Heulboje, plötzlich cool

Céline Dion ist der neue Darling der Modeszene. Ja, Céline Dion.

Plötzlich nicht mehr zaghaft: Dion an einer Modeschau in Paris. (3. Juli 2017)

Plötzlich nicht mehr zaghaft: Dion an einer Modeschau in Paris. (3. Juli 2017) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Während der vergangenen Haute-Couture-Woche bei der Präsentation des Modehauses Giamattista Valli: Sängerin Céline Dion sitzt neben US-«Vogue»-Chefredaktorin Anna Wintour in der ersten Reihe. Als die Schau zu Ende ist, springt Céline Dion auf und klatscht begeistert. Ihre Nachbarin bleibt sitzen. Lächeln liegt in der Branche mittlerweile ja durchaus drin, aber nach einer Couture-Show aufspringen und jubeln? Bitte nicht.

Die Lage ist derzeit aber so: Céline Dion darf das. Denn die Modebranche feiert sie aktuell als Stilikone. So wurde sie von Anna Wintour dieses Jahr zum ersten Mal an den renommierten Modeanlass Met Gala eingeladen. Vergangene Woche war sie sogar Stargast bei der exklusiven Couture-Schau von Dior, und die amerikanische «Vogue» hofiert Dion derzeit geradezu mit zahlreichen Posts. Unter anderem zeigt sich die Sängerin darauf nackt in einer Umkleidekabine.

.

Ein Beitrag geteilt von Vogue (@voguemagazine) am

Das hat sich jetzt schon eine Weile zusammengebraut. Vergangenes Jahr wurde Dion zunächst in einem ledernen Trenchcoat des Labels Off-White fotografiert. Das ist ziemlich cool. Als sie daraufhin als erste Prominente überhaupt in einem neongelben Kleid fotografiert wurde, welches Designstar Demna Gvasalia als neuer Chefdesigner soeben für das Modehaus Balenciaga entworfen hatte, war ihr die Aufmerksamkeit der Modebranche sicher: Was passierte da? War es wirklich möglich, dass es gerade «Titanic»-Céline schaffte, einen Modehype um ihre Person auszulösen?

An Céline Dion war immer alles, nun ja, wenig zaghaft. Da sind zum einen ihre Gesten auf der Bühne in ihrer eigenen, überglamourösen Las-Vegas-Show: Selbst ein ohnehin schon gefühlsbetonter Song wie «My Heart Will Go On» wird mit mächtiger Stimme vorgetragen, von ausladenden Armbewegungen und intensivem Stirnerunzeln begleitet, und so zum noch grösseren Kino.

Bei Interviews sperrt die kanadische Sängerin ihre Augen weit auf, gibt sich nachdrücklich selbstironisch und volksnah. Sie lässt keine Gelegenheit aus, um mit «Daumen rauf» ihren Fans zu signalisieren, dass alles gut sei. Céline Dion hat das, was auch an Dragqueens so fasziniert: Es geht nicht um klassische Schönheit, da passiert von allem ein bisschen zu viel. Auch überbordender Enthusiasmus kann jemanden zur Ikone machen.

Ein neuer Plan

Seit Anfang Jahr scheint die Kanadierin nun einen neuen Plan zu verfolgen: Offenbar beschloss sie, ihr modisches Image aufzupolieren. Denn mit Ausnahme des herrlich scheusslichen Synthetikfummels, den sie beim Eurovision-Sieg 1988 trug, waren Dions Kleider bisher kaum Thema. Obschon die Sängerin in den letzten fünf Jahren in Las Vegas regelmässig in teuren Couture-Looks auftrat, etwa auffälligen Roben von Armani Privé, Schiaparelli oder Versace.

Céline Dions Ehemann und ihr Bruder verstarben vergangenes Jahr kurz nacheinander. Dion zog sich zurück, schien neuen Lebensmut zu fassen. Und einen neuen modischen Anfang zu wagen, indem sie den Stylisten Law Roach verpflichtete, der sich selbst als «Image-Architekten» rühmt. Roach besorgte ihr die angesagtesten Kleider. Er wusste ausserdem: Die Mode liebt gerade die Neunzigerjahre und deren Protagonistinnen. Der Zeitpunkt für das Projekt «Stilikone Céline Dion» war perfekt.

Und die Sängerin macht offenbar bei allem mit. «Ich kann ihr jede Silhouette, jede Farbe vorschlagen, und sie will die Kleider anprobieren», sagte Roach kürzlich in einem Interview mit dem «Telegraph». Céline Dion ist also auch als Stilikone eifrig wie immer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.07.2017, 10:05 Uhr

Artikel zum Thema

Schwarz, schwul, Chef

Edward Enninful ist der neue Chefredaktor der britischen «Vogue». Mehr...

Fernab von allem

Die Liebesgeschichte zwischen Yves Saint Laurent und Marrakesch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Süsse Handarbeit: In der Schokoladenfabrik 'La muchacha de los chocolates' platziert ein Arbeiter eine Kirsche in eine mit Schokolade ausgekleidete Form. (21. Juli 2017)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...