Eine Reise wie keine

Über kaum eine Substanz wird so viel Unsinn verbreitet wie über LSD. 24 Fragen und 32 Antworten zur psychedelischen Droge.

Ihn inspirerte LSD zu seinen grossartigsten Songs: John Lennon. Foto: Mark und Colleen Hayward (Redferns)

Ihn inspirerte LSD zu seinen grossartigsten Songs: John Lennon. Foto: Mark und Colleen Hayward (Redferns)

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Noch immer gilt der spöttische Satz von Terence McKenna, dem amerikanischen Ethnobotaniker: «Halluzinogene erzeugen psychotische Zustände bei jenen, die sie nie genommen haben.» Auf kein Halluzinogen trifft die Kombination von Inkompetenz und Vorurteilen dermassen zu wie auf LSD. Lysergsäure­diäthylamid-25, dem 25. Derivat der Lyserg­säure, verwandt mit einem Roggenpilz. Der Aargauer Chemiker Albert Hofmann hatte seine enorme Wirkung zufällig entdeckt, das war 1943 in seinem Labor bei Sandoz. Er war auf der Suche nach einem Kreislaufstimulans gewesen. «Wer als Naturwissenschafter kein Mystiker wird, ist kein Naturwissenschafter», hat Hofmann gesagt und das LSD als Bestätigung genannt. Er verstand es als Sakrament auf dem Weg zur spirituellen Erkenntnis. Gegen seinen Willen verbreitete sich die Substanz in der amerikanischen Subkultur millionenfach, inspirierte eine ganze Generation, berauschte die Sechzigerjahre und kam in Verruf. 1966 wurde sie von der amerikanischen Drogen­behörde verboten, später auf der ganzen Welt.

Seit einigen Jahren wird die neurophysiologische und therapeutische Wirkung von LSD in mehreren Ländern erforscht, darunter in der Schweiz. Kürzlich veröffentlichte Scans, die zeigen, wie LSD die Gehirnaktivität verändert, stützen hoffnungsvolle Befunde einer heilenden Wirkung. Ausser in der Goa-Szene spielt das Halluzinogen in der Subkultur keine bestimmende Rolle mehr. Seine Wirkung ist zu komplex für einen Spass-Ausflug.

Wie aber wirkt LSD? Fragen und Antworten jenseits von Verklärung und Verteufelung.

Isolee, Beau Mot Plage. Quelle: Kaj Kraaij/Youtube

Macht uns LSD zu besseren Menschen?
Nach einem Trip ist man kein anderer Mensch. Doch LSD ist eine Schnellstrasse ins Unterbewusstsein, es konfrontiert einen mit sich selbst. Es macht die Komplexität der eigenen Psyche erlebbar, was im Idealfall zu einem grösseren Verständnis führt – sich selber gegenüber und dadurch anderen. Die tief gehende Erfahrung, dass es draussen eine andere Welt gibt, mit der man verbunden ist, lässt einen etwas gelassener durch die eigene gehen. (phz.)
Steve Jobs, Mitbegründer von Apple und ein Pionier der modernen Kommunikation, hat seine LSD-Trips als die bedeutendste Erfahrung seines Lebens bezeichnet. Das hielt ihn nicht davon ab, seine Angestellten zu terrorisieren und sich um die Arbeitsbedingungen zu foutieren, unter denen seine Geräte montiert wurden. Ein Metzger wird durch LSD nicht zum Veganer, ein Idiot nicht zum Weisen. (jmb.)

Erlangt man also keine höheren Einsichten?
Doch. Unter LSD erlebe man, sagt Albert Hofmann, das Gefühl des Einswerdens mit der Schöpfung. Die tröstende Erfahrung also, Teil eines Ganzen zu sein, ein Trost, der nach dem Abklingen der Wirkung anhält. Wem das zu pathetisch klingt, was bei diesem Thema schnell passiert, hält sich an die sehr britische Formulierung von Aldous Huxley, dem englischen Schriftsteller: LSD habe ihm das Gefühl vermittelt, schrieb er, «that the universe is sort of alright». Auf dem Totenbett liess er sich, krebskrank im letzten Stadium, LSD spritzen. Sein letztes Wort war «Yes». (jmb.)
Auf Ecstasy ist man nicht wirklich verliebt, LSD macht keinen zum Philosophen. Aber wenn man eine tüchtige Dosis nimmt, verschwinden viele Gewissheiten und ergeben sich neue Erfahrungen. Es kommt zu einer Art Ego-Tod, man baut sich die Welt neu auf. Und das ist ein erhabener Moment. Die Hippies sahen diesen Zustand als mystische oder spirituelle Erfahrung. Neurologen deuten ihn als kognitive Regression ins Kindesalter, wo auch alles neu ist. In den Alltag mitnehmen lässt sich dieses Gefühl aber nicht. (phz.)

