Die Lust an der Lüge

Falschmeldungen und Propaganda prägen die Menschheit seit Jahrhunderten. Der grosse Siegeszug der Fake-News aber steht der Gesellschaft wohl erst noch bevor.

Hat der Führer selbst geschrieben. «Stern»-Journalist Gerd Heidemann mit Hitler-Tagebüchern. Foto: Thomas Grimm (Keystone)

Hat der Führer selbst geschrieben. «Stern»-Journalist Gerd Heidemann mit Hitler-Tagebüchern. Foto: Thomas Grimm (Keystone)

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Nichts weniger als «den grössten journalistischen Coup der Nachkriegszeit» kündigte das deutsche Nachrichtenmagazin «Stern» der Welt an: die Tagebücher von Adolf Hitler, 38 Jahre nach seinem Tod aufgespürt! Die englische «Sunday Times» erstand das Copyright für 400'000 US-Dollar, auch das italienische Wochenmagazin «Panorama» und die französische Illustrierte «Paris Match» zahlten viel Geld, um die Sensation im Frühling 1983 in ihren Sprachräumen exklusiv abdrucken zu können.

Bloss musste Herausgeber Henri Nannen kurz darauf die «Katastrophe für den Stern» bekannt geben: Das Bundesarchiv in Koblenz und das Bundeskriminalamt in Wiesbaden entlarvten die 62 Tagebuch-Bände als Fälschungen des Malers Konrad Kujau. In der Satire «Schtonk!» machten sich deutsche Filmschaffende 1992 über den vermeintlichen Coup des «Sterns» lustig. Er ist eine der bekanntesten Enten des modernen Journalismus.

Fake-News sind keine Erscheinung unserer Donald-Trump-Zeit und waren es auch in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht. Sie existierten schon Jahrhunderte, bevor sich professioneller Journalismus durchsetzte. Ob alte Griechen, Römer oder Mittelalterpäpste: Falschnachrichten prägten das Leben.

Kirchliche Desinformation

Eine herausragende Stellung nahm dabei die katholische Kirche ein. Sie gab über Jahrhunderte vor, was Fakt und was Lüge war. Eine ihrer wichtigsten Tatsachen bis ins 16. Jahrhundert lautete: Die Erde bildet den Mittelpunkt des Universums.

Als Martin Luther ab 1517 seine 95 Thesen verbreitete, prangerte er darum auch die Fake-News der Kirchenväter an. Die ewigen Wahrheiten der Kirche akzeptierte der Gottesmann nicht länger. Wobei er allerdings später selber Falschmeldungen produzierte, in denen er etwa übel gegen Juden agitierte, von vergifteten Brunnen und geraubten Kindern fabulierte. Harmlos ist da, weil historisch nur umstritten, ob er seine Thesen tatsächlich an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg hämmerte.

Generell gilt: Wo Menschen sind, blühen Falschmeldungen. Darum versuchten die Autoritäten des Mittelalters, ihnen auf Gesetzesebene zu begegnen. König Franz I. von Frankreich verabschiedete 1535 ein Gesetz, welches das Drucken unerlaubter Kopien unter Todesstrafe stellte. Es sollte ihm die Informationshoheit zurückbringen. Er scheiterte.

«Nichts kann man glauben»

Indirekt beeinflusst wurde Franz I. von einem deutschen Erfinder aus Mainz, der ab 1450 die Welt verändert hatte: Johannes Gutenberg. Er erfand den Buchdruck mit beweglichen Metalllettern. Die Nebenfolge war, dass sich auch Falschmeldungen in relativ kurzer Zeit in viel höherer Stückzahl verbreiten liessen. Die Mediengeschichte mit ihren ­Revolutionen ist immer auch eine der Fake-News.

