«Farbtöne sind oft präziser als Sprache»

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 02.07.2010 5 Kommentare

Eigenschaften lassen sich farblich darstellen: «Sauber» ist weiss, «emotional» ist rot. Das sagt Axel Venn in «Das Farbwörterbuch».

Bunt und temperamentvoll, mit einer aggressiven Note: So sieht «geizig» aus.

PD

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Axel Venn: Er ist Professor für Farbgestaltung an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim.

Wie bunt ist höflich?

Erstmals präsentiert ein Buch die systematische Aufarbeitung von 360 Adjektiven und Adverbien aus unserem aktiven deutschen Sprachschatz. Sie sind von 60 Probanden unabhängig voneinander koloriert worden. Das Alter der Koloristen lag zwischen 18 und 80 Jahren, alle stammen aus Westeuropa und kommen aus unterschiedlichen Berufen: Lehrer, Studenten, Ärzte, Beamte, Handwerker, Geologen und Übersetzer. Die Spannweite der farblich übersetzten Begriffe reicht von «komfortabel» bis «ungemütlich», von «paradiesisch» bis «nützlich». Aus den vielen Collagen wurde abschliessend für jeden Begriff der Querschnitt der Arbeiten gesucht und im Lexikon festgehalten. Das Ergebnis zeigt, inwiefern Farbe als Instrument des Ausdrucks und der Sprache gelten kann. Damit das ästhetische Nachschlagewerk auch als Planungsinstrument für Designer und Gestalter einsetzbar ist, sind die Collagen dem international gültigen RAL-Farb-system zugeordnet worden. So wird sichtbar, wie viel Farbanteile in jedem Begriff stecken. Der Autor Axel Venn hat bereits zahlreiche Titel zum Thema Farbe veröffentlicht und geniesst internationales Renommee als Farb-, Trend-, und Ästhetikberater. (uh)

Axel Venn/Janina Venn-Rosky: Das Farbwörterbuch. Callwey, München 2010. 863 S., ca . 220 Fr.

Ihr Buch erschliesst die Farbigkeit von Begriffen wie «bald», «utopisch», «kulturlos», «treu» oder «ehrlich». Was bringt uns die Erkenntnis, dass im Adjektiv «treu» mehr Rotanteile stecken als im eher sachlichen und kühlen «ehrlich»?
Es zeigt eindeutig, dass es eine latent vorhandene Metasprache gibt, eine Ausdrucksform, die Farbe heisst. Wir alle kennen Ausdrucksformen wie Mimik, Körperhaltung und Bewegung. Das Buch zeigt nun, dass wir Farbe als ziemlich exaktes Verständigungsmittel benutzen können und recht klar definierte kommunikative Vorstellungen davon haben. Farbtöne sind sogar häufig präziser als der rein sprachliche Begriff. Die Semantik ist eine völlig andere, aber sie ist sehr genau. Bei der Übersetzung in die Farbe ist nicht der Einzelton wesentlich, sondern die Qualität des Tons – der Reinheits- und Helligkeitswert, kalt oder warm. Der gesamte polyfone Qualitätsgehalt der Farbe.

Es verblüfft, dass oft die wenig schönen, uneleganten Begriffe wie «trist» oder «ungemütlich» optisch gehaltvoller wirken als klassische, wertorientierte Begriffe wie «edel» oder «glamourös». Wie kommt das?
Weil die eben nicht so schön sind. Alles, was unschön ist, betont der Mensch unweigerlich stärker. Etwas Hässliches ist vielseitiger und wirkt deshalb gehaltvoller als das Harmonische. Das Harmonische ist erwartbar und rasch langweilig. Das ist das Claudia-Schiffer-Syndrom. Das Hässliche ist dynamisch, erregend.

Wie objektivierbar ist denn das Ergebnis, wenn 60 Probanden 360 Farbcollagen anfertigen? Das wirkt recht subjektiv.
Jeder der 60 Teilnehmer hat sich mit 360 Begriffen farblich auseinandersetzen müssen, und zwar unabhängig voneinander. Die Leute kannten sich nicht, bis auf einige Ehepaare. Es gab kein Abgucken wie sonst in Workshops und keinen Anpassungsdruck. Die 360 Collagen, die Sie jetzt im Farblexikon sehen, wurden nicht von einzelnen Personen angefertigt, sondern sie sind der Querschnitt der Ergebnisse. Insofern ist Objektivität gegeben.

