Leben

Fasten oder kuren – Hauptsache Diät

Von Paul Imhof. Aktualisiert am 13.02.2009

Kurven statt Gebete: Wer heute fastet, denkt mehr an den Körper und weniger an die Seele. Dafür lebt der Geist in der Küche auf – fasten beflügelt die Fantasie.

Lachs im Lauchmantel

Zutaten:

500 g Lachsfilet

200 g schöne, ganze Lauchblätter, längs halbiert

200 g Lauchabschnitte, grob zerkleinert

50 g Butter

50 g fetter Speck, in 1 cm breite und 5 cm lange Streifen geschnitten

Salz und Pfeffer



Den Ofen auf 160C vorheizen. Lauchblätter und Lauchabschnitte waschen.

In einer Kasserolle die Lauchabschnitte in 30 g Butter anschwitzen, 7,5 dl Wasser hinzugiessen, mit einem Deckel drei Viertel verschliessen und bei mittlerer Hitze 20 Minuten köcheln lassen. Abseihen und das Lauchwasser beiseite stellen.

Die Lauchblätter in viel Salzwasser 7–8 Min. blanchieren, abtropfen lassen und der Länge nach auf einem Küchentuch ausbreiten. Trockentupfen. Den Lachs in vier gleich grosse Portionen zerteilen. Salzen, pfeffern und jedes Stück vollständig mit Lauchblättern umwickeln. Die Lachspakete in eine ofenfeste Form legen.

Die Hälfte des Lauchwassers über den Lachs giessen, die Form mit einem Deckel verschliessen und den Fisch 8 Minuten im Ofen garen.

In einer Pfanne den Speck auslassen.

In einer Kasserolle 1 dl des Lauchwassers aufkochen, von der Herdplatte nehmen und die restliche Butter unterschlagen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Die Lachspakete auf einer Platte anrichten, den ausgelassenen Speck darauf verteilen und mit der Sauce umgiessen.

Rezept aus: Marc Mencau und Anni Caen, «Schlemmereien aus der Klosterküche», Christian-Verlag (vergriffen). Bei www.amazon.de ab ca. 24 Euro.

Die alten Kirchenoberen hätten sich vermutlich nicht in ihren visionärsten Träumen vorstellen können, wie flächendeckend sich dereinst der Zwang zum Fasten ausbreiten würde – auch wenn die Beweggründe inzwischen eher egoistisch denn christlich sind und der Zwang ein Drang ist, sich höchst irdischen Normen unterzuordnen. Bauch und Schenkel sollen wieder Masse annehmen, die sich im Sommer präsentieren lassen – sonst müsste man nicht in der härtesten Jahreszeit Speis und Trank reduzieren, sondern könnte in der wärmsten den Verzicht zelebrieren, wenn der Appetit ohnehin gering ist.

Sind also die letzten Champagnerflaschen zu Beginn des neuen Jahres in die Container entsorgt worden, giessen die ersten Fastenwilligen bereits ihren Grüntee auf. Der Weinkeller wird verriegelt, die Butter ins Tiefkühlfach verfrachtet, Zucker und Mehl in die hinterste Schrankecke gestopft. Bis Ostern, mindestens – sonst bringts ja nichts.

100 Tage Fasten!

Das wären dann, vom 2. Januar bis Karsamstag, 11. April, genau 100 Tage. 100 Tage Fasten! 60 mehr, als die katholische Kirche für ihre Fastenzeit vorschreibt. Und 60 weniger, als die Mönche im Mittelalter zu erdulden hatten, als die Fastenzeiten insgesamt noch fast ein halbes Jahr umfassten. Die offizielle Fastenzeit von 40 Tagen, die im 7. Jahrhundert in Rom festgelegt worden ist, beginnt am Aschermittwoch und endet in der Osternacht. Zählt man nach, kommt man vom 25. Februar (Aschermittwoch) bis Karsamstag auf 46 Tage – dies deshalb, weil die Sonntage fastenfrei sind. 40 Tage dauert die Fastenzeit, weil Jesus 40 Tage in der Wüste gefastet und weil der Wanderzug der Israeliten durch die Wüste 40 Jahre gedauert hat.

