«Facebook und Youtube können helfen, ein Trauma zu verarbeiten»
Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 27.07.2010
Heidi Aeschlimann ist Psychotherapeutin SBAP (Schweizerischer Berufsverband für Angewandte Psychologie) und Fachpsychologin in Notfallpsychologie.
Trauerarbeit im Internet
Kein anderer Begriff wird momentan so häufig im deutschen Twitter gepostet, wie «Loveparade». Auf Facebook gab es bereits kurz nach der fatalen Massenpanik Trauerseiten, auf Youtube wurden Kondolenzfilme schon tausendfach angeklickt.
Auf Facebook tauschen sich nicht nur Festivalbesucher über das Unglück aus.
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Heidi Aeschlimann, sind Facebook, Twitter und Youtube eine neue Art der Gruppentherapie?
Sie sind sicher kein professioneller Therapieersatz, aber es sind alles Strategien, die helfen, Traumatisierungen zu verarbeiten. Wir Notfallpsychologen empfehlen es stark, sich nach einem schlimmen Erlebnis auszutauschen. Das kann bei der Bewältigung sehr helfen. Für die einen kann der Austausch via Facebook oder Youtube positiv sein. Es ist jedoch auch möglich, dass man überhaupt erst traumatisiert wird, wenn man unverhofft schlimme Bilder zu sehen bekommt.
Die Bilder von Duisburg könnten also nachträglich einen Schock auslösen?
Bei Personen, die auf den Filmen jemanden erkennen, der in der Zwischenzeit vielleicht gestorben ist, können derartige Filme unter Umständen negative Auswirkungen haben. Letztendlich reagiert jedoch jeder Mensch anders, und es gibt kaum allgemeingültige Rezepte. Wir wissen jedoch, dass Traumatisierungen stark davon abhängig sind, ob jemand schon mal traumatisiert worden ist, etwa durch einen sexuellen Übergriff. Bei diesen Personen ist die Gefahr gross, dass sie erneut traumatisiert werden, möglicherweise durch solche Bilder. Allgemein ist es jedoch sehr hilfreich, über potenziell traumatisierende Erlebnisse sprechen zu können.
Ist ein Austausch über Facebook also positiv zu werten?
Ja. Allerdings ist die persönliche Beziehung für die Wirksamkeit der Verarbeitung sehr wichtig. Auf Facebook gibt es ja auch Kontakte zwischen Menschen, die sich nicht kennen. Diese Beziehungen sind rein virtuell, der Aspekt einer persönlichen Beziehung ist nicht vorhanden.
Funktioniert die Verarbeitung via virtuellem Austausch also nicht?
Doch. Der virtuelle Kontakt ist jedoch weniger wirksam, als wenn man sich etwa mit Freunden, seinem Partner oder seiner Familie austauscht. Aber es ist besser als nichts.
Gibt es in dieser Beziehung einen Unterschied zwischen Jugendlichen und Erwachsenen?
Nicht bezüglich Wirksamkeit. Es ist bloss so, dass die Jugendlichen die virtuellen Netzwerke mehr nutzen und ein grösseres Bedürfnis haben, sich auf diese Art auszutauschen.
Hat es Sie überrascht, dass im Fall Duisburg so viele Filme aufs Internet geladen wurden und sich nun alle intensiv darüber austauschen?
Nein. Jeder kennt derartige Massenaufläufe wie Street Parade, Open Airs oder das Sechseläuten. In dem Sinn fühlt sich jeder als Spezialist. Jeder kann sich einfühlen, jeder war schon mal an einem solchen Anlass dabei, jeder kann mitreden.
Besteht die Gefahr, dass man sich in etwas hineinsteigern kann, wenn man sich in der grossen Masse über schlimme Erlebnisse austauscht?
Nein. Ausser, es kippt ins Voyeuristische oder ins Hysterische, etwa wenn die Darstellung wichtiger ist als der Austausch über Gefühle. Ansonsten sehe ich keine Gefahr. Ausserdem leben wir in einer Zeit, in der solche Dinge schnell wieder passé sind.
Wann reicht der Austausch übers Internet oder privat nicht mehr aus?
Nach einem traumatischen Erlebnis ist es in der Anfangszeit normal, dass man schlecht schlafen kann, Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, sich niedergeschlagen fühlt, plötzliche Wutausbrüche hat oder das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Wenn die Symptome jedoch vier, fünf Wochen später immer noch anhalten, empfiehlt es sich, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.07.2010, 14:21 Uhr
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