«Gott hat etwas vor mit mir. Er will mich, er ruft mich»
Von Simone Rau. Aktualisiert am 29.04.2010 2 Kommentare
«Der Wille ist da. Aber ob das gehen wird? Mal abwarten», sagt Timo Vocke über sein Leben im Zölibat. (Nicola Pitaro)
Wer will in der heutigen Zeit noch Priester werden? Immer neue Missbrauchsfälle belasten die katholische Kirche, die Gläubigen laufen davon, und nur wenige sind bereit, sich auf dieses Leben mit all seinen Entbehrungen einzulassen: kein Sex, keine Partnerschaft, keine Kinder – das sind Bedingungen, die nicht einfach zu ertragen sind. Doch den 35-jährigen Timo Vocke schrecken sie nicht ab. Am 6. Juni wird er in Rheinfelden zum Priester geweiht.
Es hätte auch anders kommen können mit Timo Vocke. Fast wäre der einstige Banklehrling aus Kronau bei Karlsruhe Banker geworden. Nach der Lehre bei der Sparkasse, zu der ihn die Eltern überredeten, hätte er beinahe Karriere gemacht. Die Bankenwelt gefiel ihm, er besuchte interne Weiterbildungen, sämtliche Türen standen ihm offen.
Doch Gottes Ruf war stärker. Vocke erklärt das so: «Es ist das Gefühl: Dieser Gott hat etwas mit mir vor. Er will mich, er ruft mich.» Vocke wirkt jugendlich mit seinen sportlichen Kleidern und den zwei Ringen im Ohr. Wir sitzen in seinem Büro im Pfarrhaus der Aargauer Gemeinde Oberwil-Lieli, wo der 35-Jährige als Pastoralassistent arbeitet. Zwei Jahre dauert diese Berufseinführung nach dem Theologiestudium. Man merkt schnell: Die Fragen, die sein neues Leben aufwirft, die Fragen nach dem Umgang mit der Sexualität und dem Zölibat – darüber hat er oft und ausführlich nachgedacht.
Herr Vocke, wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie Ihren Entscheid kundtaten, Priester zu werden?
Die wenigsten waren erstaunt. Ich hatte bereits einen grossen Teil meiner Kindheit und Jugend im kirchlichen Umfeld verbracht – als Ministrant und Oberministrant. Viele meinten aber auch: Du wärst doch ein guter Papa geworden.
Was haben Sie darauf geantwortet?
Ja, sicherlich, das hätte auch sein können. Kinder waren auf jeden Fall ein Thema für mich. Ich hatte Anfang 20 drei Jahre lang eine Freundin. Auch nachdem die Beziehung zerbrach, überlegte ich mir noch, ob ich Familie will. Irgendwann merkte ich dann aber, dass das doch nicht mein Weg ist.
Und ab dann haben Sie es vermieden, sich auf eine neue Partnerschaft einzulassen?
Nein, es hätte auch noch mit Mitte, Ende 20 sein können, dass ich heiraten und eine Familie gründen würde. Und wer weiss, ob das nicht noch passiert in zehn Jahren. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich ein Leben lang halten kann, was ich versprochen habe, das kann keiner. Der Wille ist da. Aber ob das gehen wird? Mal abwarten.
Was gab den Ausschlag, dass Sie Ihre Beziehung zu Gott über Ihr Bedürfnis nach Partnerschaft gestellt haben?
Es war eine Entscheidung aus dem Gefühl heraus: Ich will diesen Schritt machen, ich will diesen Weg gehen. Nicht weil das andere nichts für mich wäre, sondern weil ich das Gefühl habe, das jetzt tun zu müssen.
