«Haben Sie schon Katzenvideos geschaut?»

US-Publizistin Arianna Huffington sagt, der moderne Mensch liebe die Selbstdarstellung. Das müssten die Medien berücksichtigen.

«Im Journalismus gilt: Entweder passt man sich an – oder man geht unter»: Arianna Huffington. Foto: Kai Nedden (Laif)

«Im Journalismus gilt: Entweder passt man sich an – oder man geht unter»: Arianna Huffington. Foto: Kai Nedden (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind einflussreiche Journalistin und wohlhabende Geschäftsfrau. Erfolg, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch, sei mehr als Geld und Macht. Woran fehlt es Ihnen?
Es geht mir um die Frage, was ein gutes Leben ist. Darüber haben die griechischen Philosophen schon vor Jahrhunderten nachgedacht. In der Uni haben wir nächtelang darüber diskutiert. Aber irgendwann hat unsere Gesellschaft den Blick verengt: Sie hat angefangen, Erfolg nur noch als möglichst viel Geld und Macht zu definieren.

Ist das auch Ihre persönliche ­Erfahrung?
Absolut. Ich will Geld und Macht nicht kleinreden, ich sage nicht, sie hätten keine Bedeutung. Aber ich sage: Geld und Macht sind wie zwei Beine eines Hockers. Man braucht ein drittes Bein, sonst fällt man früher oder später um.

Ist Ihnen das passiert?
Ja, ich bin am 6. April 2007 in einer Blutlache auf dem Boden meines Arbeitszimmers aufgewacht. Ich war aus Erschöpfung und Schlafmangel kollabiert und hatte mir beim Fallen den Kopf an der Schreibtischkante aufgeschlagen.

Was haben Sie daraus gelernt?
Ich habe gelernt, dass man mehr auf sich Acht geben und auch grosszügiger sein muss. Man braucht, wie gesagt, ein drittes Bein für den Hocker. Für mich war wichtig, das Schlafverhalten zu ändern. Früher schlief ich vier bis fünf Stunden pro Tag – das habe ich ausgeweitet auf sieben bis acht Stunden.

Trotzdem eilen Sie von Termin zu Termin, sind mit der «Huffington Post» auf Expansionskurs, schreiben ein Buch. Wie passt das zusammen?
Ganz konkret: Ich bin gestern spät ins Bett gekommen, weil ich in Wien eine Rede gehalten habe. Heute ging es früh- morgens auf den Flieger nach Berlin, wo ich vor diesem Interview bereits einen Auftritt hatte. Danach war ich müde, wollte aber für unser Gespräch fit sein. Deswegen habe ich mich im Hotelzimmer zehn Minuten lang hingelegt. Jetzt fühle ich mich wunderbar.

Einen solchen Powernap hätten Sie früher nicht gemacht?
Nein, mir war nicht bewusst, dass wir leistungsfähiger und kreativer sind, wenn wir gut zu uns selber sind. Das ist enorm wichtig. Es gibt eine Studie über einen US-Konzern, der die Hälfte seines Personals abgebaut hat. Zwei Drittel der Entlassenen stürzten ab, wurden depressiv oder begannen zu trinken. Ein Drittel aber blühte auf, fand einen neuen Job oder baute ein eigenes Business auf. Sie konnten das Ganze bewältigen, weil sie aus sich heraus stark genug waren.

Ist das auch ein Patentrezept für die Medienbranche? Viele ­andere sehen den Journalismus in einer existenziellen Krise, Sie aber sprühen vor Optimismus.
Es ist offensichtlich, dass wir im Journalismus in einer Übergangsphase sind. Wie immer bei solchen Umbrüchen löst das Unsicherheit und Angst aus. Es gibt ja auch viele Journalisten, die ihre Stelle verloren haben. Das ist hart. Trotzdem sehe ich ein goldenes Zeitalter vor uns.

