Eine Lüge, die jedes Jahr wiederkehrt
Weihnachten, Silvester und Neujahr – dieser ganze Rummel der Jahresendfeiern stösst mich ab. Was ist trister als diese Verpflichtung zum Glück – oder zu Glücksbekundungen – an einem festen Termin? Was verlogener, was deprimierender? All diese entwurzelten Tannenbäume, all diese absurden Pappmaché-Rentiere mitten in der Stadt, diese Ansammlung von Leuchtgirlanden, diese Heuchelei, der ausgebreitete Luxus in den Vitrinen, die Drängelei in den Läden, die Pyramiden aus Weisswürsten und Gänseleberpastete, Meeres- und kandierten Früchten, diese Exzesse der Werbung, diese ständige Anstiftung zum Konsum, zur Eitelkeit, zur Völlerei, diese Mischung aus Hetze und Erschöpfung, Wohlwollen und schlechtem Gewissen, diese künstliche oder wahre Erregtheit, die gute Laune, die von den Fernsehschirmen herabtröpfelt, diese plötzliche Zunahme von Verschmutzung, Ungerechtigkeit, Dummheit: All das erweckt den Wunsch, anderswo oder später zu sein.
Den Wunsch, dass es bloss vorbei sein möge, dass das nächste Jahr schon da sei, die wirkliche Welt mit ihren Kämpfen, Anstrengungen, ihrem gewöhnlichen Alltag, der stets neu beginnt! Die Weihnachts- und Jahresendfeiern sind eine Lüge, die jedes Jahr wiederkehrt. Es lebe die Wahrheit, banal und heilsam!
Die Kinder sind fein raus. Weihnachten ist ihr Fest, sagt man. Das ist nur eine Lüge mehr. Weihnachten ist nicht das Fest der Kinder. Es ist das Fest der Geschenke und der Spielzeughändler, des Familien-Egoismus, des Neides und der Gier, des kindlichen Königs und des kindlichen Konsumenten (beides gehört zusammen: «Der Kunde ist König»), schliesslich des kindertümelnden Marktes und des Konsum-Infantilismus. Ziemlich genau das Gegenteil von dem, was wir unseren Kindern beibringen sollten.
Schaut diesen lächerlichen Weihnachtsmann an, mit falschem Bart und falschem Bauch, der minderjährige Kunden auf den Trottoirs anbaggert! Er wird dafür bezahlt. Das mag den entschuldigen, der sich dafür hergibt – man muss von irgendwas leben–, aber nicht die, die ihn bezahlen. Ich wundere mich, dass unsere Kirchen dazu nichts zu sagen haben. Der Glaube an den Weihnachtsmann ist schlimmer als eine Ketzerei, die wenigstens den guten Glauben für sich hätte. Nichts Spirituelles hier, nichts Religiöses. Es ist nur ein Aberglaube für die Kinder, eine Lüge für die Erwachsenen, eine Idiotie für alle.
Ich weiss, wovon ich rede, und ich bin nicht stolz darauf. Als meine drei Söhne klein waren, habe ich nicht den Mut gehabt, dem allgemeinen Druck zu widerstehen, ihnen die Augen zu öffnen, ihnen von Anfang an die Wahrheit über den vermeintlichen Weihnachtsmann zu sagen. Ich habe so getan wie alle; ich habe sie angelogen, ich habe sie getäuscht. Hatte ich Unrecht? Ich weiss es nicht. Aber welche Erleichterung, als die Lüge aufflog, als die Jungen, sehr früh schon, zu erkennen gaben, dass sie nicht mehr an diese Märchen glaubten!
Das Gegenteil vom Weihnachtsmann, was wäre das? Eher ein Kind als ein Greis. Eher arm als reich. Versteckt eher als ausgestellt. Nackt eher als verkleidet. Der nichts zu verkaufen, ja nicht einmal zu verschenken hat, ich will sagen: nichts Materielles – nichts als, später, sein Leben und seine Liebe. Das Gegenteil vom Weihnachtsmann ist Jesus Christus: das nackte Kind, zwischen Ochs und Esel, der unschuldig Gekreuzigte, zwischen zwei Dieben... die Krippe also, und Golgatha. Diese beiden Bilder, gerade weil sie die Extreme zeigen, sind mit Recht die berühmtesten dieser schönen Geschichte. Sie sagen das Entscheidende über diesen Gott, den schwächsten aller Götter, den menschlichsten und deshalb den bewegendsten.
