Leben

Erlaubt ist, was nicht stört - aber alles stört

Von . Aktualisiert am 30.12.2008 56 Kommentare

Alarmismus greift um sich. Psychoanalytiker Peter Schneider über zwangsneurotische Marotten, die zunehmend als politische Forderungen daherkommen.

Experten schlagen Alarm, die Fachpersonen sind besorgt, und selbst hartgesottene Wissenschaftler wissen: Das alles ist kein Einzelfall. Die Politiker sind dementsprechend entsetzt und fordern eine sofortige Gesetzesänderung, und bis die durch ist, erst einmal härteres Durchgreifen.

«Alarmismus» nennt man diesen Zustand, in welchen man gerät, wenn man vor lauter Missständen und Skandalen keine Welt mehr sieht und sich die Proportionen und Relationen der beklagten Übel auf groteske Weise verzerren. Wer diese Textbausteine der Berichterstattung nur halbwegs ernst nimmt, muss den Eindruck haben, nicht in der Schweiz zu leben, sondern in einem gesetzlosen «failed state» à la Somalia. In einer anomischen Gesellschaft, deren Zerfall und der daraus resultierenden Brutalität nur noch durch Notrecht beizukommen ist.

Keine Angst, ich werde mitnichten selber in jene alarmistische Tonart wechseln, die ich gerade kritisiert habe. Also: Nein, wir stehen nicht an der Schwelle zum totalitären Überwachungsstaat. Und ebenso wenig vor der Einführung einer Diktatur, wie sie Thomas Hobbes propagierte, weil er in der Etablierung eines allmächtigen Souveräns (dem «Leviathan») die einzige Möglichkeit sah, den Bürgerkrieg aller gegen alle zu beenden. Der tägliche Bürgerkrieg, unter dem wir zu leiden haben, ist lediglich der «Klassenkampf» um die Einhaltung der «Klassendisziplin» in der S-Bahn. Auch die anderen Probleme, welche die Öffentlichkeit in (bzw. ausser) Atem halten, sind - aus einer leidlich nüchternen Aussenperspektive betrachtet - eher läppisch.

Wahnhafte Idée fixe statt integrationspolitische Vernunft

Man staunt, was alles unaufschiebbar der Regulierung, des Verbots und strengerer gesetzlicher Bestimmung unterworfen werden gehört: die Offroader, die Erziehung von Hunden und ihren Haltern, der Schutz vor dem Passivrauchen, Pornos auf dem Handy, die Bedrohung unserer Jugend durch koffeinhaltige Limonaden, Glühbirnen, der persönliche CO2-Ausstoss, der internationale Katzenfellhandel etc. pp.

Arbeitslager für renitente Jugendliche werden zur Debatte gestellt, nächtliche Ausgangsverbote für die unter 16-Jährigen eingeführt und die öffentliche Vernichtung von Raserautos erörtert; es wird diskutiert, ob Eltern zu büssen sind, die ihre Kinder ohne ausreichendes Frühstück in die Schule schicken; und die Entschlossenheit, mit der die Behörden das gemischtgeschlechtliche Schwimmen muslimischer Kinder durchsetzen wollen, scheint mehr auf einer schon fast wahnhaften Idée fixe zu beruhen denn auf den Geboten integrationspolitischer Vernunft.

Leuchtende Augen durch «Null-Toleranz»

Mochte man sich in den Sechzigerjahren noch mit Herbert Marcuse Sorgen um die Gefahren einer «repressiven Entsublimierung» - die systemkonforme Entbindung und Zurichtung vormals verbotener Lüste - machen, so stehen wir heute eher vor dem Phänomen einer entsublimierten Repression: um die geradezu neurotische Lust an der Konformität.

Man sagt «Null-Toleranz», und die Augen der Menschen beginnen zu leuchten. Es gibt keine politische Partei unseres Landes, die sich nicht - vor allem in Fragen der Erziehung - an dem Überbiet-Wettbewerb der Etablierung neuer Regelungen und Restriktionen beteiligen würde. Was der minoritären Rechten das Minarett-Verbot, ist der links-liberal-bürgerlichen Mehrheit der gemischte Schwimmunterricht.

Was Letzteren betrifft, könnte man zum Beispiel argumentieren, dass es doch merkwürdig erscheine, mit welchem Furor man ausgerechnet gemischtgeschlechtlichen Schwimmunterricht durchsetzen möchte, während es in anderen Bereichen - wie dem naturwissenschaftlichen Unterricht - als kluger pädagogischer Schachzug gilt, Mädchen und Knaben getrennt zu unterrichten.

Zwangsneurotische Schrullen als politische Forderungen

Doch die Argumentation versagt, weil man gegen Marotten und fixe Ideen nun einmal nicht argumentieren kann. Es ist, als wollte man einen Zwangsneurotiker durch gute Argumente davon abbringen, jede Türklinke mit einem Desinfektionsmittel zu reinigen, bevor er sie berührt. Denn gibt es nicht tatsächlich gefährliche Keime auf jeder Türfalle und wäre nicht schon ein einziger Fall einer gefährlichen Infektion, die man sich beim unbedachten Berühren einer Türklinke zugezogen hat, ein Fall zu viel? Werden die Keime nicht immer gefährlicher, die Antibiotika machtloser? Ein solches Gespräch kommt nie über jenes «Ja, aber ...» hinaus, das schon den Anfang der Diskussion markierte.