Wann fährt es ein, wann fährt es aus? Etwa nach 40 Minuten, nach drei, vier Stunden ist der Höhepunkt erreicht, dann langsames Ab­klingen. Man bleibt lang wach.

The Sun Electric, O'Locco (Kama Sutra). Quelle: 5h00m5/Youtube

Wie fühlt sich der Körper an?
Stark, schwer, warm, wie von Wellen getragen. Die Haut wird zu einem neuen Organ. Von Bergtouren wird in diesem Zustand entschieden abgeraten. Dass man fliegen kann, glauben nicht einmal Piloten.

Stimmt es, dass der Sex unglaublich ist?
Ja. Wenn er vorher gut war. (jmb.)
Keine Ahnung. Schon Flirten auf LSD ist eine Heraus­forderung, Sex die totale Überforderung. (phz.)

Was tut man so auf einem Trip?
Er ist tatsächlich mit Alices Reise im Wunderland vergleichbar: Er durchläuft verschiedene Phasen, mal lacht man (man lacht viel, vor allem über nüchterne Leute und Missverständnisse), mal zieht man sich ins Nachdenkliche zurück oder freut sich am Farbenspektakel, an der Natur. Scheinbar einfache Missionen, etwa ein Bier kaufen zu gehen, dauern keine Stunden, aber sie fühlen sich so an.

Besteht die Gefahr, psychische Schäden davon­zutragen?
Zum Zeitpunkt, an dem die Wirkung der Droge einsetzt, ist sie im Körper bereits abgebaut. Schon deshalb ist der Fall jenes Hippies, der sich nach einem LSD-Trip für den Rest seines Lebens als Orange fühlte, eine Erfindung. LSD kann allerdings, wie andere Drogen auch, den Ausbruch einer verborgenen Psychose beschleunigen. Syd Barrett und John Lennon nahmen eine Menge LSD. Der eine Musiker verlor dabei seinen Verstand, der andere seine Wut. Barrett kehrte nicht zurück, Lennon machte weiter vorwärts.

Der offizielle Trailer zu «Gambling, Gods and LSD». Quelle: NewTrailersBuzz/Youtube

Und was ist mit diesen Horrortrips?
Die kann es geben, fast immer als Folge einer Überdosis. Es kriechen einem dabei aber keine Monster entgegen, sondern man erleidet eine Panikattacke. Fundamentale Selbstzweifel oder verdrängte ­Gefühle treiben einen in Zwangsgrübelei, bis man glaubt, wahnsinnig zu werden. Nüchtern, etwa bei Angstpatienten, dauern solche Zustände maximal 30 Minuten. Auf LSD können sie sich über mehrere Stunden erstrecken. Und weil das Zeitgefühl weg ist, ist kein Ende in Sicht. Das ist schlimmer als jedes Monster. (phz.)

Hier die Anleitung, um garantiert einen schlechten Trip zu erleben: schlecht drauf sein, einsam, verängstigt, psychisch labil. Den Stoff von einem kaum Bekannten aufgedrängt zu be­kommen, von dem man nicht weiss, was er für Absichten hegt. Den ersten Trip allein nehmen. Keine Ahnung über die Dosierung haben, keine vertrauens­würdige Information über die Herkunft. Sich ungeschützt fühlen oder fremd. Noch andere Drogen konsumieren. (jmb.)

Worauf kommt es an, damit man sich ­wohlfühlt?
Auf Geborgenheit, Ruhe, Heiterkeit, Neugierde und Vertrauen.

Was tun, wenn man Angst bekommt?
Sich Freunden anvertrauen, die einen beruhigen können, die Amerikaner sagen dem «talking down». Idealerweise den Trip mit jemandem nehmen, der erfahren ist und die Kontrolle bewahrt. Einige Konsumenten haben Benzodiazepin in Reichweite (Valium, Dormicum). Nur schon das Wissen, dass man im Notfall darauf zurückgreifen kann, kann der Angst vor einem Horrortrip vorbeugen. Und wenn gar nichts mehr geht: In den Notfall, wo man Benzodiazepin verabreicht bekommt.

Was sind die schwersten Nachwirkungen, die LSD erzeugt?
Die Selbsterfahrungsberichte jener, die schon vorher nicht schreiben konnten.

Massiv Attack, 100th Window. Quelle: King of Power Music/Youtube

Kann man auf LSD die Kontrolle über sich ­bewahren?
Das kommt auf die Dosis an. Am besten ist, mit einer niedrigen Dosierung anzufangen, also nicht mehr als etwa 100 Mikrogramm. Bei einer niedrigen Dosis kann nichts passieren. Sich gegen die Wirkung einer hohen Dosis LSD aufzulehnen, bringt nichts und kann in einem Horrortrip enden. «Buy the ticket, take the ride», sagt Hunter S. Thompson.

