«Es gibt mehr Probleme beim Sterben»

Bernhard Sutter, angehender Geschäftsführer bei Exit, sieht den Grund für die bis zu 100 Anmeldungen pro Tag in den zunehmend schwierigen Umständen am Lebensende.

«Mittlerweile haben wir Parteigrösse»: Bernhard Sutter, ab Januar 2015 Geschäftsführer von Exit. Foto: Sabina Bobst

«Mittlerweile haben wir Parteigrösse»: Bernhard Sutter, ab Januar 2015 Geschäftsführer von Exit. Foto: Sabina Bobst

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Seit Ende 2007 vertreten Sie Exit nach aussen, bald sind Sie der neue Geschäftsführer. Sind Sie der «Mr. Exit»?
Es ist so gedacht, dass ich das Gesicht von Exit bin. Anfang nächsten Jahres wechsle ich von der strategischen auf die operative Ebene. Ich werde als Vizepräsident zurücktreten und die Geschäftsführung des Vereins übernehmen. Als solcher werde ich nach aussen auftreten, Ansprechpartner sein und 50 Mitarbeitern, davon 35 Freitodbegleiterinnen, vorstehen.

Sie sind dann das Gesicht eines riesigen Vereins, der allein letztes Jahr 5000 Mitglieder gewann und jetzt 72 000 Mitglieder zählt. Ist das der Werbung zu verdanken?
Nein, das hat gesellschaftliche Gründe. Mittlerweile haben wir Parteigrösse. Bis vor 5 Jahren hatten wir immer etwa 50 000 Mitglieder. Seither wächst der Verein jährlich um 5000 Mitglieder. ­Natürlich sind wir mit unseren vielen Auftritten in der ganzen Schweiz präsent. Hauptfaktor für das Wachstum ist jedoch, dass die Menschen immer älter werden und daher mehr Probleme beim Sterben haben. Jetzt werden die Babyboomer pensioniert, die ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Zudem wird die Angst vor der Demenz spürbar grösser: Bis 2030 soll sich die Gruppe auf 200 000 erhöhen. Wobei Exit nur wenige Demenzkranke begleitet, weil man den Entschluss zum Sterben fällen muss, solange man urteilsfähig ist.

Auch die Freitodbegleitungen haben stark zugenommen.
Letztes Jahr waren es 459, 100 mehr als im Vorjahr. Das liegt daran, dass Menschen Exit als Dienstleistung betrachten. Diese Konsummentalität, dass man glaubt, bei einer schlimmen Krankheit einfach zum Telefon greifen und eine Freitodbegleitung anfordern zu können, war vor wenigen Jahren noch nicht in den Köpfen drin. Das stellt unsere Organisation vor grosse Probleme.

Weil diese Dienstleistung auch jene fordern, die nicht Mitglied sind?
Ja. Vor allem Nichtmitglieder wünschen ganz kurzfristig eine Sterbebegleitung, wenn ihnen ein schlimmer Tod unmittelbar bevorsteht. Für unsere Organisation, die mit Ehrenamtlichen arbeitet, sind das die aufwendigsten Fälle: Wir müssen innerhalb von Tagen Abklärungen treffen, die sonst Wochen dauern. Das ist fast nicht mehr tragbar für Exit. Wir müssen klarer informieren, dass es nicht reicht, erst zu uns zu kommen, wenn es schon 5 vor 12 ist. Natürlich war es ein bewusster Entscheid des Vereins, auch Menschen zu helfen, die nicht Mitglied sind. Vielleicht aber können wir in Zukunft nicht mehr allen helfen. Mit­glieder haben Vorrang, das ist klar.

Sind This Jenny, Timo Konietzka oder Hans Küng, die sich zur Sterbehilfe bekennen, wichtige Werbeträger für Exit?
In Zahlen schlägt sich das nicht nieder. Exit hat im Moment ohnehin 60 bis 100 Anmeldungen pro Arbeitstag. Natürlich, als die frühere Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf die Sterbehilfe einschränken wollte, war es wichtig, dass Persönlichkeiten wie Beatrice Tschanz oder Rolf Knie sagten, was ­ihnen das Selbstbestimmungsrecht bedeutet. Darum schalteten wir auch TV-Spots mit Prominenten wie Konietzka oder Werner Kieser. Das half uns sehr.