Haben Sie deshalb jede Stimmungs-Collage nach den international anerkannten RAL-Farben codiert und in Kuchendiagrammen dargestellt?
Ja, Farbe ist im Auge der Naturwissenschaftler etwas, das man lieber nicht «anfasst», da erhalte ich viel Kritik. Mit den RAL-Codes objektiviere ich die Ergebnisse und komme den Skeptikern entgegen.

Viele Collagen sind erwartbar – dass «hübsch» Rosatöne hat, ist nicht sehr verwunderlich. Gab es für Sie persönlich Überraschungen?
Es hat mich überrascht, wie präzise das Ganze ist, wie fein definiert. «Lieblich» und «reizend» sind zweierlei, das sieht man auf den unterschiedlichen Collagen deutlich. «Lieblich» hat klar mehr Grünanteil.

Woher stammen die Stimmungs-bilder in uns, die wir mit Farben verbinden? Dass Rot emotional ist, Grün beruhigend?
Vieles ist physiologisch begründbar, Weiss-Bläuliches ist gefroren, darum wirkt es auf uns kühl. Rot erinnert uns an rote, volle Lippen und wirkt warm. Die kulturellen, geschichtlichen Hintergründe spielen eine Rolle, die Landschaft, in der man aufwächst, die gesellschaftliche Konditionierung, die Geschmacksnormen.

Warum geben dann die meisten Menschen Blau als ihre Lieblingsfarbe an?
Weil dieser Ton ein natürlicher Reinheitston ist, durchsichtig wie die Luft, der Himmel, das Wasser, ein Ton, der für alle angenehm ist. Und, ganz wichtig: Mit Blau behält man einen kühlen Kopf. Das macht ihn erstrebenswert. Er ist intellektuell fassbar, Rot ist reine Emotion.

Wären die Ergebnisse anders herausgekommen, wenn Sie die Arbeit in einem südlichen Land durchgeführt hätten?
Es wäre vieles anders herausgekommen. In Mitteleuropa ist das Synonym für «natürlich» Grün – wie satte Wiesen und grüne Wälder. Die Griechen hingegen bevorzugen ihr leuchtendes Blau und strahlendes Weiss: das Meer und der weite Horizont. Vermutlich wäre auch «genussvoll» dort farblich anders vertont worden. Aber eiskalt würde immer eiskalt bleiben: Blau, Himmelblau, Capri- und Porzellan-Blau.

Das «Farbwörterbuch» soll auch Planungshilfe sein. Wie konkret lassen sich die Töne umsetzen?Wird mein Wohnzimmer glamourös, wenn ich es nach den Farbtönen im Buch streiche? Oder kulturlos? Aufgedunsen?
Man kann sich am Buch orientieren, wie Signale aufgenommen werden. Welches Echo empfange ich? Denn das Echo ist das Wichtigere als das Signal. Das Buch ist anwendbar für Räume, Verpackungen, Automobile oder auch Stoffdesign.

Und es verstärkt den Trend zur Farbe, den wir heute im öffentlichen Raum haben.
In den letzten 40 Jahren gab es eine Diskriminierung der Farbe, speziell in der Architektur. Das lockert sich, denn man hat erkannt, dass Farben Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. Aber so ganz im Griff haben wir die Farbe noch nicht. Dabei ist sie eine gute Investition in unser Befinden, in unsere Identität. Farben, gut angewendet, kosten nicht mehr als schlechte Farben. Das ist doch toll! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2010, 19:56 Uhr

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5 Kommentare

Marianne Gautschi

02.07.2010, 10:14 Uhr
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Sicher gelten diese Defintionen nicht für alle Menschen. Blau steht für mich für Wärme - blauer Himmel, blaues Meer, blaue Blumen. Weiss ist kalt und rein. Z.B. ein sauberes,weissgeplätteltes Badezimmer. Sehr hygienisch und zum Frösteln. Antworten


eugen bissegger

02.07.2010, 08:41 Uhr
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Forscher und Begründer der psychologischen Farbdiagnostik ist: Prof. Dr. Max Lüscher. Antworten



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