Bringt es etwas, LSD schwach zu dosieren?
Sehr viel. Und danach ins Museum gehen, an ein Konzert, auf den Hügel oder in die Disco – mit angenehmer, also leicht erhöhter Wahrnehmung.

Warum hat man nach LSD keinen Kater?
Weil die Substanz eine vollständige Erfahrung auslöst. Man ist nicht dehydriert wie beim Alkohol, bekommt die Serotoninspeicher nicht geleert wie bei Ecstasy und muss das mit einer leicht depressiven Delle von ein, zwei Tagen bezahlen, hat nicht das schlechte Gefühl wie nach den meisten anderen Drogen. LSD-Nutzer sind sich einig, dass man sich nach einem Trip erfrischt fühlt, geradezu aufgestellt. Auch erinnert man sich an vieles, das man erlebt hat.

Soll man das Zeug besser allein nehmen oder zu zweit?
Am besten zu zweit, am allerbesten, wenn man sich gut kennt oder sonst wie nahesteht. Das gilt auch für Gruppen. Allein nur, wenn man erfahren ist.

Fela Kuti, Sorrow Tears & Blood. Quelle: Fela Kuti/Youtube

Soll man sich auf dem Trip im Spiegel anschauen?
Nein, ausser man mag Dalí. Oder Munch. (phz.)
Es ist eine aufschlussreiche Erfahrung, aber wer länger als zwei Minuten dafür verwendet, braucht einen Narzissmus-Check. (jmb.)

Fühlt sich die Musik wirklich anders an?
LSD lässt das Bekannte wie neu erscheinen. Man nimmt die Summe wahr und gleichzeitig alle Teile. Das trifft auf das Denken genauso so zu wie auf das Sehen und Hören. Egal ob Primal Scream, Steve Reich oder Richard Wagner.

Welche Musik passt am besten? Den perfekten Soundtrack liefert elektronische Musik. Sie klingt warm, sie fliesst und hat keine störende Botschaft. «Beau Mot Plage» von Isolée oder «O’Locco» von The Sun Electric. (phz.)
Massive Attack zum Beispiel, Fela Kuti, Miles Davis mit Gil Evans. Aber nichts erreicht die Intensität der 3. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Mit den Goldberg-Variationen von Bach in der späten Interpretation von Glenn Gould hört man die Obertöne des Weltalls. Und ist dann froh, doch in Wiedikon zu wohnen. (jmb.)

Der Trailer zu «Moulin Rouge». Quelle: 20th Century Fox/Youtube

Was sieht man unter LSD?
Die Decke beginnt zu atmen wie ein ruhiges Tier. Die Bücherwände schwimmen. Das Kerzenlicht leuchtet golden, Auf der Wolke sitzt ein Clown. Am schönsten ist es draussen, auf einem Berg, in einem Park, an einem Fluss, unter den Sternen. (jmb.)
Auch wenn es kitschig klingt: Unter einem Baum zu liegen und in die Krone zu schauen, ist fast nicht zu schlagen. Auch die Teppichmuster sind ein Highlight. (phz.)

Wie kann LSD therapeutisch wirken?
Therapeuten in mehreren Ländern berichten von bemerkenswerten Erfolgen mit Halluzinogenen bei Patienten mit schweren Traumen (Vergewaltigung, Folter, Unfall) oder terminalen Krankheiten wie Krebs. LSD kann kathartisch wirken beim Durcharbeiten eines Traumas, ohne dass der Patient dabei überwältigt wird . Die Substanz kann auch helfen, den Tod zu akzeptieren und sich von seinen Nächsten zu verabschieden. Was die Forscher am meisten überrascht: Dass es nur wenige Sitzungen braucht, um die Therapie stark voran­zubringen.

Was für Filme fahren ein?
Baz Luhrman: «Moulin Rouge»; Adrian Maben: «Pink Floyd Live at Pompeii»; Peter Mettler: «Gambling, Gods and LSD.» Alle Kurzfilme von Buster Keaton. (jmb.)
In einen Bildschirm schauen funktioniert auf LSD überhaupt nicht. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich einst zufällig den Ingeborg-Bachmann-Preis eingeschaltet hatte. Das war der reine Horror. (phz.)

Pink Floyd, Live in Pompeji. Quelle: myfreemusicvideos/Youtube

Macht LSD wirklich nicht süchtig?
Es kann zu einer psychischen Abhängigkeit kommen, die aber selten ist, weil LSD eine zu intensive Erfahrung ist, um sie oft zu wiederholen. Eine physische Abhängigkeit tritt nicht ein.

Wie steht es um die Flashbacks?
Sie werden immer wieder beschrieben, uns beiden sind sie noch nie begegnet.

Was ist der häufigste Satz auf LSD?
«Das erkläre ich dir morgen.»

Miles Davis, Sketches of Spain. Quelle: finetunesTV/Youtube (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2016, 12:14 Uhr

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