Leben

«Er steht halt jeder Zeit»: Junge Männer greifen zu Viagra

In der Schweiz werden immer mehr Potenzmittel konsumiert. Interessiert daran sind auch junge Männer – aus Neugierde, Unwissenheit oder weil sie unter Leistungsdruck stehen.

Felix Schaad

Die Angst des sexuellen Versagens: Viagra soll helfen.

Die Angst des sexuellen Versagens: Viagra soll helfen.

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Der 16-Jährige äusserte seinen Wunsch direkt: Er möchte gerne Viagra verschrieben bekommen, damit sein erstes Mal auch sicher gut klappe. Andreas Geiser, Kinder- und Jugendarzt in Schlieren, erinnert sich gut an den Jungen. «Er hatte noch nie mit einer Frau geschlafen, hatte auch keine Freundin. Viagra sollte sein Fallschirm sein, die Absicherung, dass er nicht beim ersten Mal schon versagt.»

Ein alarmierendes Zeichen? Sind wir schon so weit wie in Argentinien, wo junge Männer, gemäss jüngsten Medienberichten, mittlerweile lieber Geld für Viagra ausgeben als für Präservative? Auch hierzulande nimmt der Konsum von Mitteln gegen Erektionsstörungen massiv zu. Von Jahr zu Jahr werden mehr Tabletten geschluckt – sei es nun Viagra oder eines der Konkurrenzprodukte. 2008 wurden offiziell rund 6000 Pillen pro Tag gekauft; 25 Prozent mehr als vier Jahre zuvor.

Thema in Schulen und auf Partys

Dies ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs: Die Zahlen von IMS Health, einem Anbieter von Informationen und Dienstleistungen für die Pharma- und Gesundheitsindustrie, belegen nämlich lediglich den Verkauf von Viagra, Levitra und Cialis über die offiziellen Kanäle – also mit Rezept via Apotheke, direkt beim Arzt oder im Spital. Viele Männer versuchen allerdings, ohne Rezept an Potenzmittel zu kommen. Die Bahnhofapotheke Zürich etwa berichtet von mehreren Anfragen pro Woche. Besonders glatt läuft der Handel im Internet. Dort boomt das Geschäft mit der blauen Pille. Zahlen gibt es keine; alleine die Untersuchungen der Eidgenössischen Zollverwaltung und Swissmedic über illegale Arzneimittelimporte lassen aber erahnen, dass die Dunkelziffer beachtlich ist.

Elf Jahre nach der Markteinführung von Viagra konsumieren es längst nicht mehr nur ältere Semester. Erektionsmittel haben selbst in der Partyszene Einzug gehalten. «Ich kenne diverse Kollegen, die damit positive Erfahrungen gemacht oder für alle Fälle eine Potenzpille dabei haben», sagt Sophie Kaiser vom Veranstalter Castleevents, der erotische Partys in Schlössern organisiert. Marcel Sturzenegger hat Viagra ausprobiert, obwohl er keinerlei Erektionsprobleme hat. In Schwulenkreisen sei das eine Zeit lang der absolute Renner gewesen: «Er steht halt jederzeit, besser wird der Sex deshalb aber nicht.»

Dass unter 20-Jährige interessiert sind an Erektionsmitteln, zeigen Fragen auf Internetseiten und Erfahrungen von Sexualpädagogen und Schulärzten. «Hallo, ab wie viel Jahren darf man sich Potenzmittel kaufen, und wo bekomme ich so was her? Nur in Apotheken oder auch in Drogeriemärkten?», schrieb zum Beispiel ein anonym bleiben wollender Jugendliche auf die Internetsite www.lilli.ch. Peter Gehrig, Psychiater, Sexologe und fachliche Begleitperson der Lilli-Homepage, meint: «Es sind heute eindeutig mehr junge Männer an Viagra interessiert als noch vor wenigen Jahren.» Dies bestätigt auch Sexualtherapeutin Esther Elisabeth Schütz. «Die Hemmschwelle für Erektionsmittel ist gesunken. Viele junge Männer denken heute, wenn sie zu viel Alkohol oder andere Drogen genommen haben, klappe es mit dem Beischlaf dank Viagra doch noch.» Ausserdem sei generell die Neugierde bezüglich sexueller Erfahrungen gestiegen: «Heute probieren die Jungen viel mehr aus. Sie haben früher und häufiger Anal- und Oralverkehr und sind offener für Viagra.»

