Leben

Er doziert die reine Lehre des Appenzeller Alpsegens

Von Antonio Cortesi, Alp Ahorn. Aktualisiert am 21.06.2009

Ein alter Brauch erlebt ein Revival: In Innerrhoden gibt es Kurse, in denen das Betrufen gelernt werden kann. Johann Fritsche amtet als gestrenger Lehrmeister.

Johann Fritsche segnet die Alp in althergebrachter Kunstfertigkeit.

Johann Fritsche segnet die Alp in althergebrachter Kunstfertigkeit.

Das Gras ist bereits feucht, die Luft aber noch lau. Die imposante Kette des Alpstein glüht in der Abendsonne, und die Vögel zwitschern nach einem heissen Tag um die Wette.

Wir befinden uns auf der Ahorn-Alp oberhalb von Weissbad. Johann Fritsche, 62, steht mit blutten Füssen breitbeinig im Gras, braune Latzhose, weisses Sennenhemd, das obligate Appenzeller Chüeli im Ohrläppchen. Hinter ihm ein gekreuzigter Heiland, der seinen Seelenfrieden gefunden hat. Vor ihm ein Klangraum von fast unendlicher Weite.

Der erste Ton ist immer der schwierigste. Doch Fritsche trifft das mittlere C präzis, ruft durch den hölzernen Milchtrichter als Erstes die Mutter Gottes an, dann den Herrgott, dann fünf Heilige in Serie. Sie alle sollen das Vieh und die Sennen vor Krankheiten und sonstigem Übel bewahren. Auf dass sich Tier und Mensch nach vollbrachtem Tagwerk entspannt zur Ruhe legen können.

Sekundengenaue Präzision

Genau 4 Minuten und 20 Sekunden soll der Alpsegen dauern. Dann stimmen Tempo und Rhythmus. Die Atempausen präzise setzen! Ja keine Hektik! Und, liebe Zuhörer, am Ende bitte nicht applaudieren! Denn der Alpsegen ist ein Gebet. «Bei einem Gottesdienst in der Kirche wird ja auch nicht geklatscht», sagt Fritsche.

Er ist ein Meister seines Fachs. Und neuerdings auch gestrenger Lehrer. Kürzlich hat der gelernte Zimmermann in Gonten einen Betrufkurs durchgeführt, den ersten seit dreissig Jahren. Angefragt wurde er vom Zentrum für Appenzellische Volksmusik. Etwas Nachhilfe für die Sennen könne nicht schaden, dachte sich Fritsche, «denn oft wird der Alpsegen völlig falsch gesungen». Doch dann kamen nicht nur altgediente Sennen, sondern auch viele Junge. Sogar ein Arzt und eine Frau besuchten den Kurs.

Aufschwung durch Vermarktung

Wieso dieses Revival des Betrufs? «Die Menschen sind wieder traditionsverbundener und stolz auf ihr Brauchtum», glaubt Fritsche. Doch auch die touristische Vermarktung dürfte für den Aufschwung eine Rolle spielen. Die Destination Flumserberg beispielsweise wirbt auf ihrer Website mit einem «währschaften Abendessen» in einem Alprestaurant – und dem Zusatz: «Erleben Sie danach den Betruf live mit!»

Das findet der Vorbeter aus dem Appenzellerland gerade nicht nachahmenswert. Der Alpsegen dürfe nie und nimmer zum Genussobjekt eines konsumierenden Publikums werden. Eines, das womöglich nicht einmal religiös sei. Denn obwohl der Senn dieses in die Bergwelt hinaus singe, handle es sich letztlich um eine intime Zwiesprache zwischen ihm und dem Herrgott.

Betrufen auch in muslimischen Ländern

Etwas erstaunt reagiert Fritsche auf den Hinweis, dass das Betrufen auch in muslimischen Ländern ein alter Brauch sei. Mit einem muslimischen Gebetsrufer wolle er sich nun wirklich nicht vergleichen lassen, protestiert er: «Ich bin kein Alpstein-Muezzin.» Überhaupt sei der Islam eine Religion, «die mit Gewalt missioniert und die Frauen unterdrückt». Obwohl CVP-Mitglied, unterstütze er die Minarett-Initiative der SVP.

Und wie steht es denn in Innerrhoden mit den Frauenrechten? Sind sie zum Betrufen zugelassen? Fritsche überlegt nicht lange: Das Frauenstimmrecht sei den Appenzellern zwar «von aussen aufgezwungen» worden (1990 durch einen Entscheid des Bundesgerichts). Doch punkto Alpsegen lägen die Dinge anders. Es gebe inzwischen viele Senninnen. «Sie machen genau die gleiche Arbeit wie ein Mann. Da dürfen sie natürlich auch betrufen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2009, 22:57 Uhr

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