeiten aber beschränkt.

Gibt es bestimmte Regionen Kosovos, die sich stärker an die alte Tradition halten?
Auf dem Land werden Konflikte häufig noch durch alte Männer geschlichtet, die sich an der Tradition orientieren. Da kann man von einem Nebeneinander der Geltung des Kanuns und des staatlichen Rechts sprechen. Die heutigen Familienverhältnisse in Kosovo bleiben weiterhin patriarchal geprägt, traditionelle Rollenteilung und Verhaltensregeln sind häufig noch eine Selbstverständlichkeit.

Welche Möglichkeiten gibt es, eine ausgesprochen Blutrache zu stoppen?
Eine Blutrache oder Blutfehde kann nur im Einverständnis der Konfliktparteien und durch Vermittlung eines traditionellen Schlichters gestoppt werden. Der Staat kann das nicht, weil er für die Parteien kein relevanter Akteur ist oder nur insoweit, dass man seine Sanktionen, also die Strafverfolgung, umgeht oder hinnimmt. Eine Bestrafung wegen eines Blutracheaktes, etwa eine Gefängnisstrafe, beendet die Blutrache nicht, sondern schiebt sie nur hinaus. Man wird die staatlichen Repräsentanten auch gar nicht über die Existenz einer Blutrache informieren, das kann allenfalls aus den Umständen geschlossen werden. Ich recherchiere im Moment eine Anfrage mittels einer Kontaktperson in Kosovo, bei der es wahrscheinlich um eine Blutrache geht. Keine der beiden Familien hat das je zugegeben, die Polizei in Kosovo tappt im Dunklen. Es kommt einfach zu diesen unerklärten Tötungen, die Täterschaft wird nicht gefunden. Es ist für unser staatlich orientiertes Denken schwer zu akzeptieren, dass das eine Sache unter Familien ist ohne Einschaltung des Staates. Blutrache ist vorstaatlich.

Wer sind diese Schlichter und wie gehen sie vor?
Die Schlichter «Plaku» sind angesehene Männer auf Dorfesebene oder in der Region, die von der Partei angerufen werden, die an der Schlichtung interessiert ist (meist die, die den nächsten Racheakt befürchten muss). Es sind aber nie Repräsentanten des Staates. Will aber eine Partei die Schlichtung nicht, ist nichts zu machen. Es gab Anfang der 90er Jahre eine besondere Massenschlichtung unter der Leitung des Soziologen Anton Cetta mit Massenveranstaltungen in den meisten Regionen Kosovos. Zehntausende nahmen teil. Mindestens 1117 Fälle von Blutrache in Kosovo und angrenzenden Regionen mit albanischer Bevölkerung wurden in dieser Zeit geschlichtet.

Sind die Schweizer Behörden auf diese Art von Verbrechen vorbereitet?
Das können sie eigentlich nicht sein, weil sie das in einem konkreten Fall kaum je erfahren werden. Wenn schon die Polizei in Kosovo im Dunklen tappt, wird das hier erst recht so sein. Die Konfliktparteien haben kein Interesse, das öffentlich zu machen. Vielleicht wird ein Asylsuchender mal Angst vor einer Blutrache im Asylverfahren angeben. Das kann dann stimmen oder auch nicht – aber er wird es bestimmt nur tun, wenn es nicht mehr anders geht.

Welches sind die Unterschiede zwischen einer Blutrache und einem Ehren-Schande-Konflikt?
Der wesentliche Unterschied ist aus meiner Sicht, dass Blutrache die Tötung eines Mannes aus einer anderen Familie oder Sippe als Reaktion auf eine vorangegangene Tötung eines Mannes aus der eigenen Familie ist. Bei Ehre-Schande-Delikten folgt eine gewaltsame Reaktion auf ein illegitimes Verhalten einer Frau und eines nicht als legitimer Partner anerkannten Mannes, zum Beispiel uneheliche Kinder oder aussereheliche Sexualkontakte. Vor allem die Familie der Frau, also die für sie zuständigen Männer wie der Vater oder Brüder, ist nach der Tradition zur Reaktion aufgefordert, in zweiter Linie erst der Ehemann. Die gewaltsame Reaktion kann sich sowohl gegen die Frau als auch gegen diesen Partner richten.

Was für Konsequenzen hat eine ausgesprochene Blutrache auf die Familienangehörigen?
In Kosovo schliessen sich die Männer (Vater, Brüder, Cousins) oft jahrelang im Haus ein. Frauen und Kinder sind nicht bedroht, für heranwachsende Jugendliche kann es aber wieder eine Bedrohung geben. Aber selbstverständlich ist die ganze Familie betroffen, wenn die Männer nicht mehr aufs Feld oder zur Arbeit gehen können und wenn die latente Drohung eines Angriffs ständig gegeben ist. Oder die bedrohten Familien gehen ins Ausland, in der Hoffnung, dort nicht entdeckt zu werden und unbehelligt zu bleiben. Es kann dann aber auch im Ausland zu Racheakten kommen.

Im Zusammenhang mit dem Mordfall von Pfäffikon ist ebenfalls der Begriff Ehrenmord gefallen. Es heisst, die ermordete Ehefrau hätte sich von ihm trennen wollen.
Bevor Konflikte vorschnell mit der Kultur der jeweiligen Personen in Verbindung gebracht werden, lohnt es sich die Vorgeschichte anzuschauen. Die Tötung einer Ehefrau, weil sie sich scheiden lassen will, ist nicht von der Tradition gedeckt, erst recht nicht die Tötung einer Sozialarbeiterin. Auch in Kosovo schnellen die Scheidungsraten hoch, wenn auch in der Vergangenheit Scheidungen selten waren, insbesondere solche, die von der Frau ausgehen. Nicht alles, was in den Medien als Blutrache bezeichnet wird, ist eine Blutrache. Es gibt viele Formen einer persönlichen Rache, die damit nichts zu tun haben. Blutrache im traditionellen Sinn ist ein Geschehen, bei dem sich die Akteure an bestimmte Regeln halten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.08.2011, 16:29 Uhr

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46 Kommentare

Guido Mühlemann

22.08.2011, 17:10 Uhr
Melden 119 Empfehlung

Als Schweizer kann es uns absolut egal sein, wie die Blutrache im Kosovo (oder anderswo) "geregelt" ist.
Wer in der Schweiz lebt, hat sich an die Schweizer Gesetze zu halten. Punkt.
Und da in unserem Land die Tötung eines Menschen strikt verboten ist, ist alles andere irrelevant.
Antworten


Hans Iseli

22.08.2011, 19:06 Uhr
Melden 88 Empfehlung

Was für eine kulturelle Bereicherung für unser Land! Wir haben damals 250.000 Ex-Jugoslawen aufgenommen, was auch für unsere Kriminalstatistik eine echte Bereicherung war. Und natürlich werden wir keine Täter zurückschicken, wie die böse SVP das will, denn das wäre ja menschenverachtend (linker O-Ton). Antworten




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