Internet fördert Leistungsdruck

Das hat auch mit dem Internet zu tun. Pornofilme regen zu Experimenten an, Spam-Mails für Erektionsförderer und Online-Inserate zementieren die Vorstellung, ein Mann müsse immer sofort eine Erektion bekommen können. Solche Bilder setzen sich in der öffentlichen Meinung fest. Sie konfrontieren selbst sehr junge Männer mit Fragen rund um ihre Potenz – und verunsichern. «Es ist die Idee der Dauergeilheit, die verbreitet wird, und auch das falsche Bild, Erektionsförderer seien Lustpillen, die zu besserem Sex beitrügen», kritisiert Esther Schütz. Gekoppelt mit oft diffusen Vorstellungen von gutem Sex, können junge Männer so unter Leistungsdruck geraten. Sie bekommen Versagensängste – und allein deswegen möglicherweise Erektionsprobleme, was in einen Teufelskreis führen kann.

Viagra und Konsorten, so suggeriert die Werbung, können helfen, aus dieser Spirale herauszufinden. Zwar dürfen Pharmaproduzenten für das rezeptpflichtige Medikament nicht werben, mit «Aufklärungskampagnen» aber hat etwa die Firma Pfizer – die mit Viagra das global am meisten verkaufte Medikament gegen erektile Dysfunktion produziert – darauf aufmerksam gemacht, dass die blaue Pille nicht nur betagten Männern helfen kann. Damit habe man die Impotenz enttabuisieren wollen, lautet Pfizers Erklärung. Gleichzeitig brachte die Kampagne wohl auch an sich gesunde Jugendliche auf die Idee, ihrer Erektionsfähigkeit nachzuhelfen.

Die Erektion sei für die meisten Männer bezüglich Sex das Thema schlechthin, sagt Didi Liebold, sexologischer Körpertherapeut. «Viagra ist immer beliebter, weil es scheinbar auf Knopfdruck eine Lösung bietet.» Allerdings propagieren er und seine Berufskollegen einen anderen Ausweg, sollten sich tatsächlich Ängste oder gar Schwierigkeiten einstellen: entkrampfte Aufklärung. Liebold: «Sexualität kann man lernen. Sexuelle Erregung und Erektion sind unterschiedliche Dinge. Für Ersteres hilft keine Pille.»

Ähnliches hat auch der Arzt Andreas Geiser seinem 16-jährigen Patienten auf die Viagra-Bitte geantwortet. «Ich versuchte ihm zu erklären, dass Erektionsmittel nur bei krankhafter Impotenz sinnvoll sind und dass er in seinem Alter kein Viagra braucht.» Nach dem Gespräch habe sein Patient entlastet gewirkt. Eine wichtige Voraussetzung, um den Leistungsdruck und das Bedürfnis nach chemischen Hilfsmitteln bei einem jungen, gesunden Mann abzuschwächen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2009, 22:38 Uhr

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16 Kommentare

Martin Grosup

25.04.2009, 13:51 Uhr
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@Leslie Müller: Seien Sie vorsichtig mit solchen Begriffen! Toxisch ist z.b. Nikotin, 3-4 Tropfen der Reinsubstanz - 70 mg reichen um einen Durchschnittsmenschen zu erlegen. Diese krankhafte Paranoia vor der Pharma ist nervig. Jeder Mensch versucht in unserer Gesellschaft möglichst angenehm wegzukommen. Leider leider geht das nur mit Geld.Oder Leben Sie im Wald ohne Strom und fliessend Wasser? ;-) Antworten


Karin Imhof

23.04.2009, 19:02 Uhr
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Bleibt doch einfach mal bei der Partnerin die es echt drauf hat, statt eure Zeit mit Frauen zu verschwenden, bei denen ein noch gesunder Menschenverstand dem Teil da unten signalisiert, dass es für euch nicht die Gesuchte ist. Viagra ist unfair und pfuscht der natürlichen Auslese optimal aufeinander abgestimmter Päärchen dazwischen. Antworten


patrik leimgruber

23.04.2009, 16:32 Uhr
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interessant hier zu lesen.. ich denke es kann weder den Frauen noch den Männern die Schulde gegeben werden! Es liegt hauptsächlich an der Erziehung, und auch daran das sich Heute viele Paare miteinander abquälen und eigentlich gar nicht zusammen passen, dann klapt's auch nicht im Bett.. ganz einfach.. oder wieso wohl gehen sonst so viele Ehen in die Brüche? Wohl kaum wegen schlechtem Sex.. Antworten


Ronnie König

23.04.2009, 12:52 Uhr
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Viagra ist nicht mein Ding. Ich stehe da auf alte Bierrezepte. Nachzulesen bei Rätsch. Es funktioniert, allerdings mit einige Stunden Verzögerung! Aber früher hatte man ja auch noch Zeit. Nicht nur fürs Vorspiel. Antworten