Eine weitere Regulierung auf Bundesebene ist also vom Tisch?
Das Parlament hat befunden, dass kein Regulierungsbedarf besteht. Die starke Tradition der Selbstbestimmung passt eben zur demokratischen Kultur der Schweiz. Darum gibt es bei uns auch ­keinen Druck hin zur ärztlichen Tötung auf Verlangen wie in Frankreich. Exit hat freilich immer signalisiert, dass wir zu einem Aufsichtsgesetz über Sterbehilfeorganisationen Hand bieten.

Jetzt aber will Exit liberalisieren und an der Generalversammlung vom 24. Mai die Statuten ergänzen mit: «Exit engagiert sich für den Alterssuizid.»
Das ist nur die Umsetzung dessen, was die GV vor zwei Jahren beschlossen hat. Die Mitgliederumfrage war eindeutig positiv. Exit verankert in den Statuten, was bereits Praxis ist.

Sie meinen die Polymorbiden? Menschen mit mehreren Beeinträchtigungen, wobei jede für sich nicht zum Tod führt?
Unter den Alterssuizid fallen auch die Polymorbiden. Diese machen etwa 20 Prozent der Freitodbegleitungen aus, letztes Jahr 97 von 459. Der Altersfreitod ist aber nicht genau definiert. Für Exit handelt es sich um einen wohlüberlegten Bilanzsuizid eines Hochbetagten, der noch nicht allzu gravierende gesundheitliche Einschränkungen hat. ­Jenen aber, die die Diskussion um den Altersfreitod aufgebracht haben, schwebt vor, dass jemand das Sterbe­barbiturat ohne Gesundheitsprüfung bekommen, zu Hause lagern und in eigener Verantwortung einnehmen kann. Denn sie mögen sich nicht als 80-Jährige vor einem 30-jährigen Arzt rechtfertigen, weshalb sie sterben möchten.

Das geht schon rein praktisch nicht?
Heute ist das unrealistisch, das Barbiturat untersteht der Rezeptpflicht. Der Gesetzgeber hat den Weg über den Arzt bewusst gewählt. Sonst besteht die Gefahr, dass man es falsch anwendet oder es in falsche Hände gerät.

Ethiker haben grosse Bedenken gegen den Alterssuizid. Setzt Exit mit mehr Liberalisierung nicht ein falsches Zeichen?
Es ist ganz klar: Wer sich für eine Liberalisierung am Lebensende engagiert, muss sich überlegen, was das für Konsequenzen hat. Allerdings haben viele Leute das Gefühl, weil es Exit gebe, stürben immer mehr Leute mit Sterbehilfe. Dabei ist es umgekehrt: Es gibt immer mehr Probleme am Lebensende, deshalb müssen immer mehr Leute Sterbehilfe beanspruchen, und Exit wächst. Die Liberalisierung kommt so oder so, auch wenn Exit nichts machen würde. Jetzt steht eine Generation im Alter, die selbstbestimmt lebt und mehr Freiheit gerade am Schluss des Lebens fordert.

Damit nimmt auch der Druck auf die Alten zu, Angehörigen und Gesellschaft nicht zur Last zu fallen.
Das Argument ist so alt wie Exit. Es wird immer wieder bemüht. Besonders stark, als die Stadt Zürich als erste Menschen in Altersheimen erlaubte, mit Exit selbstbestimmt zu sterben. Kritiker argwöhnten, das werde einen grossen Druck auf die anderen Bewohner bewirken, sodass letztlich viele mit Exit sterben wollten. Was ist passiert? Das hatte kaum einen Einfluss. Mir persönlich sind Alte, die so einem Druck stattgeben würden, einfach nie begegnet. Im Gegenteil: Die alten Menschen, die ich kenne, handeln wohlüberlegt und selbstbewusst, sie würden nie einem Druck nachgeben.

