«Eine tiefsitzende Bildungsfeindschaft»

Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 30.11.2009 5 Kommentare

Der Psychoanalytiker Peter Schneider findet, der Bildungsdiskurs verkomme zum Business-Blabla. Er begrüsst den Studentenprotest, ist für ein wenig Faulheit und gegen Marktsimulation im Gesundheitswesen.

Bild: Schaad

Die Studenten haben nichts Besseres zu tun, als zu demonstrieren. So eine Reaktion auf die anhaltenden Unruhen. Wie ist diese Haltung zu erklären?
Das Unverständnis ist Teil eines umfassenderen Desinteresses an Bildungspolitik. Diese Diagnose dürfte allerdings auf den ersten Blick nicht einleuchten: Schliesslich scheint kaum etwas die Gemüter so zu erregen wie das Abschneiden unserer Schüler bei den Pisa-Studien, der Ausfall von Lektionen an Gymnasien, das unselige Mittelschul-Ranking der ETH, die Debatte um eine Erhöhung der Gymnasialquote, der versteckte Numerus clausus bei den Gymi-Prüfungen. Doch sind gerade diese Diskussionen Symptome jenes Desinteresses an Bildung, das ich meine. Man interessiert sich nicht für Inhalte und sinnvolle Formen der Vermittlung; es geht um Bildung als Leistungssport. Bildung gleich Selektion. Wenn auch «bildungsferne» Kinder unterstützt werden sollen, dann gefälligst so, dass sie den bildungsnahen Klassen beim Aufstieg auf der Karriereleiter nicht in die Quere kommen. Und wenn die Migranten-Goofen gut tschutten können, macht es auch nichts, wenn sie im Fernsehinterview verkünden, dass sie mit der Schule nichts am Hut haben. Das ganze Leistungsgetue verrät eine tiefsitzende Bildungsfeindschaft, ein antiintellektuelles Ressentiment, das weit in die Universitäten hineinreicht.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Studierenden, alle wollen einen höheren Bildungsabschluss. Der Massenandrang auf die Uni und die daraus resultierenden Bedingungen sind Teil des Protests. Wo sehen Sie da antiintellektuelle Ressentiments?
In der Ökonomisierung der Bildung und des Wissens, welche ja auch die Protestierenden – ihrerseits gewiss nur eine Minderheit der Studenten – beklagen. Wobei ich unter Ökonomisierung vor allem die Tendenz verstehe, den Bildungsdiskurs in einen ökonomischen Diskurs zu verwandeln. Man muss sich nur mal die Sprache anschauen, in der Bildungsthemen verhandelt werden. Das ist pures Business-Blabla. Es geht um Standortvorteile, Drittmittelakquirierung und um «employability». Wer diese Diskussion nicht für zwingend hält, gilt als Humboldt-Romantiker, der nichts von den Erfordernissen des modernen Wirtschaftslebens begriffen hat. Man will einem weismachen, dass es keine Alternative zu dieser Verbetriebswirtschaftlichung der Universität und der Wissenschaft gibt. Es gehört geradezu zum Kennzeichen dieser Ideologie, dass sie sich als alternativlos darstellt. Aber in einer Demokratie gibt es immer Alternativen, gibt es Weder-noch und Sowohl-als-auch. Da gilt auch nicht, dass wer bezahlt, befiehlt. Statt sich über den Andrang an die Universitäten zu freuen, macht man sich Gedanken, wie man diejenigen, die man als «überflüssig», als Ballast auf dem Weg zur «Excellence» betrachtet, möglichst bald wieder loswird.

Das klingt sehr nach böse kapitalistische Gesellschaft und arme, sich am humanistischen Bildungsideal orientierende Studenten.
Ich finde eher, die Versprechungen, die im Zusammenhang mit Bologna gemacht wurden, klingen, allem geschwollenen Management-Speak zum Trotz, nach sozialistischer 5-Jahres-Plan-Mentalität und nach Honeckers Fantastereien vom «Weltniveau». Was die Studenten betrifft, so sind die über Nacht nicht edler und humanistischer, als sie es vor ein paar Jahren oder Jahrzehnten waren. In den Protesten macht sich also nicht eine besonders löbliche Gesinnung bemerkbar, sondern ein berechtigtes Unbehagen an der Bildungspolitik, das sich nicht auf einzelne Forderungen reduzieren lässt. Zu Nostalgie besteht kein Anlass. Und nicht jedes Bologna-Element ist des Teufels. Wohl aber die Neigung, die ganze Universität einer alles homogenisierenden Dienstleistungslogik zu unterwerfen.

