Leben

Gymizwang versetzt Eltern in Ausnahmezustand

Von Andrea Schafroth. Aktualisiert am 19.05.2009 13 Kommentare

Heute führen so viele Wege zur Matur wie noch nie. Trotzdem ist der Drang, sein Kind so früh als möglich ins Gymnasium zu bringen, grösser denn je.

Bild: Schaad

Letzten Freitag lag das Couvert im Briefkasten: bestanden, nicht bestanden. Oder weder noch. 3800 Sechstklässler, mehr denn je, sind vor zwei Wochen im Kanton Zürich zur schriftlichen Prüfung der Langzeitgymnasien gepilgert. Morgen Mittwoch treten die Wackelkandidaten nochmals an – zum mündlichen Test. Was damit zu Ende geht, hat vor Monaten oder Jahren begonnen: eine Tragikomödie in fünf Akten über den Gymi-Hype.

I. Akt: Ab Einschulung

Frühjahr 2003, Informationsveranstaltung an einer Primarschule am Zürichberg im Zürcher Kreis 7. Die Eltern interessieren sich weniger für die neuen Methoden, mit denen den künftigen Erstklässlern das ABC beigebracht wird, als für die Chancen ihrer Sprösslinge, es – in sechs Jahren! – von dieser Schule ans Langzeitgymnasium zu schaffen. Und sie möchten wissen, was sie unternehmen können, damit der Sprung dereinst klappt. Drei Jahre später werden die Sorgen dieser Eltern akut. Die Mittelstufe und eine neue Lehrperson stehen an, die das Kind fit für die Gymi-Aufnahmeprüfung – in drei Jahren! – machen muss. Wäre nicht ein Umteilungsgesuch oder gar eine Privatschule fällig?

Ein paar Strassen und eine Einkommensstufe tiefer, im Zürcher Kreis 6, bricht die Aufregung erst gegen Frühling 2008 los. Inzwischen sind aus einst süssen Kindergärtnern schlaksige Fünftklässler geworden. «Was, deine Tochter kommt im Sommer in die sechste Klasse? Ein hartes Jahr hast du vor dir!», tönt es plötzlich von allen Seiten. Ob unsere Tochter, die gute Schülerin, überhaupt aufs Gymnasium möchte, ist keine Frage, stattdessen: «Schickt ihr sie dann ins Lernstudio?» Bereits im Frühsommer 2008 hängen im Tram unübersehbar die Plakate, die für Vorbereitungskurse auf die Aufnahmeprüfung 2009 werben: «Jetzt buchen.»

Danach gehts auch von offizieller Seite Schlag auf Schlag: Elterngespräch (das in einem halben Jahr fällige Übertrittsgespräch wird simuliert), Elterninformation des Schulkreises, Elternabend. Alles innert drei Monaten, immer zum Thema Übertritt. Dazu die entsprechenden Informationsbroschüren, unter anderem eine zwei A4-Seiten lange Anforderungsliste an künftige Gymnasiasten mit vielversprechenden Kriterien, wie: sehr hohe Belastbarkeit, Ausdauer und Durchhaltewille, Sinn für Ordnung und Darstellung, selbstkritisches Hinterfragen und so weiter.

II. Akt: Qual der Wahl

All das vermag Eltern offensichtlich nicht einzuschüchtern, im Gegenteil: Die hohen Anforderungen werden zum Qualitätsbeweis, die ständige Präsenz des Themas suggeriert den Ernst des Unterfangens Gymi-Prüfung. Im Januar 2009 ist die Elternschlange jedenfalls schier endlos vor der Aula der altehrwürdigen Zürcher Kantonsschule Rämibühl – eine halbe Stunde vor Türöffnung.