Vocke hat das Versprechen der Ehelosigkeit bereits im letzten September abgegeben – im Rahmen der Diakonatsweihe, einer Art Vorstufe der Priesterweihe. Er weiss: Viele Geistliche leiden unter der Einsamkeit. Das soll ihm nicht passieren. Vocke ist viel unterwegs, und er will seine Beziehungen auch weiterhin pflegen: «Ich habe Freunde, die ich regelmässig sehen will. Ich habe meine Familie. Da will und muss ich Zeit investieren. Ich kann nicht hier in der Gemeinde sitzen und darauf warten, dass alle zu mir kommen.» Das Priesterbild müsse sich wandeln. Früher sei es üblich gewesen, dass der Pfarrer sieben Tage und 24 Stunden erreichbar war. Das könne und wolle er nicht.
Familie und Freunde, sagt Timo Vocke, seien ein Stück weit Ersatz für Ehe und Kinder. Er akzeptiert das Zölibat. Etwas anderes bleibt ihm auch gar nicht übrig. Zumindest bis auf weiteres. Vocke wünscht sich, dass katholische Priester irgendwann heiraten können, so wie es in den orthodoxen Ostkirchen schon jetzt praktiziert wird.
Glauben Sie, dass ein Leben ohne Sexualität möglich ist?
(Er überlegt lange) Schwierige Frage. Es kommt darauf an, wie man Sexualität definiert. Ist Sexualität nur auf den Beischlaf reduziert oder gehören auch Momente der Geborgenheit dazu, in denen mich jemand in den Arm nimmt? Die Frage ist, wie man mit der sexuellen Energie umgeht. Es ist ein Unterschied, ob sie mich in allem treibt und bestimmt, oder ob es eine Energie ist, die ich in mein Leben integriere.
Wie gehen Sie damit um?
Das ist eine sehr intime Frage (er lacht). Eines ist klar: Die sexuelle Energie ist immer da. Sie gehört zum Menschen wie das Atmen.
Es gibt die Theorie der Sublimation. Sie besagt, dass Priester ihre sexuelle Energie in Tätigkeiten umwandeln können. In Arbeit. Oder Sport. Oder Kunst. Auch Vocke versucht, derart mit seiner sexuellen Energie umzugehen. Das gelinge mal besser, mal schlechter, sagt er. Sowieso berge die Sublimation die Gefahr, dass Priester all ihre Energie in Arbeit stecken und zu Workaholics werden. Und schliesslich an den Rand eines Zusammenbruchs kommen, nur weil sie sich nicht mit ihren sexuellen Wünschen auseinandersetzen. Verdrängung heisst das Wort; Vocke hält nicht viel davon: «Man darf sich nicht versteifen. Ich mache Sport, lese ein Buch, gehe in die Sauna. Es gibt Freunde, die immer für mich da sind, und das Wissen, dass Gott mit mir auf dem Lebensweg ist. Es wäre unehrlich, zu sagen, dass diese Ablenkung immer funktioniert. Es gibt auch Momente des Scheiterns. Das wird sich auch mit der Priesterweihe nicht ändern.»
Sie waren drei Jahre mit einer Frau zusammen. Macht das die Sache schwieriger?
Ich lebte mit meiner Freundin eine intensive Beziehung. Ich weiss nicht, ob es das leichter oder schwerer macht. Ein Patentrezept gibt es nicht, denn die sexuelle Energie ist auf jeden Fall da. Zum Beispiel wenn ich eine attraktive Frau sehe. Da schaue ich hin – wie meine verheirateten Freunde auch. Entscheidend ist, wie ich damit umgehe. Und dass ich mich frage, wie intensiv dieses Gefühl ist. Die andere Frage ist übrigens: Was mache ich, wenn ich jemandem gefalle? Das kommt ja auch vor. (Er lacht)
Was machen Sie?
Dann sage ich, dass es mir leidtut. Dass es nicht geht. Das ist für mich schwerer, als wenn ich jemanden attraktiv finde. Ich muss die Frau verletzen, bin selber Teil des Problems.
Doch was ist, wenn dem Priesterkandidaten eines Tages tatsächlich die Frau seines Lebens über den Weg läuft? Das könne sein ganzes Lebenskonzept durcheinanderbringen, sagt Vocke: «Ich müsste mich dann fragen: Was ist mit dem Leben, für das ich mich entschieden habe? Kämpfe ich darum – oder nicht?» Das sei vergleichbar mit jemandem, der um seine Ehe kämpft, wenn er sich anderweitig verliebe. Er hofft, dass ihm seine Freunde und Vorgesetzten beistehen, sollte er je in diese Situation kommen.