Fasten scheint ein Grundbedürfnis zu sein. Warum nimmt man Entbehrungen in Kauf, die ans Lebendige gehen? Man fastet, um durch den Verzicht auf Nahrung Gott zu gefallen – in welcher Religion auch immer; man fastet, um den Mangel an Nahrung hinter einem Sinn zu verstecken; man fastet, weil man dazu gezwungen wird, denn ein Glaube ist vor allem dann wirksam, wenn seine Hüter über Druckmittel verfügen; man fastet, um Seele und Körper zu entschlacken; um sich zu reinigen als Vorbereitung für Rituale, etwa sakrale Handlungen.

Ramadan: Der Tag wird zur Nacht

Schaut man sich in Buchhandlung um, stösst man auf ganze Stapel von Büchern, die der organisierten Verschlankung von Körpern dienen, die aus dem Rahmen des Erträglichen gequollen sind. Da gehts nur um Kilos und Kurven, kaum um geistige Kost – wer beim Fasten neben dem Verlust an Gewicht noch Gewinn an Sinn wünscht, muss in den Abteilungen für Religion oder Mystik suchen.

Kein normaler Mensch fastet aus reiner Freude am Verzicht – höchstens Masochisten und Asketen, die in ihrer permanenten Selbstreinigung ohnehin hauchdünn über dem Boden schweben. Buddha hat in seiner Zeit der Askese jeweils etwas «Bohnenbrühe oder Wickenbrühe» zu sich genommen und über seine Magerkeit berichtet: «Und wenn ich die Haut meines Bauches berühren wollte, so erfasste ich mein Rückgrat; und wenn ich mein Rückgrat berühren wollte, erfasste ich die Haut meines Bauches.»

Buddhas Worte klingen wie der Reklamespruch eines Hungerkünstlers oder die Klage einer Magersüchtigen. Die Religionen freilich wollen Risiken verhindern, das Leben ihrer Anhänger soll nicht durch Verhungern oder Verdursten aufs Spiel gesetzt werden. Fastenzeiten sind selten durchgehende Durststrecken bei voller Enthaltsamkeit – und wenn, dann kurz: Jom Kippur bei den Juden dauert einen Tag. Durch die Regelung der Speisen und der Dauer bieten die Religionen Varianten an: Beim islamischen Ramadan zum Beispiel wird der Tag zur Nacht, indem man am Tag fastet und nach Sonnenuntergang isst – von Abnehmen keine Spur, denn diese Nächte sind voller Festlichkeiten.

Seit dem Mittelalter verbinden wir mit dem Fasten das Essen von Fisch. Noch in den 60er-, 70er-Jahren haben viele katholische Familien am Freitag auf Fleisch verzichtet und Fisch gegessen. An solche Gebote denkt heute niemand mehr, wenn er Lachsröllchen in den Mund schiebt. Der Grund, warum die Weltmeere heute überfischt sind, liegt nicht in Fastengeboten, sondern eher an Diätrezepten und Lobgesängen über die supergesunden Omega-3-Fettsäuren, die vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, und die man in Lachs, Sardinen, Makrele und andern Kaltwasserfischen findet.

Im Jahr 1386 sollen die Mönche des Klosters Cluny in 40 Tagen über 600 stattliche Fische gesotten und gebraten haben. Da überrascht es nicht, dass manchen Fastenopfern der Fisch fast aus den Ohren tropfte und sie sich während der langatmigen Gebetslitaneien das Hirn zermarterten, wie sie ihren Gaumen mit Fleisch beglücken konnten, ohne das ewige Leben zu gefährden.

Biber als Alternative?

Wenn man also keine Warmblüter verzehren durfte (wie Schweine, Kälber, Lämmer etc.), dann wohl Kaltblüter? Biber zum Beispiel müssten kaltes Blut haben, da sie sich im Wasser aufhalten, das im März kaum 20 Grad warm sein dürfte. Ausserdem können Biber schwimmen fast wie Fische. Schnecken und Frösche wurden von der mittelalterlichen Kirche als Fastenspeisen freigegeben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte man sich in Zeitungsinseraten informieren: «Fröschenschenkelkuren, das Hundert zu 13 Batzen in die Häuser geliefert». In seinem Buch «Back es im Öfelin oder in der Tortenpfann» schreibt Albert Spycher*, der Dichter Johann Peter Hebel habe mit Schneckenkuren «die Folgen übermässigen Kaffeetrinkens» bekämpft. Damals haben die Kochbücher noch viele Fastenrezepte enthalten: Laut Amalie Schneider-Schlöth («Basler Kochschule», 1904) braucht es für die Zubereitung von 8 dl Schneckenbrühe ein gutes Dutzend rote Gartenschnecken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2009, 22:08 Uhr


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