Als die Londoner Presse Ende des 18. Jahrhunderts um Kunden buhlte, setzte ein nächster Entwicklungsschritt ein: Die «paragraph men», benannt nach den oft nur einen Absatz («paragraph») langen Nachrichten, fluteten die Seiten – auch mit Unwahrem. Sie hatten in Kaffeehäusern oder auf der Strasse Gerüchte aufgenommen und spannen diese weiter. Die noch junge Presse befand sich in einem harten Konkurrenzkampf: 1788 existierten in London zehn Zeitungen, die täglich erschienen. Dazu kamen acht Publikationen an jedem dritten Tag und neun Wochenausgaben.

In Amerika beklagte sich Thomas Jefferson im drittletzten Jahr seiner Präsidentschaft, 1807, über ähnliche Zustände in seinem Land: «Nichts kann man glauben, was man in Zeitungen sieht. Die Wahrheit wird gar verdächtig, weil sie in dieses verschmutzte System gezwängt wird.» Jefferson folgerte: «Wer keine Zeitung anschaut, ist besser informiert, als derjenige, der sie liest. Denn wer nichts weiss, ist der Wahrheit näher, als derjenige, der sein Hirn mit Unwahrheiten und Fehlern gefüllt hat.»

Bloss wurden solche Unwahrheiten wie wild gelesen, weil gerade das Leichte und Sensationelle in einer Welt mit noch vielen unerforschten Gegenden freudigen Zuspruch erfuhr. Die «New York Sun» publizierte 1835 eine sechsteilige Serie über angebliches Leben auf dem Mond. Mehrteilig war sie, weil die «Sun» damit ihren Tagesverkauf ankurbeln konnte. Der US-Schriftsteller Edgar Allan Poe verzweifelte an der mangelnden Urteilsfähigkeit seiner Landsleute in dieser Causa: «Nicht einer von zehn hinterfragte die Serie.»

So leben unsere Nachbarn auf dem Mond: Qualitätsjournalismus von 1835 in der «New York Sun». Foto: Alamy

Dabei hat sich das Bewusstsein für Fakten just im 19. Jahrhundert durchgesetzt – dank den Naturwissenschaften. Das von der Aufklärung geprägte Denken verlangt: Daten oder Informationen müssen erst gesammelt und dann geprüft werden, ehe sie als Fakten anerkannt werden. Fakten leiten sich nicht zufällig vom Lateinischen «facere» ab, was «machen» bedeutet und anklingen lässt, dass sie hergestellt sind. Daten hingegen haben ihren Ursprung im lateinischen «dare», sind also gegeben und damit der Rohstoff, aus dem Fakten geschaffen werden können.

Institutionell etabliert hat sich dieser Ansatz als Erstes in der englischen Jurisprudenz des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie sprach von «matter of fact»: Die Dinge waren nicht gottgegeben, sondern mussten erst auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden – und zwar auf nachvollziehbare und transparente Art. In den Anfängen dieser Entwicklung bürgten einzelne Wissenschaftler und Juristen für den faktischen Wahrheitsgehalt. Sie wurden später von Körperschaften wie Universitäten abgelöst. Auch Medienhäuser übernahmen diese Funktion.

Die Presse des 20. Jahrhunderts profitierte dabei von einer Marktsituation mit hohen Eintrittsbarrieren. Wer Informationen im grossen Stil verbreiten wollte, benötigte ein teures und aufwendiges Druck- und Verteilsystem. Gleichzeitig galt die Branche als glaubwürdig. Denn kein Verleger war daran interessiert, diesen Aufwand mit Falschnachrichten zu zerstören. Er hätte seine Leser vergrault und sich um seinen ökonomischen Gewinn gebracht. Aus wirtschaftlich-strukturellen Gründen existierte pro Nation eine oft relativ kleine Zahl an Verlagshäusern. Wer als Herausgeber Fake-News druckte, wurde rasch belangt.