Timo Vocke lebt bereits seit zehn Jahren zölibatär. Das habe sich nach der Trennung von seiner Freundin so ergeben. Dabei sei es weniger der Verzicht auf Sex, der ihm mitunter zu schaffen mache, als der Verzicht auf eine eigene Familie. Immer wieder erwähnt er seine drei Patenkinder, wie schön es sei, sie aufwachsen zu sehen. Auf ihn selbst warte niemand, wenn er nach Hause komme. Auch wenn er viele Freunde mit Kindern habe: Es sei eben doch ein Unterschied, ob man das Familienleben einmal im Monat oder jeden Tag erlebe.
Sie setzen sich mit Ihren Ängsten, Zweifeln und sexuellen Wünschen auseinander. Was passiert mit Priestern, die nur verdrängen?
Es gibt sicher Priester, die glauben, mit der Weihe seien alle Probleme gelöst. Doch irgendwann holen die verdrängten Wünsche sie ein. Sie flüchten ins Trinken, ins Essen, in den Sport. Man muss sich mit der sexuellen Energie auseinandersetzen und darüber reden.
Und was macht ein Priester, der pädophile Neigungen hat? Darüber zu reden, ist ja noch weit schwieriger als über «normale» sexuelle Energie. Es ist ein Tabu.
Es ist ein gesellschaftliches und nicht in erster Linie ein kirchliches Problem. Pädophile suchen sich Nischen, um ihre Neigungen ausleben zu können. Diese finden sie in allen Institutionen, wo es Kinder und Jugendliche gibt – in Sportvereinen, Schulen, Jugendklubs, selbst in der Kirche. Da muss die Gesellschaft hinschauen und sagen: Halt, das geht nicht! Da geht es um Menschenleben.
Vocke glaubt nicht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Missbrauchsfällen in der Kirche und dem Zölibat – dass sich also jemand aufgrund des Zölibats an Kindern vergreift. Das Missbrauchsproblem betreffe die ganze Gesellschaft, nicht nur die Kirche. 90 Prozent der Fälle ereigneten sich im familiären Umfeld.
Eine Entschuldigung für die Vorfälle in der Kirche gebe es dennoch nicht, betont Vocke. Doch es schmerzt ihn, dass seine Kirche so in Verruf geraten ist und die viele gute Arbeit von Frauen und Männern in den Pfarreien nicht mehr gesehen wird. Und es ist schlimm für ihn, dass er als angehender Priester unter Generalverdacht steht. Davon beirren lässt er sich nicht: Von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung für die Menschen da zu sein – das ist es, was ihn an seinem Beruf so reizt. Er will dem Gott, der ihn gerufen hat, ein menschliches Gesicht geben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.04.2010, 23:06 Uhr
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2 Kommentare
Ein sehr sympathisches ,ehrliches Interview.Es zeigt nochmals, wie sehr die Priester unter der Sturheit des Vatikans leiden, den Zölibat nicht freizustellen. Ich wünsche Herrn Vocke viel Glück, und den Mut jederzeit das zu tun was er für richtig hält, auch wenn es nur ein Priestertum auf Zeit werden sollte. Das Leben ist etwas zu kostbares, als dass es durch Fremdbestimmung zum Martyrium wird. Antworten







Stefan Spitznagel
Danke für den wohlwollenden, offenen Artikel. Das tut gut. Als ein Freund und Kollege von Timo Vocke sage ich: Wenn wir in unserer Kirche nach jahrhundertelangem Ausblenden bzw. moralisch-verklemmtem Umgang mit Sexualität dieses Thema nicht seriös und offen behandeln, müssen wir uns über die dramatischen und tragischen Folgen nicht wundern. Sexualität gesund zu integrieren ist lebenslange Aufgabe. Antworten