Wie soll dieses goldene Zeitalter finanziert werden? Den Zeitungen bricht das Anzeigengeschäft weg – und im Internet sind bisher nur wenige Leser bereit, für ­journalistische Beiträge zu zahlen.
Es gibt verschiedene Geschäftsmodelle, um den Journalismus inskünftig zu finan­zieren. Non-Profit-Modelle oder Crowdfunding sind teilweise schon erfolgreich; es gibt traditionelle Medienhäuser, die Paywalls einführen für ihre Onlineportale; dann gibt es neue Player wie die «Huffington Post», die Umsatz mit innovativen Werbemodellen ­machen.

Was sind denn innovative ­Werbemodelle?
Wir sind längst nicht mehr bei Bannerwerbung, die wir einfach auf der Website platzieren. Wir haben gesponserte Texte und arbeiten mit eingebetteter Werbung, die sich besser ins redaktionelle Umfeld einfügt als früher.

Wie ändert sich der Charakter des Journalismus mit der ­Digitalisierung?
Die Entwicklung macht mir Hoffnung, dass wir den Leser künftig noch stärker ins Zentrum rücken. Wir müssen von ­einem Präsentationsjournalismus zu einem Journalismus der Partizipation kommen. Ein gutes Beispiel ist die Serie, mit der die «Huffington Post» den Pulitzer-Preis gewonnen hat. Unser Autor David Wood arbeitete neun Monate lang daran. Es war eine traditionelle Recherche über US-Kriegsveteranen. Sie erschien in zehn Teilen, und jedes Mal bat Wood am Ende die Leser mit entsprechenden Erfahrungen, sich zu melden. Das Echo war riesig.

Dennoch: Jemand muss bezahlen, damit ein Journalist monatelang an einem Thema arbeiten kann.
Wir bei der «Huffington Post» bezahlen über 800 Leute.

Sie haben 800 Journalisten ­angestellt – aber noch weit mehr Blogger, die kostenlos arbeiten. Was ist in Ihren Augen der Unterschied zwischen Journalist und Blogger?
Der Unterschied ist riesig. Das ist, wie wenn man Äpfel und Orangen vergliche. Die meisten Blogger sind keine professionellen Schreiber. Sie sind Schauspieler, Politiker, Manager und posten ihre Texte oft an verschiedenen Orten. Abgesehen davon finde ich: Es ist Zeit, mit der Fragerei nach den Bloggern aufzuhören. Das ist so etwas von gestern. Tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen . . .

Sie müssen sich nicht entschuldigen.
Die «Huffington Post» ist beides, ein journalistisches Unternehmen und eine Plattform für Blogger. Die Menschen lieben Plattformen. Warum ist Tumblr erfolgreich? Bezahlt jemand die Leute, die dort Texte, Bilder oder Videos posten?

Nein. Trotzdem stellt sich die Frage, welche Funktion in demokratischen Gesellschaften der professionelle Journalismus hat – und was die ­Aufgabe von Bloggern ist.
Blogs sind das, was früher Leserbriefe waren. Während eine Zeitung nur einen kleinen Teil der Zuschriften publizieren kann, sind die Möglichkeiten beim Bloggen unendlich. Es ist wichtig zu verstehen: Die Menschen schreiben, fotografieren und filmen heute viel mehr als je zuvor, weil sie die Möglichkeit haben, alles online zu veröffentlichen. Früher schauten die Leute vielleicht sieben Stunden täglich fern, jetzt verwenden sie einen Teil dieser Zeit dazu, sich selbst ausdrücken – das ist die neue Unterhaltung.

Keine schlechte Entwicklung.
Es ist grossartig für die Leute, aber auch für die Gesellschaft. Es ist eine echte Demokratisierung der Medien. Jeder erhält die Möglichkeit, sich auszudrücken.

Gleichzeitig braucht es weiterhin einen professionellen Journalismus.
Das sind keine Gegensätze. Es gibt auch Leute, die jetzt in die Branche investieren. Etwa Amazon-Chef Jeff Bezos, der die «Washington Post» gekauft hat, oder Ebay-Gründer Pierre Omidyar, der die publizistische Website «The Intercept» finan­ziert. Auch das ist Teil der Entwicklung, nicht nur die Schwierigkeiten.