Sie hören wirklich nie Bedenken von Alten, dass sie mit den hohen Pflegekosten das Erbe aufbrauchen?
Bei Sterbebegleitungen klären wir auch ab, ob es einen finanziellen Druck gibt. Falls ja, dürften wir gar nicht begleiten. Es gab deswegen noch nie ein Straf­verfahren gegen Exit. Natürlich machen sich alte Leute solche Gedanken. Man kann aber nicht von einem ökonomischen Druck sprechen. Unseren Alten geht es vergleichsweise gut: Dank Spitex können sie daheim bleiben, Mittellose beziehen Ergänzungsleistungen. Man hat eher weniger Druck als noch vor 30, 40 Jahren. Und nicht zur Last fallen zu wollen, das gibt es seit Menschengedenken. Schon bei den Nomadenvölkern blieben lebenssatte Alte einfach zurück.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.05.2014, 06:43 Uhr)

Politische Forderung

Klare Regeln für Suizidbegleitung

Im Sommer 2011 kam der Bundesrat zum Schluss, die Suizidhilfe bedürfe keiner weiteren Regelung. Vorausgegangen waren jahrelange parlamentarische Beratungen, ein Vorschlag für eine Gesetzesrevision und eine Vernehmlassung. Seither ruht das Thema. Nun scheint die Politik aber wieder darauf aufmerksam zu werden: In den vergangenen Monaten haben National- und Ständerat eine Motion der Winterthurer EVP-Nationalrätin Maja Ingold angenommen, die einen Aktionsplan zur ­Suizidprävention fordert. Eingereicht hatte Ingold den Vorstoss kurz nach dem Bundesratsentscheid im Sommer 2011. Die Motionärin kritisiert, dass der Bundesrat in seinem Bericht «Palliative Care, Suizidprävention und organisierte ­Suizidhilfe», den er damals vorgelegt hat, zwar Handlungsbedarf anerkenne, aber das Potenzial bei Aufklärung und Früherkennung von Depressionen nicht ausschöpfe. 90 Prozent aller Menschen, die Suizid begehen, leiden an Depressionen, anderen psychischen Störungen oder Suchterkrankungen. Am höchsten ist die Suizidrate bei über 75-Jährigen.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) setzt den Vorstoss koordiniert mit weiteren Massnahmen um, wie die Verantwortliche Salome von Greyerz sagt. Zum einen laufe die Strategie Palliative Care, welche die Betreuung von unheilbar Kranken fördert. Zum anderen unterstützt das BAG Massnahmen, welche die Früherkennung und korrekte Diagnose von Demenz fördern und damit deren Abgrenzung von Depressionen ermöglichen. Im Anfangsstadium ähneln sich die Symptome, was die Unterscheidung erschwert. Sie ist aber besonders wichtig im Hinblick auf Suizidprävention: Eine Depression ist im Gegensatz zur ­Demenz behandelbar. Weiter sollen pflegende und betreuende Angehörige entlastet werden.

Die Zunahme der Suizide und das steigende Interesse an Suizidbeglei­tungen werde die Politik beschäftigen, glaubt die Thurgauer CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller. «Obwohl ich zurückhaltend bin bezüglich Regeln bei Sterbebegleitungen – man wird um eine Definition der Kriterien nicht herumkommen.» Die Gefahr, dass der Altersfreitod nicht aus freiem Willen, sondern unter Druck erfolge, bleibe bestehen. (Tages-Anzeiger)

Stichworte

Bernhard Sutter

Das Gesicht von Exit

Bernhard Sutter (47) ist seit 2007 Vizepräsident und Leiter Kommunikation von Exit. Ab Januar 2015 wird er die Organisation als Geschäftsführer leiten. Bernhard Sutter ist ausgebildeter Journalist. Er war für Radio, Fernsehen und zehn Jahre für den «Tages-Anzeiger» tätig. (mm)

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