Den Studierenden wird vorgeworfen, schlicht zu faul zu sein. Wäre Faulheit in unserer auf Leistung getrimmten Gesellschaft nicht geradezu eine beneidenswerte, gar nachahmenswerte Eigenschaft?
Wenn man alles über den Leisten eines sichtbaren und messbaren Aktivismus schlägt, dann ist derjenige, der auf dem Sofa sitzt und liest, faul. Denken und Lernen sind halt nicht Aktivitäten wie Joggen. Zu beidem gehört eine gehörige Portion Passivität: sich Einfällen und Beeinflussungen auszusetzen, die man nicht aktiv beherrschen kann. Dass man als Altphilologe aber auch Vokabeln pauken muss und dass mathematische Beweise eine schweisstreibende Angelegenheit sein können und beides Fleiss und Ausdauer braucht, lässt sich kaum bestreiten. Als Verweigerung notwendiger Anstrengungen ist Faulheit nicht nachahmenswert, sondern ärgerlich.

Stichwort Ärger – ich wage den Themensprung: Im Zusammenhang mit der Schweinegrippe sind allerhand Leute hässig. Auf die Medien, die zu sehr dramatisierten, auf das Bundesamt für Gesundheit, das unklar informiere, auf die Ärzte, die zu wenig Impfstoff bestellt und zur Verfügung hätten. Wo liegt das Problem? Haben wir vielleicht schlicht Angst vor dem Unberechenbaren des Krankwerdens?
Eine scharfe Volte, die Sie da hinlegen. Und ich muss schauen, wie ich den Dreh von der Bildungs- zur Gesundheitspolitik kriege. Item: So wie in der ökonomisierten Bildungspolitik der Student zum Kunden wird – am Ende einer Vorlesung wird die Kundenzufriedenheit mittels Fragebogen evaluiert–, so soll auch dem Patienten weisgemacht werden, er sei Kunde der Gesundheitsdienstleister. Das klingt gut, denn schliesslich ist der Konsument König. Und doch ist das alles blosser Reklame-Fake. Cablecom-Kunden wissen, wovon ich rede. Was sich kundenfreundlich, liberal und marktwirtschaftlich anhört, ist in Wirklichkeit blosse Marktwirtschaftssimulation, wie das alljährliche Affentheater um den Krankenkassenwechsel zeigt. Mit immensem Aufwand wird eine Wahl des Konsumenten zelebriert, wo es – bei identischen Leistungen in der Grundversicherung – nichts zu wählen gibt. Der Rest ist so undurchsichtig und lächerlich wie die diversen Preispläne der Telefongesellschaften. Das Idealbild des rational entscheidenden Homo oeconomicus erfüllt am ehesten ein Arbeitsloser, der den ganzen Tag nichts Besseres zu tun hat, als im Internet Preisvergleiche anzustellen. Kein Wunder, wird der angebliche König Kunde zum nörgelnden Kleinbürger, zum leidenschaftlich entrüsteten «Kassensturz»-Zuschauer, stets auf der zwanghaften Suche nach dem noch besseren Schnäppchen und in der ewigen Furcht, übers Ohr gehauen worden zu sein. Und so verläuft auch die ganze Schweinegrippedebatte nicht als einigermassen vernünftiger Diskurs über Chancen und Risiken einer sinnvollen Prävention, sondern als hysterisches Gekreische einmal mehr zu kurz gekommener Konsumenten und ihrer Medienanwälte.

Wie, um Himmels willen, findet der Mensch aus dieser Nörgel-Misere wieder heraus?
Wie es schon in der «Internationalen» heisst: «Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.» Wenn Kant sagt, dass Aufklärung der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sei, dann bedeutet das auch, dass man diesen «Ausgang» auf eigene Faust in die Hand nehmen muss und nicht auf die Verordnung eines Heilmittels hoffen darf. Wer mündig sein will, muss auf Informationen, Diskussionen und das Abwägen von Argumenten setzen und muss auf empörte Dauererregung verzichten, so wohlig sich diese auch anfühlen mag. Das setzt eine gewisse Anstrengung und Arbeit voraus. Wer sich nur dafür interessiert, welchen Honig der Bär Finn am liebsten isst, und gleichzeitig über die faulen Studenten räsoniert, muss sich sagen lassen, dass er als Staatsbürger nicht ganz ernst zu nehmen ist. Und jetzt hab ich mich genau in die Rage geredet, von der ich doch eigentlich abraten wollte.

Mit Peter Schneider mailte Katrin Hafner (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2009, 06:27 Uhr

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5 Kommentare

Beat Keller

30.11.2009, 08:12 Uhr
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Es ist ja auch den Dozenten und den Hochschulleitungen klar, dass die Bologna-Reform noch Anpassungen benötigt. Andererseits erinnere ich mich auch an zu meiner Zeit übliche Studentenklagen, dass zu Beginn des Studiums absolut keine Orientierung da war. Und Hr. Schneider: Ich kenne keinen Dozenten (mich eingeschlossen), der einem(-er) StudentIn je vorgeworfen hat, eine HumboltnotalgikerIn zu ein. Antworten


Martin Lerch

30.11.2009, 10:28 Uhr
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Die Bologna Reform hat genau das verursacht, wovor ich schon vor 10 Jahren warnte. Damals war das als SVP-Position verschrien und hinterwäldlerisch. Mich würde interessieren, was Peter Schneider vor 10 Jahren zu diesem missratenen Experiment sagte. Antworten



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