Dass Jesus Gott ist oder Gottes Sohn, das habe ich während meiner Kindheit und Jugend geglaubt. Ich glaube es nicht mehr. Sowenig wie an den Weihnachtsmann? Das ist nicht dasselbe. Denn diejenigen, die mir von der Göttlichkeit Jesu sprachen, waren ehrlich: Sie vermittelten mir etwas, das sie selbst für eine essentielle Wahrheit hielten, die ihr Leben und ihr Herz erleuchtete. Keine Lüge war dabei, keine Heuchelei, im Gegenteil: Einige hätten für diese Wahrheit, oder was sie dafür hielten, ihr Leben gegeben. Diejenigen dagegen, die mir vom Weihnachtsmann erzählten (es waren manchmal dieselben), täuschten mich absichtlich, indem sie mich an etwas glauben liessen, von dem sie selbst wussten, das es falsch und lächerlich war.
Ich nehme es ihnen nicht übel; vielleicht ist es nützlich, Kinder zuerst zu täuschen, damit sie später wachsamer werden, skeptischer, scharfsichtiger. «Du glaubst noch an den Weihnachtsmann!» sagt man oft. Das bedeutet: Du machst dir Illusionen, du verwechselst deine Wünsche mit der Wirklichkeit, es fehlt dir an Klarsicht oder an Intelligenz. Das sagt eine Menge über die wirkliche Ansicht über den Weihnachtsmann bei den Erwachsenen und, vielleicht, über seine Funktion für die Kinder. Es ist wie eine Urlüge, die einen misstrauischer macht, wie ein Impfstoff gegen blinde Gläubigkeit.
Wenn man nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt, was bleibt dann? Es bleibt der Kalender. Ein Jahr geht zu Ende, ein anderes wird beginnen. Das ist der Moment für Bilanzen und Vorsätze. Es bleibt die Wintersonnenwende – die längsten Nächte des Jahres, die kürzesten Tage – und das Versprechen des Frühlings. Seit Jahrtausenden feiert man das in allen Zivilisationen, und es ist natürlich kein Zufall, dass die Christen diese Zeit, die kälteste, die traurigste Zeit, ausgesucht haben, um die Geburt ihres Herrn zu feiern. Im tiefsten Winter ist es besonders nötig, an den Frühling zu glauben, ihn zu erwarten, sich auf ihn vorzubereiten, und dieses schwierige und stärkende Vertrauen, das die Natur uns lehrt, gleicht wahrscheinlich am ehesten dem Glauben der Religionen – ja es hat ihn vielleicht sogar hervorgebracht.
Aber Vorsicht: Die Natur selbst anzubeten, wäre blosses Heidentum. Weihnachten bedeutet mehr: Da wird ein Kind angebetet. Wenn man so will, bedeutet das, die Menschheit anzubeten, aber ohne jegliche Macht (was ist schwächer als ein Neugeborenes?) und ihrer besten Seite anvertraut, der Liebe einer Mutter und eines Vaters. Die Heiligen Drei Könige haben das begriffen. All ihr Gold, all ihre Diamanten, all ihre Armeen sind ohne Wert, wenn sie sie nicht in den Dienst dieser Schwäche stellen, dieser Liebe, denn hier ist der wahre Gott oder sein ähnlichstes Abbild.
Wenn Gott ein Vater ist im Christentum, ist das kein Zufall; man wird Vater nur durch ein Kind und in dem Masse, wie man ihm Liebe schenkt. Sonst wäre es nur ein Erzeuger, was Joseph nach der Legende nicht ist, womit das Entscheidende gesagt ist: Nicht die Gene sind wichtig (was ist die DNA Gottes?), sondern Liebe und Fürsorge.
Eine Gottmutter würde mich noch mehr zufriedenstellen. Aber das haben monotheistische Religionen, die alle frauenfeindlich sind, nicht gewollt. Deshalb hat man die Jungfrau Maria erfunden, und der ihr gewidmete Kult, volkstümlich und von einem theologischen Standpunkt aus übertrieben, kompensiert die erdrückende Position eines Gottes der Dogmen und der Heere.