Der Vergleich ist nicht zufällig gefällt, und wie mir scheint, nicht an den Haaren herbeigezogen. Bei den grassierenden Debatten um die Notwendigkeit weiterer Gesetze, strengerer Regeln und noch weitreichenderer Restriktionen kann man sich tatsächlich oft nicht des Eindrucks erwehren, hier würden eigentlich höchst individuelle zwangsneurotische Schrullen in den Rang politischer und gesellschaftlicher Forderungen erhoben.

Der Zwangsneurotiker misstraut sich selbst fortwährend, jede noch so harmlose Handlung kann zur Quelle einer nicht zu übersehenden Schuld werden. Dagegen müssen Vorsichtsmassnahmen ergriffen werden, denen man aber eben auch nicht trauen kann. Das führt zu einem Wuchern der Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, von denen jede einzelne mit höchster Dringlichkeit auszuführen ist. Kann dies nicht geschehen, entsteht Angst, ja Panik. Keine Lücke darf offen bleiben, man muss für jede Eventualität gerüstet sein, denn nur so wird alles gut.

Jedem Einzelfall sein eigenes Gesetz

Einer analogen inneren Logik scheinen die derzeit grassierenden Rufe nach Gesetzesänderungen bei der Thematisierung jedweden Missstands zu unterliegen. Was man eigentlich für den Vorteil eines Gesetzes halten würde: dessen allgemeine Formulierung, welche stets in einer (auslegungsbedürftigen) Diskrepanz zum Einzelfall steht, wird zum Skandal: Jeder Einzelfall, der selbstverständlich niemals ein solcher ist, sondern immer nur die Spitze eines Eisbergs, braucht im Grunde ein eigenes Gesetz. Jemand ist am helllichten Tage heimtückisch mit einem Messer von hinten erstochen worden? Das muss doch verboten werden! So etwas darf nicht geschehen!

Offenkundig sind unsere Gesetze völlig unzulänglich! Als gäbe es kein leidlich funktionierendes Rechtssystem und keine mehr oder weniger brauchbaren Gesetze, deren gelegentliche Übertretung diese nicht ausser Kraft setzt, sondern im Gegenteil ihre Existenz rechtfertigt, wird der Eindruck vermittelt, als müsste unser ganzes System von Gesetzen von Grund auf völlig neu erfunden werden.

Die Marotte wird zur moralischen Maxime

So schlimm steht es also? Ein zwangsneurotischer «Leviathan» hat unser Gemeinwesen als Geisel genommen und wird sie erst wieder aus seinen Klauen lassen, wenn all seine Forderungen und Bedingungen erfüllt sind? Ganz so wild ist es nun wieder nicht. Auch wenn die herrschende antiliberale Stimmung charakteristische Zügen der Zwangsneurose zeigt, so fehlt ihr doch die inhaltliche Homogenität. Es sind gar zu viele unterschiedliche Marotten, aus denen sich diese Stimmung speist.

Ein Sparlampen-Tick geht nicht zwangsläufig mit der Obsession einher, dass unsere Jugend durch den Verzehr von Red Bull in ihrer Existenz bedroht ist. Denn das zeichnet die Zwangsneurose eben auch wesentlich aus: Sie ist eine Art Privatreligion mit höchst individuellen Ritualen und Vorschriften, die nicht zur Massenbildung taugen. Sondern bloss dazu, sich wechselseitig gehörig und fortwährend auf den Nerv zu gehen.

Zwar gilt, dass erlaubt sei, was nicht stört - aber was gibt es noch auf dieser Welt, das niemanden stört? Der Spleen des einen stört sich am Tick des anderen, und zwar nicht von Fall zu Fall, sondern generell. Die Marotte wird zur moralischen Maxime, welche ja gemäss Kant nur dann eine ist, wenn sie dazu taugt, zum allgemeinen Gesetz erhoben zu werden. Ein wertvoller Beitrag zum Reizklima in unserer Gesellschaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2008, 09:07 Uhr

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56 Kommentare

Hans Johann

29.12.2008, 22:12 Uhr
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Super Artikel! Der politische Aktionismus und die Regulierungswut dieser Tage kratzen allmählich schon an der Grenze des Pathologischen oder zumindest des Erträglichen. Freiheit muss man aushalten können. Antworten


Marion Russek

29.12.2008, 22:42 Uhr
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Ausgezeichnet geschrieben. In diesem Zusammenhang sollte auf die Organisation www.ig-freiheit.ch hingewiesen werden, welche uns die zunehmende Regulierungswut aus allen Bereichen aufmerksam macht: vom Fahnenreglement bis zur Znünpolizei! Antworten




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