Einen Monat lang ist die Agenda gespickt mit Terminen: Informationsabend plus Schnuppermorgen jeder in Frage kommenden Kantonsschule – freie Schulwahl sei Dank. Während der Abend im Rämibühl formell und trocken abläuft, gibts in der Kantonsschule Oerlikon eine Diaschau und musikalische Einlagen der Schülerband. Dazu Gymnasiasten, die ihre Erfahrungen mit der Aufnahmeprüfung preisgeben: «Ich habe mich mit einem Kurs im Lernstudio vorbereitet und weiss nicht, ob ich es sonst geschafft hätte.»

Der Prorektor korrigiert umgehend: «Wir empfehlen solche Kurse nicht zur Prüfungsvorbereitung.» Sie werden denn auch nicht eingelassen, die vielen Anbieter. Dafür stehen sie draussen vor der Tür, wie ungebetene Strassenhändler. Boten von Lernstudio, Flying Teachers und Co. drücken den Eltern ihre Unterlagen in die Hand – vom Hochglanzdossier bis zum Flugblatt des pensionierten Primarlehrers, der seine Dienste besonders günstig anbietet.

III. Akt: Kürslifieber

Kurse über Kurse. Einige Kinder sind bereits vergangenen Herbst eingestiegen, viele beginnen nach den Sportferien, zusätzlich, für einen letzten Schliff, sind die Intensivkurse in den Frühlingsferien beliebt. Kosten: je nach Kurslänge von mehreren Hundert bis mehreren Tausend Franken. Das ist noch harmlos. In nobleren Quartieren und Gemeinden gibt es die ganz Cleveren, die zum Beispiel vor Beginn des Kurses, Anfang der sechsten Klasse, noch einen Privatlehrer engagieren: So können auch die fürs Prüfungsergebnis mitentscheidenden Vornoten im nächsten Zeugnis optimiert werden.

Interessant ist – und ein Grund, warum auch gelassene Eltern in dieser Zeit nur mit Mühe kühlen Kopf bewahren –, dass nicht nur Kinder getrimmt werden, bei denen es knapp werden könnte, sondern auch Klassenbeste. Obwohl Gymnasien und Primarschulen beteuern, wer die Voraussetzungen mitbringe, schaffe es auch ohne Kurse. Fragt sich nur, welche Voraussetzungen gemeint sind. Vielleicht all die Eltern, die zwar aufs Lernstudio verzichten, aber dafür selbst mit ihren Kindern lernen? Oder anders gefragt: Warum, wenn die an den Schulen gebotene Vorbereitung genügt, variiert die Zahl derer, die ans Gymnasium gehen, je nach Schule massiv?

Nehmen wir unseren Schulkreis, Waidberg, als Beispiel. Weit oben im Quartier, nahe am Zürichberg, hat letztes Jahr die Tochter einer Kollegin das verflixte sechste Schuljahr erlebt und erzählt: «Von 26 sind 23 an die Gymi-Prüfung, 20 habens geschafft. Die meisten haben dafür ein Jahr lang gebüffelt und Kurse besucht.» Zuunterst im Quartier, wo der Anteil bildungsferner Eltern sehr hoch ist, wohnt eine Bekannte: «In der Schule meiner Tochter schaffens ein, zwei, vielleicht drei Schüler pro Jahrgang.»

IV. Akt: Ein Buch für alle

Die Schule unserer Tochter liegt nicht nur geografisch in der Mitte: Die Hälfte der Klasse hat die Aufnahmeprüfung absolviert. Von den elf sind sieben durchgekommen, ein Kind muss noch an die mündliche. Nur gut die Hälfte der Prüflinge hat Vorbereitungskurse besucht. Was nicht heisst, dass die anderen Eltern den Prüfungserfolg ihrer Kinder der Schule überlassen hätten. Irgendwann im Februar erzählt mir die ganz und gar unaufgeregte Nachbarin und Mutter einer glänzenden Schülerin: «Wir haben jetzt mal dieses Buch gekauft «Ich will ans Gymi» und fangen ein bisschen an mit Durcharbeiten.»

