Hört auf zu flennen, ihr Memmen!

Antifeministen wollen wissen, was der #SchweizerAufschrei bringen soll. Eine gute Frage, doch die Antwort wird ihnen nicht gefallen.

Stadtpräsident Alexander Tschäppät: Er ist sich keines Fehlers bewusst.

Stadtpräsident Alexander Tschäppät: Er ist sich keines Fehlers bewusst. Bild: Keystone

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Kollegial sei die Geste gemeint gewesen, sagte Alexander Tschäppät zum Vorwurf seiner Kollegin Aline Trede, der Berner Stadtpräsident habe ihr einmal die Hand väterlich aufs Knie gelegt. Da sind wir aber beruhigt, Herr Tschäppät. Sicher tun sie das auch bei ihren männlichen Kollegen. Ähnlich beruhigend ist es, wenn Roger Köppel im aktuellen Editorial seiner Weltwoche kommentiert: Trumps «Grab them by the pussy» sei halt die Art, wie Männer sich in Herrenrunden oder Umkleidekabinen unterhalten. Und Frauen seien sicher noch viel extremer, wenn sie über Männer sprechen. Vielleicht war die Geste ja wirklich nur ungeschickt. Vielleicht reden Männer wirklich so und denken: Frauen reden genau so über uns! Genau das ist das Problem.

«Antifeministische Verteidigungsschwadronen»

Auch durch die sozialen Medien schwirrten sofort die antifeministischen Verteidigungsschwadronen und verkündeten ihre Weisheiten zum Thema Sexismus in der Schweiz. Der #SchweizerAufschrei, hiess es da, sei a) ein Profilierungstrick linker Politikerinnen, b) sei Sexismus in der Schweiz kein Problem, weil sie selber c) noch nie eine angemacht oder angegrabscht hätten. Sie seien aber d) selber schon begrabscht worden und hätten das nicht schlimm gefunden. Daraus schliessen sie schliesslich e), dass Frauen mit der Aktion nur Opferstatus beanspruchen wollen. Der Verfasser des letzten Tweets war zuvor übrigens als Weiterverbreiter poetischer Zeilen wie der folgenden aufgefallen: «Kleine Titten sind wie Flüchtlinge: Sie sind nun mal da, aber [...] will man sie nicht!»

Würden diese Männer etwas weniger über die bösen Frauen flennen, hätten sie vielleicht gemerkt, dass ihre Tweets ein Symptom jenes Sexismus sind, den sie so wortreich bestreiten. Sie behaupten, sie wüssten besser, wie viel Alltagssexismus Frauen in der Schweiz erleben, als die Frauen selber. Das nennt man bevormunden. Tatsächlich ist nicht jedes Kompliment, jeder Blick, jede Berührung sexistisch. Nicht immer steckt Sexismus dahinter, wenn Frauen weniger verdienen. Frauen tragen eine Verantwortung dafür und das sollen sie auch. Persönlich habe ich im Arbeitsleben von Kollegen weder strukturellen noch individuellen Sexismus erfahren. Also ist Alltagssexismus in der Schweiz ein marginales Problem? Zur Hölle, nein!

Was soll das Ganze?

Die Antifeministen fragten, was die Zielsetzung eines solchen Aufschreis eigentlich sei. Eine gute Frage. Natürlich gibt es zum «SchweizerAufschrei» Aussagen, die nachgerade lächerlich sind. Was soll es bringen, wenn Frauen sich über Komplimente von Kollegen beklagen? Vergiftet diese Diskussion nicht das Verhältnis zwischen den Geschlechtern von Grund auf, erzeugt ein Klima der Angst? Nein, es geht um Sensibilisierung, es geht darum, eine Realität aufzuzeigen, die schnell vergessen geht, wenn man nicht betroffen ist.

Um zu prüfen, wie Schweizer Frauen von Sexismus betroffen sind, schlage ich folgendes Experiment vor. Sammeln Sie eine beliebige Menge von Personen um sich, zum Beispiel alle, die in Ihrem Büro oder Ihrem Bürogebäude arbeiten. Trennen Sie sie nach Geschlechtern. Fragen sie die Männer, wer schon einmal in sexueller Absicht begrabscht und beschimpft wurde, und zwar so, dass er Angst hatte. Wer schon mal auf dem Nachhauseweg von einem schmierigen Typen verfolgt, ungefragt mit Penisbildern beglückt wurde oder beim Masturbieren zuschauen musste. Vielleicht gibt es den einen oder anderen Mann, der die Hand heben würde. Bei den Frauen wird es jede sein. Jede hat viele solche Geschichten, jede kennt eine, die einen sexuellen Übergriff erlebt hat. JEDE.

Nicht nur Männer

Die Verteidigungsschwadronen beklagen sich, hier würde allen Männern der Prozess gemacht, was vollkommener Blödsinn ist. Nur weil alle Frauen das erleben, heisst das nicht, dass alle Männer so sind. Ganz abgesehen davon: Auch Frauen sind vor Sexismus nicht gefeit. Auch ich habe mich Frauen gegenüber schon sexistisch verhalten und deshalb bin ich dankbar für solche Aktionen. Weil sie mir helfen, mein eigenes Verhalten besser zu beurteilen.

Was sexuelle Übergriffe anging, hatte ich in meinem Leben ein paarmal Glück. Oder konnte mich wehren. Als ich einmal allein im Ausgang war und mir von hinten jemand an den Hintern fasste, drehte ich mich um und stellte ihn: «Du hast mir jetzt aber nicht gerade an den Hintern gefasst?», fragte ich laut. Er tat ertappt und murmelte in sein Bier: «Ja, aber das ist doch nicht so schlimm!» Nein, ich fand die Berührung nicht schlimm. Schlimm fand ich, dass er dachte, er könne das einfach so tun. Ohne irgendwas, nicht einmal Blickkontakt, den er missverstehen könnte. Man wird zum Objekt gemacht, nicht ernst genommen. Schlimm ist, wenn die 15-jährige Tochter am Sonntag vom Lernen im Park heimkommt und sagt: «Da war so ein Typ, der hat uns aufdringlich zugezwinkert und uns verfolgt. Sehr gruselig.» Das ist es, was wir jeden Tag erleben: Nicht ernst genommen, als Fickstück und Schlampe betitelt werden, in unserer sexuellen Integrität bedroht, vom väterlichen Stadtpräsident mit einer Hand auf dem Bein angefasst werden. Es ist eine verdammte Realität in diesem Land, nicht bei allen, nicht jeden Tag. Aber es passiert.

Was ein Aufschrei bringt? Dass Männer sich bewusst werden, in welcher Welt man als Frau lebt und es sich zur eigenen Sache machen, einschreiten, wenn Typen Frauen dumm anmachen, wenn im Umkleideraum einer sagt, man könne Frauen auch einfach bei der Pussy greifen. Dass sie nicht glauben, uns Frauen sagen zu können, was wir in diesem Land erleben und was nicht, dass sie das Urteil uns überlassen und zuhören. Das wäre kollegial. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2016, 14:51 Uhr

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