Leben

«Eine Revolution ist das nicht»

Von Damar Wittek, Johannesburg. Aktualisiert am 22.11.2010 6 Kommentare

Der als Aidsaktivist geltende katholische Priester Stefan Hippler relativiert die Bedeutung des gelockerten Kondomverbots für Afrika.

Seine Wende nützt in Afrika offenbar wenig: Papst Benedikt XVI. im Petersdom, als er zum ersten Mal öffentlich von Ausnahmefällen des Kondomverbots sprach.

Seine Wende nützt in Afrika offenbar wenig: Papst Benedikt XVI. im Petersdom, als er zum ersten Mal öffentlich von Ausnahmefällen des Kondomverbots sprach.
Bild: Reuters

Stefan Hippler lacht schallend. Der katholische Priester der deutschen Gemeinde in Kapstadt versteht gar nicht, warum sich alle so über die jüngsten Papstworte in Sachen Kondomgebrauch überschlagen. «Es gibt keine Änderung der Sexualmoral», so der in Südafrika zum Aidsaktivisten mutierte Pfarrer. Insofern «heisst das für die südafrikanische Situation nicht viel».

«Die Realität sieht nun mal anders aus»

1000 Aidstote und rund 600 Neuinfektionen täglich, das ist die südafrikanische Realität. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist in Südafrika jeder Fünfte HIV-positiv. Durch die Benutzung von Kondomen könnten die Zahlen drastisch sinken. Wenn die katholische Kirche, die in Südafrika etwa 3,3 Millionen Mitglieder hat und damit 7 Prozent der Bevölkerung anspricht, offen den Gebrauch von Kondomen propagieren würde, könnte das einiges bewegen.

In Bischof Kevin Dowlings Bistum zeigt dies erste Erfolge. Er wirbt offen für Kondome. In seinem Bistum liegen vom Hospiz für Aidskranke bis hin zur Sozialstation Kondome für jeden sichtbar herum. Zusammen mit Stefan Hippler ist er einer der ganz wenigen katholischen Priester in Südafrika, die sich offen und vehement für Kondome einsetzen und nicht ausschliesslich Abstinenz und Treue predigen. Natürlich sei das «eigentlich das Beste», so Dowling, aber «die Realität in Afrika sieht nun mal ganz anders aus.»

Junge Mütter, hungrige Mäuler

Für Dowlings Sinneswandel sind Frauen verantwortlich. Immer wieder, erzählt er, begegnen ihm HIV-positive junge Mütter, die keinen Job, aber viele Mäuler zu stopfen haben. «Die suchen sich nachts einen Freund, der ihnen zwei oder drei Euro für Sex gibt, womit sie dann am nächsten Tag Essen kaufen können», berichtet der Bischof von Rustenburg, das rund zwei Stunden nordwestlich von Johannesburg liegt. Die Aidsepidemie im südlichen Afrika fordere von der katholischen Kirche einen pragmatischeren Ansatz, meint Dowling. «Kondome sind derzeit das einzige wirksame Mittel, um sich vor dem HI-Virus zu schützen», rechtfertigt Dowling seine in der katholischen Kirche hoch umstrittene Haltung. «Das Problem der Prävention bleibt», so Hipplers Hauptkritik am Papst. Die katholische Kirche müsse keine Kondome verteilen, aber einen pragmatischeren Umgang mit der Realität verfolgen, meint Hippler: «Gerade in Afrika gibt es viel vorehelichen Sex, wobei in Ehen häufig ein Partner HIV-positiv, der andere aber noch negativ ist.» Wenn sie Kondome benutzen dürften, wären viele Menschenleben gerettet.

«Es ist ein Haarriss im Beton», wertet Hippler den von einigen Medien als bahnbrechend gefeierten Vorstoss des Papstes. Dennoch empfinde er die Äusserungen als positiv, denn es sei ein Zeichen, dass sich «ganz langsam etwas bewegt» und dass vielleicht endlich auch in der katholischen Kirche mal laut über Veränderungen nachgedacht wird. «Aber eine Revolution ist das nicht», so der Kapstädter Pfarrer Hippler. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2010, 23:02 Uhr

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6 Kommentare

Daniel Burkard

22.11.2010, 12:03 Uhr
Melden

Wie peinlich die Einstellung in Rom! Ein Denken ano 1753. Antworten


hans nötig

22.11.2010, 14:23 Uhr
Melden

Dogmen zu verteidigen und gleichzeitig Probleme pragmatisch zu lösen (versuchen), irgendwie paradox. Antworten




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