Erfreuliche Post

Identität in vier Ziffern: Eine Liebeserklärung an die Postleitzahl zum fünfzigsten Geburtstag.

Ästhetik der Ordnung. Was gibt es Schöneres als Postleitzahlen und Geranienkästen?

Ästhetik der Ordnung. Was gibt es Schöneres als Postleitzahlen und Geranienkästen? Bild: Keystone

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Schönheit kann durch Verwegenheit entstehen – oder durch Ordnung. In der Schweiz ist der zweite Fall der wahrscheinlichere und die Postleitzahl ein schönes Beispiel dafür. Sie ordnet das Land von West nach Ost, von Lausanne nach Wildhaus, von 1000 bis 9658. Seit fünfzig Jahren.

Es war Sommer im Jahr 1964, als die Schweiz diese neue Briefanschrift einführte – nach Deutschland und den USA, als drittes Land der Welt. Die Post warb mit aller Euphorie für das System, «Jedesmal – Postleitzahl» war der Slogan, aber im Land blieb man skeptisch. NZZ-Redaktor M.R. schrieb: «Zum Nummernsystem generell ist zu sagen, dass man sich abstrakte Zahlen schwerer merken kann als die durch Geographiekenntnisse, Reiseerfahrung usw. leicht einprägsamen Kantonsbezeichnungen.» Und wenn sich Heike Bazak, Leiterin des PTT-Archivs in 3098 Köniz, heute durch das Archiv arbeitet, stellt sie fest: «Die Leute meinten offenbar, es beginne jetzt das Pünktchen- und Zahlenzeitalter. Namen seien nicht mehr wichtig.» Sie lächelt milde.

Inzwischen gibt es in einigen Dörfern Shirts, die mit den vier Ziffern bedruckt sind. Die Leute tragen ihre Postleitzahl wie ein Bekenntnis. Was einmal eingeführt wurde, um die Arbeit der Post zu erleichtern, gehört heute zur Identität der Schweiz. Eine Übertreibung?

Der Klang der Provinz

9200 Gossau gehört nicht unbedingt zu den Metropolen der Schweiz, aber die Stadt kämpfte während Jahrzehnten um eine möglichst mondäne Postleitzahl. Bei der Einführung war 9202 vorgesehen, aber das passte der Ostschweizer Gemeinde nicht; 02 klang nach Provinz, 00 nach Stadt. Vier Anläufe musste der Gemeinderat starten, bis er 1996 endlich neues Briefpapier aufsetzen konnte, Freundliche Grüsse aus 9200 Gossau: «Diese Postleitzahl entspricht der Grösse und wirtschaftlichen Bedeutung unserer Stadt.»

8499 Sternenberg kämpfte vor zwölf Jahren mit anderen Problemen. Die Gemeinde im Zürcher Oberland, 330 Einwohner und ein bisschen Bekanntheit durch den gleichnamigen Spielfilm des Schweizer Fernsehens, musste die Poststelle schliessen. In Dörfern sind das immer eher Begräbnisse als Schliessungen. Aber Gemeindepräsidentin Sabine Sieber soll trotzdem erleichtert geklungen haben. Sie sagte: «Wenigstens dürfen wir die Postleitzahl 8499 und damit ein Stück Identität behalten.»

8000 Zürich muss nicht kämpfen um seine vier Ziffern, die Stadt ehrt sie stattdessen mit einem eigenen Modelabel, Achtusig, «de Style vo Züri». Seit dem Jahr 2012 führen zwei junge Männer ein Sortiment mit «Hoodies und frechen Shirts», wobei frech vor allem heisst, dass die Pullover so aussehen, als seien sie versprayt worden statt bedruckt. Einer der Designer, Stefan Kunz, sagte zu Blick am Abend: «Es gibt in Zürich linke und rechte Politiker, ‹Achtusig› aber steht für die ganze Stadt, für alle, die die Stadt lieben.» Der Slogan: «Fühlsch Züri? Gönn der Achtusig!»

Typografisch eigenwillig

8303 Bassersdorf gab seinen gemeindeeigenen Slogan vor sieben Jahren auf – in der Schweiz werben die Dörfer ja gerne mit «weltoffen» oder «menschlich»; Worte, die auch vom Papst kommen könnten oder von Barack Obama. Stattdessen erscheint die Gemeinde nun so: 8303assersdorf. Die Postleitzahl als Programm. Im Tages-Anzeiger erklärte der Gemeindepräsident: «8303 ist formschön und typografisch eigenwillig.» Er klang ziemlich geschäftig und stolz.

4711 Aedermannsdorf zog damals bei der Vergabe der Postleitzahlen ein Los mit Kehrseite. Die Kombination 4711 gab es schon, als Parfummarke in Deutschland, «Echt Kölnisch Wasser». Die Zeitungen schrieben dann gerne möglichst süffisant von der «Gemeinde mit der duftenden Postleitzahl» – es ist heute nicht ganz klar, ob das den Aedermannsdorfern gefiel oder nicht. Das Problem löste sich, als die Post im Jahr 1988 die Sammelzahl 4711 aufhob, die gleichzeitig Herbetswil und Ramiswil gehörte.

Seither gehören den drei Dörfern jeweils eigene Ziffern: grosse Freude in 4714 Aedermannsdorf!

Einst glaubten die Leute, wegen der Postleitzahl niemand mehr zu sein. Heute fürchten sie, ohne die vier Zahlen niemand mehr zu sein. Es gibt kein schöneres Kompliment. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.07.2014, 09:38 Uhr

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1964 eingeführt: Michel Quennoz, der Posthalter von Conthey VS, feiert im Jahr 1994 das 30-jährige Jubiläum der Einführung der Postleitzahlen. (Bild: Keystone )

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