Leben

«Es gibt Menschen ohne Gewissen»

Von Brigitte Jeckelmann. Aktualisiert am 24.08.2010 2 Kommentare

Was geht in Personen vor, die Fahrerflucht begehen – wie etwa im Fall des Bootsdramas auf dem Bielersee? Der Verkehrs- und Sicherheitspsychologe Simon Hardegger versucht die Gefühlslage zu analysieren.

Die Suche blieb bis heute erfolglos: Ein Polizeiboot am Unfallort auf dem Bielersee.

Die Suche blieb bis heute erfolglos: Ein Polizeiboot am Unfallort auf dem Bielersee.
Bild: Jon Mettler

Simon Hardegger (Bild: zvg)

Simon Hardegger, in einem Fahrzeug befinden sich mehrere Personen. Der Lenker verursacht einen Unfall mit Todesfolge. Er flüchtet mit seinen Passagieren, und alle schweigen. Was geht heute in den Beteiligten vor?
Simon Hardegger: Zweifellos werden die Personen einen grossen Druck spüren. Einerseits durch die moralische Schuld, andererseits aber auch durch den öffentlichen Druck. Vermutlich werden sie auch bezüglich ihrer Werthaltungen verunsichert sein. In dieser ausserordentlichen Situation wird es für sie wichtig sein, wieder Halt zu finden und mit dem Geschehenen umgehen zu können.

Laut Zeugenaussagen waren auf dem Schiff drei Personen. Können Sie etwas zur Rollenverteilung sagen?
Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Der Schiffsführer könnte die dominante Person sein, zu der die anderen in einer gewissen Abhängigkeit stehen. Zum Beispiel, wenn der Schiffsführer das Familienoberhaupt, der zukünftige Erblasser, ein wichtiger Geschäftspartner oder der Arbeitgeber ist. Die Rollen der Passagiere könnten dann durch eine entsprechend unterwürfige Stellung gekennzeichnet sein.

Übt diese dominante Person Macht über die Gruppe aus?
Diese Konstellation der Abhängigkeit kann man auch bei Flugunfällen finden: Der Kapitän erteilt dem Co-Piloten einen Befehl – und dieser gehorcht, obwohl er weiss, dass es falsch ist.

Wie aber schafft es der Schiffsführer, mit seiner Tat ruhig weiterzuleben?
Auch da gibt es mehrere Varianten. Man muss sich fragen, wie sich dieser Mensch gewisse Sachen zurechtlegt. Er kann es beispielsweise mit Autosuggestion. Das heisst, er redet sich etwas ein. Etwa, indem er sich sagt, die Person, die beim Unfall gestorben ist, war eh selber schuld, oder die Zeit der Person war sowieso gekommen. Dadurch reduziert er Spannung und findet Entlastung.

Solche Gedankengänge sind schwer nachvollziehbar...
Ja. Aber diese für normale Menschen entsetzlichen Annahmen können vor dem Hintergrund der Macht von subjektivem Glauben eine grosse Bedeutung erlangen. Dabei ist es möglich, dass der Unfallverursacher komplett von einer solchen Haltung überzeugt ist und die Situation tatsächlich so sieht, wie er sich die Sache zurechtgelegt hat.

Das klingt, als ob der Mensch kein Gewissen hätte.
Tatsächlich ist es bei abnormen Persönlichkeiten vorstellbar, dass sie auch angesichts von völlig menschenverachtenden Taten kein schlechtes Gewissen haben. Man spricht dabei von einer antisozialen oder psychopathischen Persönlichkeit. Ein berühmtes Beispiel sind erfolgreiche Manager, die hart und rücksichtslos sind. Sie handeln nach dem Motto: Mit Liebe und Güte erreicht man nichts. Ob eine solche Persönlichkeitsstruktur beim Bootsunglück eine Rolle gespielt hat, wäre aber eine rein spekulative Annahme und ein Zufall.

Kommen wir zurück auf die Mitinsassen. Sind das auch Psychopathen?
Das wäre ein noch grösserer Zufall. Aber nicht unmöglich, wenn man bedenkt, dass Menschen ihre Freizeit mit ähnlich gepolten Kollegen verbringen.

Und wenn sie das nicht sind?
Solidarität ist eine mögliche Erklärung. Aus bestimmten Interessen, wie bereits dargelegt, hält man zu einer Person. Dies auch unter widrigen Umständen. Dafür nimmt man eigene Nachteile in Kauf. Es könnte aber auch sein, dass man jemandem noch einen Gefallen schuldig ist.

Können auch egoistische Motive eine Rolle spielen?
Das ist denkbar. Im Sinn von: Nachdem man sich ein schönes Leben mit vielen Annehmlichkeiten eingerichtet hat, will man dies nicht riskieren und alles kaputtmachen.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen sein Schweigen doch noch bricht?
Es kann sein, dass diese Personen ihr Geheimnis mit ins Grab nehmen. Es ist aber auch möglich, dass das Ereignis in ihnen gärt. Zur Zeit des öffentlichen Drucks, durch die Befragungen sowie die Nachforschungen der Medien kann ein Selbstschutzmodus ausgelöst werden.

Was bedeutet das?
Man wehrt alle Angriffe gegen die eigene Person ab. Normalerweise ist das eine gesunde und zielführende Einrichtung unserer Psyche, im vorliegenden Fall jedoch krankhaft. Wenn der Druck dann nachlässt und mit der Zeit die Entdeckungsgefahr sinkt, kann dieser Selbstschutz schliesslich doch bröckeln.

Bei wem würde dieser Selbstschutz zuerst bröckeln?
Schwer zu sagen. Das könnte bei allen Personen der Fall sein. Es können auch persönliche Voraussetzungen wie moralische Integrität, Selbstbewusstsein oder religiöse Überzeugungen eine Rolle spielen. Umso grösser ist diese Chance, wenn solche Merkmale schon vor dem Ereignis aktiv waren. Wichtig scheint mir, nochmals zu betonen, dass alle Antworten auf theoretischem Wissen und Annahmen beruhen und lediglich Versuche sind, ein bestimmtes Verhalten einzuordnen. (Bieler Tagblatt)

Erstellt: 24.08.2010, 11:38 Uhr

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2 Kommentare

willi aerne

24.08.2010, 17:47 Uhr
Melden

Ich habe gewisse Zweifel, dass es Leute ganz ohne Gewissen gibt. Es soll aber welche geben, die ein ganz sauberes haben, weil sie es noch nie gebraucht haben. Antworten


Gérard Moccetti

26.08.2010, 21:54 Uhr
Melden

Wenn sich eine solche Person nicht selber stellt, dann kann nur noch eine exemplarische Strafe in Zukunft solche psychopatischen Personen davon abhalten ähnliches nachzuahmen.3 Jahre sind in einem solchen Fall absolut nicht angemessen, zumal man noch rechnen müsste, dass sie für nichtzensurierte Personen auf eine bedingte Strafe geändert würden. Die Anklage sollte auf 10 Jahre Haft ausfallen. Antworten




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