Es blüht die Fantasie auf der Frühlingswiese

Von Thomas Wyss. Aktualisiert am 04.03.2010 6 Kommentare

Der neuste Trend heisst Urban-Meditation! Alles, was es dazu braucht, ist ein anachronistisches Stadtobjekt und ein bewegliches Hirn.

Entspannung pur: Jetzt auch in der Stadt möglich dank Urban-Meditation.

Entspannung pur: Jetzt auch in der Stadt möglich dank Urban-Meditation.
Bild: Keystone

Nicht 1892, aber früher: Der Zürcher Belvoirpark auf einer alten Postkarte.

Nicht 1892, aber früher: Der Zürcher Belvoirpark auf einer alten Postkarte.

Dossiers

Überall hupende Autos, quietschende Trams, kackende Köter, hetzende Passanten. Überall Leuchtreklamen, Lifestyle, Neubauten, Altlasten. Überall Moderne, Postmoderne, Pseudomoderne, Neomoderne. Kein Zweifel, Zürich geht mit der Zeit; der Rhythmus der Stadt ist so beschwingt, dass man dazu tanzen kann. Oder muss.

Die meisten Bürger machen einfach mit. Doch es gibt andere. Jene, die am «fast & furious»-Groove keinen Spass haben; jene, denen diese scheinbare Leichtigkeit des Seins längst unerträglich geworden ist; jene, deren Naturell gegen Lärm, Hektik und Dreck rebelliert; jene, die Langsamkeit leben wollen, jedoch ahnen, dass die Aussicht auf Erfolg genauso klein ist, wie wenn sie in der Sihl nach Gold schürfen würden.

Weil wir nicht wollen, dass diese Menschen auf der Suche nach Musse ihr ganzes Erspartes durch 7-Franken-pro-Minute-Anrufe bei ko(s)mischen Yogis oder Shivas verprassen, haben wir uns umgeschaut und sind fündig geworden.

Wir haben eine Methode entdeckt, die nichts kostet - und schon nach einer Viertelstunde Zufriedenheit beschert. Das Zauberwort heisst «Urban-Meditation»! Alles, was es dazu braucht, ist ein aus der Zeit gefallenes Objekt irgendwo in der Stadt, und eine Nostalgiefantasie, die blüht wie eine Frühlingswiese. Wie die Sache funktioniert, sei hier mit einem Beispiel veranschaulicht.

Augen schliessen, ruhig atmen

Der anachronistische Gegenstand (auf den uns übrigens ein Berufskollege aufmerksam machte, herzlichen Dank!) ist ein Halteverbotschild an der Ecke Napfgasse/Marktgasse, also beim Plätzchen vor dem Café Schober im Niederdorf. Auf der verwitterten Tafel steht: «Die Benutzung dieses Platzes ist jedem Unberechtigten bei Polizeibusse bis auf Fr. 15.- untersagt. Zürich, den 29. November 1892. Im Auftrag des Gerichtspräsidiums: Schurter, Stadtammann.»

Nach dem Lesen schliesst man die Augen, beginnt regelmässig zu atmen und lässt geschehen, was geschieht. Beim Schreibenden geschah, dass er gedanklich ins Jahr 1892 reiste und sich vorstellte, wie es damals auf diesem Plätzchen zu- und hergegangen sein könnte (für die Wiedergabe der Szene wird eine theatralische Form gewählt).

Zurück in die Vergangenheit

Kulisse: Man sieht die Konditorei Schober, davor einen Kopfsteinpflasterplatz. Im Hintergrund die Reklamen eines Knopfmachers, eines Frisörs, eines Vergolders. Exotische Düfte hängen in der Luft, sie kommen vom Kolonialwarenhändler Schwarzenbach. Es ist 10 Uhr, ein schöner Frühlingsmorgen.

Ein Zweispänner-Fuhrwerk holpert auf den Platz. Kutscher Wüthrich (laut): «Brrrrrr.» Die Pferde halten. Kutscher Wüthrich steigt vom Bock, lädt zwei Säcke Mehl auf die Schultern und trägt diese lustig pfeifend Richtung Schober. Theodor Schober senior (freundlich): «Grüessech.» Dann öffnet er Wüthrich die Türe zu seiner Backstube. Stadtpolizist Weibel, der, ebenfalls pfeifend, die Marktgasse entlangschlendert, sieht das Fuhrwerk. (Mürrisch): «So nen Tschumpel.» Er holt den Bussenblock aus der Tasche und schreibt einen Strafzettel über 7 Franken und 35 Rappen.

Im selben Moment stürmt ein Hosenscheisser über den Platz. Es ist der 1886 geborene Hans Arp, der (was er damals noch nicht weiss) rund 24 Lenze später an der Spiegelgasse 1, also nur ein paar Häuser weiter, dadaistische Gedichte aufsagen wird. Klein Hans, mit den Eltern auf Zürichbesuch, hat nämlich vor dem Schober ein Punschkugel-mampfendes Meitli entdeckt und sich spontan verliebt. Das Mädchen ist Sophie Taeuber, eine dreijährige Davoserin. Hans wird sie (was beide noch nicht wissen) 30 Jahre später zur Frau nehmen. Bei seinem Sprint über den Platz touchiert der keine Sürmel das Bein von Polizist Weibel. Dieser (mürrisch): «Säubueb!» In dem Moment torkelt ein betrunkener 22-jähriger Russe auf den Platz, lallt «Nasdorowje», fällt hin und zerschlägt dabei seine Wodkaflasche. Er heisst Wladimir Iljitsch Uljanow und wird (was er noch nicht weiss) 24 Jahre später unter dem Decknamen «Lenin» an der Spiegelgasse 14, also nur ein paar Häuser weiter, die Schrift «Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus» beenden. Polizist Weibel packt ihn am Kragen und zieht ihn hoch. (Wütend): «Säucheib!» Dann stellt er dem Herrn Uljanow «wegen Aufruhr im Suff» eine Busse über 14 Franken 80 Rappen aus, welche dieser später anfechten wird.

Die Massenschlägerei entfällt

Wir hören hier auf, denn während der noch folgenden Massenschlägerei, bei der Kutscher Wüthrich Polizist Weibel die Nase bricht, fallen ein paar für diese Tage nicht ganz jugendfreie Ausdrücke.

Egal. Jedenfalls fühlt man sich nach einer 15-minütigen Urban-Meditation geistig frisch, der Puls pocht ruhig, das Glück lugt aus den Augen. Andere Objekte, die sich für diese Meditationsart eignen, sind Gedenktafeln, Statuen und auf dem Trottoir gefundene alte 20-Räppler. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2010, 11:58 Uhr

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6 Kommentare

Martina von Arx

04.03.2010, 09:42 Uhr
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Endlich mal wieder ein gut geschriebener Artikel. Kompliment! Und sprachlich einwandfrei. Es besteht also doch noch Hoffnung... Antworten


Sandra Wehrli

04.03.2010, 15:27 Uhr
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Super! :-) Antworten



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