Leben

Gleichstellungsforschung in der Kinderkrippe

Von Daniel Foppa. Aktualisiert am 26.01.2011 13 Kommentare

Der Bund gibt acht Millionen Franken aus für Studien zur Gleichstellung. Unter die Lupe genommen werden unter anderem Bauernhöfe, die SRG und Kinderkrippen.

Werden diese Kinder durch die Vermittlung stereotyper Verhaltensweisen in ihrer Entfaltung eingeschränkt? Eine Studie, die den Steuerzahler 295'496 Franken kostet, geht dieser Frage genau nach.

Werden diese Kinder durch die Vermittlung stereotyper Verhaltensweisen in ihrer Entfaltung eingeschränkt? Eine Studie, die den Steuerzahler 295'496 Franken kostet, geht dieser Frage genau nach.
Bild: Keystone

Auch wenn derzeit Frauen die Mehrheit in der Landesregierung stellen, herrscht in der Schweiz noch keine Gleichstellung. Dies ist die Einschätzung des Bundesrats, weshalb er den Nationalfonds mit der Durchführung des Nationalen Forschungsprogramms «Gleichstellung der Geschlechter» (NFP 60) beauftragt hat. Bis 2013 wird in 21 Projekten der Frage nachgegangen, wie es um die Gleichstellung in diesem Land steht.

Im Gegensatz zu übrigen sozialwissenschaftlichen Studien ist das NFP 60 stark ergebnisorientiert. Denn ein Nationales Forschungsprogramm leistet per Definition «wissenschaftlich fundierte Beiträge zur Lösung dringender Probleme von nationaler Bedeutung». Konkret heisst das: Die Forscher und ihre Projekte haben den Auftrag, die Gleichstellung zu fördern.

Gender auf dem Bauernhof

Die Studien kosten zwischen 180'000 und 400'000 Franken und decken ein weites Feld ab: von häuslicher Gewalt über Lohndiskriminierung bis zu Gender-Fragen auf dem Bauernhof. So erforscht das Projekt «Geschlecht, Generationen und Gleichstellung in der Landwirtschaft», wie sich die Agrarpolitik «auf die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit» auswirkt. Und die Resultate des Projekts «Chancengleichheit in den Unternehmen und Programmen der SRG» sollen es der SRG ermöglichen, «Gleichstellungsmassnahmen zu bestimmen, um die Situation von Frauen im Unternehmen zu verbessern». Zudem werde den Redaktionen gezeigt, «wie gut die Gestaltung der Programme bisher Gleichstellungsaspekte berücksichtigt».

Zurückhaltend reagieren die Betroffenen. Ruth Streit vom Bäuerinnenverband hofft, die Studie werde «nicht zu theoretisch». Und SRG-Sprecher Daniel Steiner betont, bei der SRG gebe es keine Lohndiskriminierung. 44 Prozent der Angestellten und 25 Prozent des Kaders seien Frauen. Man sehe nicht unbedingt einen Anlass für die Studie.

Weitere Projekte befassen sich mit der Gleichstellung bei den Gewerkschaften (mit 399'991 Franken das teuerste Projekt) und an den Schulen. Letzteres gleicht mehr einer Sensibilisierungskampagne denn einem Forschungsprojekt. Es will den Lehrern «signalisieren, wie wichtig der Unterricht in Gleichstellung für die Schule ist». Auch das Projekt «Mehr Chancengleichheit bei der Berufswahl» verfolgt erzieherische Ziele – und beabsichtigt, die individuellen Wunschvorstellungen von Jugendlichen zu beeinflussen. So wollen die Forscher darauf hinarbeiten, dass «bezüglich Berufswünschen, Berufsinteressen und Berufswahl mehr Chancengleichheit zwischen Mädchen und Knaben entsteht».

Das Übel an der Wurzel packen

Brigitte Liebig, Präsidentin der Leitungsgruppe des NFP 60, räumt ein, dass das Forschungsprogramm einen Zweck verfolgt: «Es ist klar, dass die Forscher überzeugt sind, dass Gleichstellung eine gute Sache ist.» Man fühle sich dem Gleichstellungsartikel in der Verfassung verpflichtet und wolle, dass dessen Forderungen besser umgesetzt werden.

Das ist auch die Intention des Projekts «Puppenstuben, Bauecken und Waldtage: Gender in Kinderkrippen» der St. Galler Gender-Forscherin Julia Nentwich. Sie packt das Problem sozusagen an der Wurzel und geht der Frage nach, wie Kinder in Krippen lernen, «ein Junge oder ein Mädchen zu sein». Wie eine Vorwegnahme der Studienresultate liest sich die Beschreibung des Projekts: «Für die weitere Förderung der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern ist es wesentlich, dass Kinder in diesem Alter nicht durch die Vermittlung stereotyper Verhaltensweisen in ihrer Entfaltung eingeschränkt werden.» Ausgehend von dieser klaren Prämisse will Nentwich unter anderem «Grundlagenwissen für eine geschlechterreflexive Pädagogik im Frühbereich» erarbeiten. Sie erhält dafür 295'496 Franken Steuergelder. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2011, 21:36 Uhr

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13 Kommentare

Karin Hostettler

26.01.2011, 11:54 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

Wenn in einem Artiel über Gleichstellungsforschung lediglich von Lehrern - da wir doch wissen, dass unsere Kinder vorallem von Lehrerinnen unterrichtet werden und Forschern - das Präsidium der Forschungsgruppe wird von Brigitte Liebig also einer Frau getragen - gesprochen wird, dann zeigt das einmal mehr, wie schwer wir uns tun mit der Gleichstellung. Antworten


Susanne Bachmann

26.01.2011, 14:48 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

Etwas Augenmass täte dem Autor und den Kommentierenden gut: Gleichstellung ist ein Verfassungsauftrag, keine Ideologie. Der Bund lässt einfach die bisherige Gleichstellungsarbeit überprüfen. Die Forschungsbeiträge laufen über mehrere Jahre und gehen pro Projekt an mehrere Forschende - die für ihre Arbeit einen nicht gerade üppigen Stundenlohn erhalten. Besser informieren, bevor man sich aufregt! Antworten



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