Leben

«Es ist ein Scheissgefühl. Genau.»

Von Thomas Knellwolf, Kaufdorf. Aktualisiert am 09.09.2009 14 Kommentare

Franz Messerli muss die letzte Ruhestätte für alte Karossen schliessen, die seine Eltern und er anlegten. Den einzigartigen Ort will er Fahrenden überlassen.

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Franz Messerli, Inhaber des Autofriedhofs, vor der Auktion.
Bild: Keystone

   

«Helfen kann niemand. Das ist das Schlimme.» Hoffnungslosigkeit kommt als Erstes über Franz Messerlis Lippen, weil niemand mehr den überwucherten Wagenpark südlich von Bern retten kann. Seit dem Jahr 1933, als Deutschland Adolf Hitler wählte, rotten dort Autos vor sich hin. Doch nun muss das unheimliche wie romantische Stück automobile Zeitgeschichte weg aus dem Gürbetal. Endgültig. Nach langem Hin und Her. So wollen es die lokalen Behörden. So hat das Bundesgericht entschieden. Und Franz Messerli, gelernter Automech, Ex-Hobby-Rennfahrer, Abbrüchler, dem das Internet das Geschäft vermiest, Alteiseler, Alt-68er, Querkopf, andere sagen Querulant, Franz Messerli, ein Mann mit vielen Attributen, redet wie jemand, der einen schmerzhaften Verlust erleidet, den er erklären möchte, aber nicht kann. Seine 782 Oldtimer, keiner fahrtüchtig, viele rostig, versteigert er am 19. September. Mit der Grossauktion verschwindet, was für die einen ein Schandfleck und ein Symbol der Faulheit zweier Messerli-Generationen ist und für die anderen eine Kultstätte und das Lebenswerk von Franz und seinen verstorbenen Eltern.

«Das Himmeltraurigste»

Mit einem Gleichnis erläutert Messerli junior, auch schon 60, «das Himmeltraurigste»: «Das Eidgenössische Turnfest ist 2002 wegen der geschützten wullstigen Kornschnecke nach Bubendorf verlegt worden». Auf seinem Autofriedhof zählten Biologen 151 Grasarten. Vögel nisten in Auspuffen, Fledermäuse flattern durch die Dämmerung, Spinnennetze warten in den letzten Tagen der ewigen Ruhestätte auf Besucher, die 20 Franken Eintritt bezahlen. Das Dumme daran: Keine Pflanze, kein Tier findet sich auf der roten Liste bedrohter Arten. Aus amtlicher Sicht sind die modernden Wagen Umweltbedrohung statt -schutz. Beamte fürchten Gifte, die versickern. «Chabis», sagt Franz Messerli. Die Autos seien trockengelegt.

«Der Messerli ist kein Heiliger», sagt der Messerli. «Immer schafft er sich Feinde, weil er sagt, was er denkt.» Das vererbte Motto seiner Familie lautet: «Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.» Die Behördenkorrespondenz seiner Mutter selig («sie galt immer als die Böse») hätte zehn Ordner füllen können, erzählt der Sohn. Ein Schwager, ausgerechnet, macht Anfang der 60er als Erster mobil gegen den Friedhof der Automobile in seiner Nachbarschaft.

Fast Renault-Fabrik statt Friedhof

Mit Unterschriften will er verschwinden lassen, was Messerli senior schuf. Der Traktorenhersteller Marke Eigenbau, Schrott- und Knochenhändler, Lumpensammler, Recycler, bevor es dieses Wort überhaupt gab, baut während des Krieges Holzvergaser in staatlich zwangsrekrutierte Fahrzeuge ein, damit sie Tannzapfen statt Benzin verbrennen. Während er in einer Armeegarage Aktivdienst leistet, fahren bei der Messerli Abbruch GmbH zwei, drei Camions vor. Internierte Russen, Tschechen und Polen laden alle Werkstoffe auf. Der Bund hat sie beschlagnahmt. «Die Raubritter im Dienste der Landesverteidigung», so Franz Messerli, bezahlen eine Entschädigung für die Truppen, die sie in der Garage einquartieren. Doch der Gemeindeschreiber unterschlägt das Geld. Der Vater geht nicht vor Gericht. Er scheut administrativen Aufwand. Auch das hat der Sohn geerbt. Ein halbes Dutzend Verlustscheine am Bürofenster erinnern ihn bis heute, «dass Gutmütigkeit Dummheit ist».

Die Ruhestätte, die nun das Zeitliche segnet, entsteht durch eine Laune des Schicksals. Anno 1952 diniert Vater Messerli im noblen Restaurant des Eiffelturms mit Charles Renault. Vergilbte Fotos zeugen davon, dass pro Gast sechs Gläser aufgetischt werden. Hätten die Beiden ihre Pariser Pläne umgesetzt, stünde heute in Kaufdorf vielleicht eine grosse Renault-Traktorenfabrik. Doch es kommt anders: Am 20. Juli 1952 verunfallt Vater Messerli bei einem Speedway-Rennen. Er kann nur noch 15 Prozent arbeiten. Kaufdorf bleibt ein Kaff mit Autofriedhof.

Streit mit den Behörden – seit 34 Jahren

Sohn Franz steigt ins Geschäft ein, nachdem er mit dreimal längeren Haaren als heute um den Globus gezogen ist. Hinter der Garage organisiert er Feierabendrennen mit halbtoten Autos. Mitmachen kann, wer will. «Das war hochkriminell», sagt der Junior, «aber zum Glück ist nie etwas passiert.» Auch er streitet sich mit den Behörden «seit 1975 ohne Unterbruch bis zum heutigen Tag». Und darüber hinaus. Bald kommt Messerli wegen «Ungehorsam gegen eine amtliche Verfügung» vor Gericht, weil er sich in Thailand auf die faule Haut legte statt daheim aufzuräumen. Messerli liebäugelt oder besser droht damit, den leeren Friedhof Fahrenden zu überlassen, die auch der Behördenwillkür ausgesetzt seien. Zum Abschied sagt er: «Es ist ein Scheissgefühl. Genau.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2009, 04:00 Uhr

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14 Kommentare

Roland Mathys

09.09.2009, 06:22 Uhr
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Tja, ihr Kaufdorfer Schildbürger, jetzt wird es in eurem Kaff wieder ländlich ruhig und bieder...das letzte Stück Nennenswertigkeit verschwindet, und ihr könnt wieder dörflich unter euch sein, in eurer intakten Natur. Wenigstens erhalten die Fahrenden wieder einen Platz in der Region, wo sie nicht sofort verjagt werden (aber auch das werdet ihr sicherlich schnell zu vermiesen wissen...) Antworten


Jessica Meier

09.09.2009, 09:22 Uhr
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Endlich hört dieser Herr Messerli auf unser Grundwasser zu vergiften! Wurde aber auch Zeit. Antworten



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