Wenn man nicht mehr an Gott glaubt, was bleibt dann? Es bleibt ein frommer Jude, vor 2000 Jahren, der eine Lichtspur hinterlassen hat. Es bleibt das Königreich, in dem wir schon leben, weil es in uns ist, wie Jesus sagte, oder unter uns, was es überflüssig macht, auf ein anderes zu hoffen. Es bleibt die Wahrheit und das Leben, der einzige Weg. Der Weg wohin? In unser Königreich, ins Herz des Lebens und der Wahrheit.
«Aber für Sie, als Atheisten, ist Jesus kein Gott, kein Gottessohn, und auch nicht auferstanden...» Na und? Ich liebe ihn deshalb umso mehr. Als Menschensohn, wie er selbst sagte, gezeugt und nicht erschaffen, geboren von einer Frau und, wie wir alle, sterblich, wie jeder von uns. Darin ist er wirklich unser Bruder.
«Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?» Seht, wie er unsere Not, unser Leiden, unsere Angst, vielleicht unsere Verzweiflung teilt. Für mich endet die Heilsgeschichte hier, und sie beginnt jeden Tag wieder neu. Dass sie für andere weitergeht, drei Tage, die eine andere Hoffnung schaffen, wie eine andere Ewigkeit: Das ist mir nicht unbekannt, und ich mache ihnen keinen Vorwurf. Aber ich brauche dieses Ewigkeit nicht – und auch nicht diese Hoffnung. Die Gegenwart genügt mir, und wenn nicht, um so schlimmer für mich. «Sorgt für heute, morgen wird für sich selbst sorgen.» Das ist die einzige Weisheit, und vielleicht das einzige Heil.
In unseren Krippen ist mehr Wahrheit als in unseren Katechismen. Es gefällt mir, dass Jesus eine Familie hat, dass er von Anfang an geliebt wurde und so gelernt hat zu lieben. Das ist der Geist des Sohnes: Die Gnade, geliebt zu werden, geht der Gnade zu lieben voraus und macht sie erst möglich. Deshalb ist der Sohn, der eine Mutter hat, menschlicher als Gott-Vater, der keine hat. Väter sind nur menschlich, weil sie zuerst Söhne waren. Das ist der wahre Geist, der der realen Männer und Frauen – der einzige, der mich bewegt.
Was symbolisiert Jesus? Dass die Liebe an erster Stelle steht, selbst die schwache, besiegte, gedemütigte, misshandelte Liebe. Ostern wird seinen Sieg, seine Allmacht, seine Göttlichkeit zeigen. Weihnachten zeigt ihn schwach, zerbrechlich, menschlich. Deshalb ist Weihnachten für mich als Atheist wahrer, erhellender, bewegender. Ich liebe nicht den Sieg, sondern die Liebe. Nicht die Macht, sondern die Gerechtigkeit, nicht die Gottheit, sondern die Menschheit (sofern sie zur Liebe, zum Humor und zur Wahrheit fähig ist: sofern sie spirituell ist).
Deshalb bin ich Atheist, treu – so weit ich kann – dem Geist Jesu, der ein Geist der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit ist. Das ist der wahre Geist der Weihnacht – genau das Gegenteil des Geistes des Weihnachtsmannes, wenn er denn einen hätte, oder vielmehr der seiner Verfechter, der grossen und kleinen, ein Geist des Egoismus und des Konsums.
Ihnen allen eine fröhliche Weihnacht! Die Zeit der Feste geht vorbei, die der Wahrheit bleibt.
André Comte-Sponville ist Philosoph. Er lebt in Paris und unterrichtete bis 1998 an der Sorbonne. Zuletzt erschien auf Deutsch: «Woran glaubt ein Atheist?» (Diogenes, Zürich 2008). Aus dem Französischen übersetzt von Martin Ebel.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2008, 23:44 Uhr






Die Welt in Bildern






































