Claudia Baumann

23.04.2009, 12:42 Uhr
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Toll, schieben wir doch einfach den Frauen die Schuld zu. Was nehmen sie sich auch das Recht heraus, eigene Bedürfnisse zu haben. Und die armen Männer können mit diesem Druck nicht umgehen und schon klappt nichts mehr. Zum Glück zahlt ja die Krankengase Viagra aus der Grundversicherung. Antworten


Hans Müller

23.04.2009, 11:03 Uhr
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Viagra wird wohl das Alter-Problem lösen helfen, das unsere Gesellschaft hat. Erst hochaktiv, dann futsch. Antworten


leslie müller

23.04.2009, 09:33 Uhr
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jungs, finger weg von viagra! dieser stoff ist - wie mehr oder weniger alles was uns die pharmamultis andrehen - hoch toxisch. punkt. Antworten


Robert Herz

23.04.2009, 09:08 Uhr
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Wundern tut sich jedenfalls niemand darüber! So wie wir in allen Bereichen des Lebens massivsten Leistungsdruck aufbauen, kann sich ein Jugendlicher ja fast gar nicht anders verhalten, als dass er Angst hat, zu versagen. Er schafft die Prüfung nicht, findet keine Stelle, kann sein Leben nicht finanzieren, findet keine Anerkennung - und versagt sogar beim Sex.... Zutiefst traurig ist das! Antworten


Sonja Wegmüller

23.04.2009, 09:01 Uhr
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und natürlich liegt es auch in der Verantwortung der Eltern, ihren Söhnen zu erklären, dass Porno und Realität nun wirklich überhaupt nichts gemein haben. Leider sind die Eltern heutzutage nicht mehr fähig, ihren Kindern irgendwelche Werte mit auf den Weg zu geben und ihr Selbstvertrauen zu fördern. Antworten


Armin B Schweizer

23.04.2009, 08:15 Uhr
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In vorgynokratischen Zeiten, als die Frau noch die Lippen oeffnete statt zickte, brauchte man(n) den Sex noch nicht zu lernen (die Natur liefert das beste "Programm" automatisch) und sogar auch im hohen Alter keinen chemischen Nachbrenner! Antworten


Charles Bukowski

23.04.2009, 07:40 Uhr
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Der Leistungsdruck, dem Männer ausgesetzt sind, kennt langsam keine Grenzen mehr: Im Schlafzimmer Schwäche zeigen? Fehlanzeige! Die Ansprüche der Frauen sind schliesslich gestiegen: Und wehe, Mann versagt einmal- game over! Also schmeisst Superman halt eben eine Pille ein, bevor er zur Frau ins Bett steigt! Grotesk ist das! Viele Frauen kümmert es doch heute einen Dreck, wie ein Mann funktioniert! Antworten


Rainer Burri

23.04.2009, 02:27 Uhr
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Ja, ja, dieser durch die Werbung, Pornoindustrie und Gesellschaft geschürte Leistungsdruck, resp. Leistungspotenz! Volksschüler kaufen sich sinnlos Energiedrinks. Andererseits konsumieren sie praktisch nur mehr sogen. Chunkfood, statt gesunde Kost. Die gemeinsamen Mahlzeiten am Tisch sind rar. Und Rekruten sind am Freitag kaum mehr heraus zu fordern, vor dem gemeinsamen Wochnende mit der Freundin. Antworten


Walter Meier

22.04.2009, 22:39 Uhr
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Das Beste an diesem Artikel sind die Google-Werbelinks ganz unten... Antworten


Marcel Ruetsche

22.04.2009, 22:32 Uhr
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Ich bin 55 Jahre alt und trotzdem bin ich ohne Potezmittel ein, was mir die Frauen bestaetigen, guter Liebhaber. Alles lauft ueber das Gehirn. Ich bin Lebensfroh und sehr aufgeschlossen. Die meisten Jugentlichen haben keine Ziele und Leben in den Tag hinein und um Ihre Probleme zu loessen, nehmen sie Drogen und Potenzmittel, ansonsten wuerden sie total versagen im Alltag. Traurig aber wahr. Antworten


rolf berner

22.04.2009, 22:23 Uhr
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dass die kassen viagra überhaupt zahlen find ich falsch.man kann nicht alles über die grundversicherung abdecken,auch nicht die behandlung nach besäufnissen usw.speckt endlich mal die gv ab statt die prämien zu erhöhen!!! Antworten


leo spescha

22.04.2009, 22:14 Uhr
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achtung: eine wenig bekannte nebenwirkung ist nicht ausser acht zu lassen: wenn es unten hart wird, wird das gehirn weich. Antworten



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