Wird es in Zukunft noch gedruckte Zeitungen geben?
Ja, etwas in unserer DNA liebt das Gedruckte. Ich lese viele Zeitungen und Zeitschriften – und ich bin nicht allein. Wenn Sie in die Karibik reisen, gibt es dort Hotels, die mit einer speziellen Software aktuelle Zeitungen ausdrucken. Das ist eigentlich absurd, weil man die Texte digital lesen könnte. Aber die Leute wollen das Ganze auf Papier haben.

Hat es damit zu tun, dass ­Onlineportale immer noch als ­weniger seriös gelten?
Da ändern sich die Dinge schnell. Bill Keller, der ehemalige Chefredaktor der «New York Times», war stets sehr kritisch gegenüber allem, was mit Internet zu tun hat. Jetzt arbeitet er für eine neue Website, die qualitativ hoch­stehen­den Journalismus macht.

Die deutsche «Huffington Post» bot diese Woche: ein Video über eine Katze, die mit einer Zitrone spielt; einen Artikel über Börsenprobleme; einen Blogeintrag zum ­Klimawandel. Das Ganze ein bunter Mix aus Copy-Paste-Journalismus und Eigenleistung. Sieht so der Journalismus der Zukunft aus?
Die «Huffington Post» war immer schon eine Mischung aus hochstehendem und weniger anspruchsvollem Material. Und die Art, wie wir das Ganze präsentieren, macht dies für unsere Leser absolut transparent. Wir haben drei Kolonnen: Links sind die Blogs, in der Mitte die seriösen Themen und rechts die eher leichten Geschichten. Jeder kann wählen, was ihn am meisten interessiert.

Auch Zeitungen haben verschiedene Seiten und Beiträge. Aber sie haben auch eine Niveau-Untergrenze. Viele Redaktionen hätten nie so etwas wie ein Katzenvideo veröffentlicht.
Das ändert sich. Haben Sie schon einmal ein Katzenvideo angeschaut?

Ja.
Eben. Sie sind ein Mensch. Sie können nicht so tun, als würden Sie nur Kierkegaard lesen. Manche Leute verachten leichtgewichtige Themen, aber seien wir ehrlich: Wir alle geniessen sie. Und im Journalismus gilt Folgendes: Entweder passt man sich an – oder man geht unter. Die Art und Weise, wie die Menschen Nachrichten konsumieren, hat sich gewaltig verändert. Dieser Realität dürfen sich Journalisten nicht verschliessen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2014, 07:34 Uhr

Arianna Huffington

Die Königin der Blogger

Die 64-Jährige ist eine der einflussreichsten und umstrittensten Figuren der US-Medienbranche. Sie gilt als «Königin der Blogger». 2005 gründete sie die «Huffington Post», eine Mischung aus Onlinezeitung und Blogger-Plattform. 2011 verkaufte sie das Medium für über 300 Millionen Dollar an den Internetkonzern AOL, blieb aber Chefredaktorin. Inzwischen gibt es die «HuffPo» in elf Ländern; viele der Beiträge stammen nicht von Journalisten und werden nicht bezahlt. Springer-Verlagschef Mathias Döpfner kritisiert ihren radikalen Gratisansatz als «Anti-Geschäftsmodell des Journalismus». (dn)

Artikel zum Thema

Huffington gründet «World Post»

Ein globales Medium: Onlineverlegerin Arianna Huffington und Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen lancieren eine neue Nachrichtenseite. Sie werben mit drei äusserst prominenten Autoren. Mehr...

Kommt Huffington in die Schweiz?

In einem Interview spricht die Mitgründerin der «Huffington Post» über die Expansionpläne ihres Online-Gratismagazins. Mehr...

«Huffington Post» startet deutsche Ausgabe

Das US-Onlineportal «Huffington Post» ist am Donnerstag mit seiner deutschen Ausgabe gestartet. Aushängeschild ist ein langjähriger ZDF-Mitarbeiter. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Sonnenschutz: Ein Feiernder am Glastonbury Festival versucht sich von der Sonne zu schützen (21. Juni 2017).
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...