Implodiertes Vertrauen

Das Internet und das Aufkommen der sozialen Medien zerstörten diese überschaubare Welt ab der Jahrtausendwende. Plötzlich konnte jeder mit wenig Geld noch den hintersten Internetwinkel dieser Welt mit Informationen erreichen. Falschmeldungen blieben oft folgenlos, weil die schiere Menge alle Regulatoren überforderte – und es weiter tut. Gleichzeitig implodierte das Vertrauen in professionelle Faktenlieferanten wie Journalisten. Sie werden in unserer Zeit in bestimmten Ländern wieder als «Lügenpresse» diskreditiert – ein Kampfbegriff, mit dem einst auch die Nazis politische Gegner herabzusetzen versuchten.

Diese Entwicklung hat in der Geschichte der ­Fake-News einen neuen Aspekt hervorgebracht: Manche Falschmeldungen garantieren Klicks und damit Werbeeinnahmen, also Geld. Teenager aus Mazedonien bauten im vergangenen Jahr über 100 Nachrichtensites auf. Über diese Portale deckten sie die amerikanische Bevölkerung im Wahlkampf mit einem Sensationstext nach dem anderen ein.

Natürlich wussten die meisten Leser nichts von diesen Machenschaften, klickten aber eifrig auf Titel wie «Der Beweis: Obama wurde in Kenia geboren – Trump hatte recht» oder «Papst verbietet Katholiken, Clinton zu wählen». Die Nachricht «Clinton empfiehlt Trump als Präsident: Er ist ehrlich und lässt sich nicht kaufen» wurde auf Facebook 480'000-mal geteilt und kommentiert. Damit konnten selbst die aufwendigsten Recherchen der renommierten «New York Times» zum damaligen Kandidaten Donald Trump nicht mithalten. Für die Produzenten der Falschmeldungen aber ging die Rechnung auf: Sie holten via Anzeigengelder von Google und Facebook zuweilen mehrere Tausend Dollar pro Monat herein.

«Ihn kann man nicht kaufen»: Hillary Clintons falscher Aufruf für Donald Trump. Foto: Facebook

Doch selbst solche dreisten Betrügereien könnten bald als harmlos taxiert werden. Unser Umgang mit Fakten und Fake-News könnte erst so richtig durcheinandergewirbelt werden: Universitäten und Softwarefirmen basteln an Möglichkeiten, wie Filme und O-Töne rasch und einfach verändert werden können. Schon jetzt vermögen sie den Gesichtsausdruck einer gefilmten Person so zu verändern, wie sie ihn dargestellt haben möchten. Zugleich lässt sich dank Computerprogrammen aus vielen Aussagen einer Person eine neue Botschaft konstruieren.

Ist dieser O-Ton echt?

Man braucht kein Verschwörungstheoretiker zu sein, um das Missbrauchspotenzial zu erkennen: Präsident X droht Präsident Y mit einem nuklearen Erstschlag. Noch benötigt man für solche Manipulationen viel Wissen und teure Geräte. In einigen Jahren aber werden sie wohl massentauglich und damit billig erhältlich sein. Jeder kann dann seine gefälschten Bewegtbilder samt O-Ton in kurzer Zeit durch die Internetwelt jagen. Die eingangs erwähnten Schummel-Tagebücher von Adolf Hitler werden im Vergleich wie Kinderspielereien wirken.

Ausgerechnet für die angeschlagenen Medien stellt dieses Szenario eine Chance dar. Ihre Bedeutung, Wahres von Unwahrem zu unterscheiden und aufzudecken, nähme vielleicht wieder zu. Allerdings brauchten sie dabei die Hilfe der Bevölkerung, die sich ebenfalls gegen systematisches Lügen stellen müsste. Wer denkt, das klinge romantisch, sollte an Wikipedia denken und die vielen Freiwilligen, die unser Wissen mittlerweile generieren. Die Alternative wäre eine Welt, in der wir ­Fake-News nicht mehr als solche erkennen können. Dann hätten wir uns vorwärts in die Vergangenheit ­katapultiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2017, 07:01 Uhr

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