Das ominöse Buch liegt bei Orell Füssli an prominenter Stelle stapelweise auf. Ein einfaches Taschenbuch für stolze 40 Franken. Zusätzlich werden die Aufgabensammlungen vergangener Prüfungen empfohlen, zwei Hefte, je rund 35 Franken. Der Buchautor, ein ehemaliger Primarlehrer, war übrigens jahrelang Kursleiter in einem Lernstudio. Und weil mittlerweile so viele seine Tipps befolgen, müssen sich die Gymnasien immer mal wieder etwas einfallen lassen, damit die Erfolgsquote nicht explodiert. Neuerdings wird vermehrt auf Geometrie gesetzt. Versteht sich, dass das im nächsten Buch einfliessen wird.

V. Akt: Am Prüfungstag

Die Frage lautet: Wäre ohne Prüfungsmarathon alles besser? Meine Cousine und meine Schwester im Kanton Bern, wo die Kinder mittels Empfehlung prüfungsfrei aufs Gymnasium gehen können, schütteln den Kopf und erzählen von jahrelangen, höchst komplexen Selektionsphasen. Und von gewieften Eltern, die sie mit viel Aufwand und allerlei Tricks in den Griff bekommen. Auch hier werden entscheidende Zeugnisse mit Nachhilfe aufpoliert, und sollte es trotzdem nicht reichen zur Empfehlung, wird in der Entscheidungsphase kurz an eine Privatschule gewechselt, in der Empfehlungen erfahrungsgemäss einfacher zu bekommen sind.

Rämibühl, 5. Mai 2009, zweiter Prüfungstag. Die familiäre Fördermaschinerie kommt in geballter Ladung daher. Angespannt stehen die Eltern in kleinen Gruppen im Gang, während die Kinder aufgeregt umhersausen. Sogar hier ist ein Gefälle sichtbar: Im Literargymnasium erscheinen auch viele Kinder ohne elterliche Begleitung. Zwei Stockwerke höher im Realgymnasium, dem Favoriten der Zürichberg- und Goldküsteneltern, scheint die Zahl der Begleiter diejenige der Prüflinge zu übersteigen.

Schuhwerk und Handtaschen sind hochwertiger und die Gestelle der Sonnenbrillen in den blondierten Haaren dicker. Nicht dass draussen die Sonne scheinen würde. Im Gegenteil: Der Himmel ist grau verhangen, und die Sorgen der Eltern sind gross. Nach Prüfungsbeginn bleiben sie hinter verschlossenen Türen und mutmassen über die bisherigen Leistungen ihrer Kinder. «Je nu, es isch, wies isch», seufzt irgendwann eine Mutter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2009, 08:25 Uhr

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13 Kommentare

Hans Ulrich

22.05.2009, 12:21 Uhr
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Ich habe das Langzeitgymi gemacht mit Latein am Anfang. Mit 12 Jahren schon eine Probezeit zu bestehen ist ein ziemlicher Druck. Manchmal wäre ich froh,hätte ich die Sek gemacht,und viel mehr zwischenmenschliches gelernt,mehr Freizeit gehabt,statt schon so früh in die Leistungsgesellschaft einzusteigen.Meinerseits braucht es wieder viel mehr praktische Berufe,statt nur theoretiches auswendiglernen Antworten


Brigitte Steiner

19.05.2009, 09:48 Uhr
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Herrlicher Artikel! Mein Sohn ist 12 und in der 6. Klasse. Habe anfänglich mitgemacht in diesem Theaterspektakel und dann nach und nach losgelassen. Wer ist und macht diese Gesellschaft? Wir, Eltern der nächsten Generation. Und was bestimmt unseren Alltag? Zukunfts-Angst auf Kosten unserer Kinder? Was lernen sie dabei von uns Eltern? Nein Danke, ich mache nicht mit bei diesem Wertesystem! Antworten




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