Frauen sterben anders

Geschlechterrollen bis zum Tod: Der Altersforscher François Höpflinger erklärt, warum sich sogar im Sterben Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigen.

Bedürfnis nach dem sanften Tod: Fast doppelt so viele Frauen wie Männer haben sich bei Dignitas letztes Jahr das Leben genommen – im Bild ein Sterbezimmer in Zürich-Wiedikon. (Archivbild)

Bedürfnis nach dem sanften Tod: Fast doppelt so viele Frauen wie Männer haben sich bei Dignitas letztes Jahr das Leben genommen – im Bild ein Sterbezimmer in Zürich-Wiedikon. (Archivbild) Bild: Keystone

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Fast drei Viertel der Suizide in der Schweiz werden von Männern verübt. Die Sterbehilfe-Organisationen Exit und Dignitas berichten nun beide, dass bei den assistierten Suiziden die Frauen in der Überzahl sind. Woran liegt das?
Das liegt zum einen sicher am durchschnittlich hohen Alter der Menschen, die sich Sterbehilfe wünschen. Oft ist es ja so, dass ein Ehepartner dem anderen dabei hilft. Männer sterben in der Regel früher und können von ihren Ehefrauen begleitet werden, während die Frauen dann allein zurückbleiben. Sie wenden sich mit ihrem Wunsch darum an Aussenstehende. Zum anderen entsprechen die Methoden der Sterbehilfe wohl eher dem Bedürfnis der Frauen nach einem gewaltfreien Sterben.

Frauen wählen also auch eher die Sterbehilfe als den Selbstmord, weil es die aus ihrer Sicht weniger gewalttätige Methode darstellt?
Das ist denkbar. Dieses Bedürfnis nach dem sanften Sterben zeigt sich ja auch bei den Selbstmordmethoden: Männer wählen viel eher verlässliche, aber brutalere Wege wie das Erschiessen. Frauen setzen häufiger auf weniger direkte Methoden wie eine Medikamentenüberdosis, wobei auch die Chance auf Rettung dabei grösser ist. Bei der Anzahl an Selbstmordversuchen gibt es nämlich kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern, sondern erst bei der Anzahl an erfolgreich verübten Selbstmorden.

Menschen, die in der Sterbebegleitung tätig sind, berichten, dass Frauen sozialer sterben als Männer: Es ist ihnen wichtiger, nicht allein zu sein, Gesellschaft zu haben. Sterben Frauen also anders?
In gewissen Punkten ist das sicher so. Frauen haben die Tendenz, bis zum letzten Augenblick rücksichtsvoll zu bleiben. Sie wollen mit ihrem Sterben niemandem zur Last fallen. Das ist ein weiterer Grund, warum Frauen eher Sterbehilfe von aussen beantragen: Sie wollen ihre Kinder oder Freunde nicht damit belasten.

Männer gehen dagegen oft einen einsameren Weg, wie berichtet wird. Sie wollten das Sterben weniger aus der Hand geben und bis zum Schluss die Kontrolle darüber behalten.
Auch das kann ich mir gut vorstellen. Hier kommt wahrscheinlich dasselbe Bedürfnis zum Tragen wie bei den Selbstmordversuchen, bei denen Männer auf Nummer sicher gehen wollen. Männer sind wahrscheinlich rücksichtsloser gegenüber sich selbst, aber auch gegenüber anderen. Sie machen sich weniger Gedanken darüber, was und wen sie zurücklassen, als Frauen. Das macht es ihnen oft einfacher zu gehen.

Kann man daraus schliessen, dass sich die Geschlechterrollen sogar im Sterben noch zeigen?
Wahrscheinlich schon. Die Art und Weise des Vorgehens, wie die Menschen den eigenen Tod organisieren – da spielen solche Dinge sicher eine Rolle. Dass Frauen zum Beispiel die Verantwortung gegenüber ihrer Familie bis zum Schluss spüren, Männer dafür entschiedener und selbstbestimmter vorgehen, ist wohl kein Zufall.

Diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern könnten auch mit der Lebensweise der Generation zusammenhängen, die jetzt alt wird. Kann man erwarten, dass kommende Generationen anders mit dem Thema umgehen?
Ich denke, die Unterschiede werden sich immer mehr angleichen, entsprechend dem allgemeinen Wandel in der Gesellschaft. Das zeigt sich jetzt schon, zum Beispiel in der Lebenserwartung. Was sicher sowohl bei Frauen als auch bei Männern zunehmen wird, ist der Wunsch nach Kontrolle. Die nächste Generation wird wahrscheinlich noch selbstbestimmter sterben wollen.

Sterbehilfe-Organisationen wie Exit oder Dignitas werden also weiterhin einen hohen Zulauf an Mitgliedern verzeichnen?
Damit ist zu rechnen. Das muss nicht unbedingt heissen, dass die aktive Sterbehilfe zunimmt. Es kann auch sein, dass mehr auf passive Sterbehilfe gesetzt wird, also Palliativmedizin. Die Mitgliederzahlen von Exit und Dignitas werden aber sicher weiter steigen. Die Menschen haben offenbar immer stärker das Bedürfnis, sich diese Option offenzuhalten, egal, ob sie am Schluss tatsächlich davon Gebrauch machen oder nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.02.2012, 08:02 Uhr)

«Frauen wollen mit ihrem Sterben niemandem zur Last fallen»: François Höpflinger, Professor für Soziologie an der Universität Zürich und Forschungsdirektor am Universitären Institut «Alter und Generationen».
(Bild: Keystone )

Tausende Neumitglieder für Exit

Die Sterbehilfe-Organisation Exit hat im vergangenen Jahr laut Jahresbericht über 6000 neue Mitglieder gewonnen. Das seien so viele Neueintritte wie nie zuvor. 300 schwer kranke Menschen haben sich 2011 von Exit in den Tod begleiten lassen, also 43 mehr als noch 2010. Die Organisation führt den starken Zuwachs unter anderem auf die neue Patientenverfügung zurück.

Auffallend ist der hohe Anteil an Frauen, die im letzten Jahr in der Schweiz von der Sterbehilfe Gebrauch machten: Bei Exit waren es 2011 mehr als die Hälfte, bei der Sterbehilfe-Organisation Dignitas waren es sogar doppelt so viele Frauen wie Männer.

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