Leben

«Ich habe in den letzten zwei Jahren intensiv daran gearbeitet»

Interview: Nina Merli. Aktualisiert am 04.11.2011 15 Kommentare

Rund 800'000 Erwachsene in der Schweiz können nicht richtig lesen und schreiben. André Reithebuch ist einer davon. Am Tag einer grossen Konferenz in Bern sagt Ex-Mister-Schweiz, wie er sich verbessert hat.

Bekannte sich 2009 zu seiner Schreib- und Leseschwäche: Ex-Mister-Schweiz André Reithebuch.

Bekannte sich 2009 zu seiner Schreib- und Leseschwäche: Ex-Mister-Schweiz André Reithebuch.
Bild: Keystone

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Illettrismus - die Fakten

In der Schweiz können rund 800'000 Erwachsene (zwischen 16 und 65 Jahren) nicht gut genug lesen und schreiben, um den Alltag problemlos zu meistern. Sie haben Mühe, Medikamenten-Beizettel zu verstehen, das Lösen eines Zugbilletts am Automaten fällt ihnen schwer. Die Schreib- und Leseschwäche wird Illettrismus genannt und gilt nach wie vor als Tabu. Ziel der heutigen Fachtagung ist es, das Problem einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, unterschiedliche Weiterbildungsmassnahmen zu diskutieren und nationale und internationale Synergien herzustellen.

Mehr Infos zum Thema: www.lesenlireleggere.ch

Der Dokfilm zum Thema


Rund 800'000 Schweizer können trotz Schulpflicht nicht fehlerfrei lesen und schreiben. Der Dokfilm «Boggsen» von Jürg Neuenschwander befasst sich mit dem Problem.


(Quelle: vimeo.com)

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Herr Reithebuch, heute findet eine Tagung zur Prävention und Bekämpfung von Illettrismus statt. Wie steht es im Augenblick um Ihre Schreib- und Leseschwäche?
Da ist einiges gegangen. Ich habe in den letzten zwei Jahren ziemlich intensiv daran gearbeitet, Kurse besucht und vor allem regelmässig geübt. Ob man es vollständig überwinden kann, weiss ich nicht, aber auf jeden Fall kann man es verbessern. Es ist ja so, dass sich die Schreib- und Leseschwäche vor allem bei Erwachsenen verstärkt, weil sie nicht mehr regelmässig schreiben oder lesen müssen. Junge Menschen kommen praktisch nicht darum herum.

Das sollte man meinen. Sie haben sich trotz einer starken Schreib- und Leseschwäche durch die Schule «mogeln» können. Wie ist Ihnen das gelungen?
Ich habe mich nicht durchgemogelt. Meine Illettrismus-Probleme waren den Lehrern sehr wohl bekannt und immer wieder ein Thema an den Elterngesprächen. Meine Eltern haben mich auch immer sehr stark unterstützt und mir spezielle Nachhilfestunden ermöglicht. Das Problem war ich selber, denn mich hat der Deutschunterricht – schon als Kind – nicht interessiert. Überhaupt sass ich nur sehr ungern im Schulzimmer, ich war viel lieber draussen in der Natur. Wann immer ich konnte, habe ich unseren Nachbarn, die Bauern waren, geholfen. Ausserdem kann ich lesen und schreiben. Ich lese einfach langsamer und mache mehr Flüchtigkeitsfehler als andere. Also musste ich mir nicht wie andere, die grössere Probleme damit haben und praktisch nicht schreiben oder lesen können, die ganze Zeit irgendwelche Ausreden einfallen lassen. Für mich stand schon sehr früh mein Berufswunsch fest: Zimmermann. Und ich wusste, dass ich dazu gut im Rechnen und im Zeichnen sein musste. Also habe ich meine Prioritäten darauf gesetzt. Und weil ich in diesen Fächern sehr gut war, konnte ich die ungenügenden Deutschnoten ausgleichen.

Hat man Sie wegen Ihrer Schreib- und Leseschwäche gehänselt?
Natürlich, es kam schon vor, dass ich ausgelacht wurde, aber ich war ja nicht der Einzige, der Probleme damit hatte. Natürlich war es für mich ein Horror, wenn wir zum Beispiel ein Diktat hatten oder an der Tafel etwas schreiben mussten, aber ich habe relativ früh akzeptiert, dass ich dieses Problem habe und mich damit abgefunden.

Was tun Sie, wenn Ihre Schriftkenntnisse gefragt sind?
Ich nehme mir Zeit. Oder ich lasse mir helfen: Wenn ich ein wichtiges E-Mail schreiben muss, dann lasse ich es zum Beispiel von meiner Freundin durchlesen. Und im Geschäft frage ich manchmal meinen Chef.

Sie haben sich während Ihrer Amtszeit als Mister Schweiz zum Illettrismus «geoutet». Warum eigentlich?
Nun, ich habe mich nicht wirklich selber geoutet. Eine Journalistin hatte herausgefunden, dass ich während der Rekrutenschule einen Lese- und Schreibkurs besucht hatte. Sie rief mich an und sprach mich darauf an. Ich bestätigte dies und einige Tage darauf wurde ich in der Zeitung als Analphabet hingestellt. Das war dann schon ziemlich hart. Vor allem, weil dann natürlich etliche andere Medien auf den Zug aufgesprungen sind und über mein Problem berichtet haben.

Werden Sie heute noch häufig darauf angesprochen?
Manchmal melden sich Eltern bei mir, weil ihre Kinder Probleme mit Lesen und Schreiben haben. Oder auch Schulkinder, die mich zum Thema Illettrismus interviewen wollen, weil sie einen Vortrag vorbereiten. Mir ist am wichtigsten, dass sie verstehen, dass man sich nicht dafür schämen muss und vor allem, dass man, wenn man genug übt, viele Fortschritte machen kann. Im Nachhinein finde ich es schade, dass ich in meiner Schulzeit einen so sturen Kopf hatte und mich nicht mehr angestrengt habe.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.11.2011, 13:25 Uhr

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15 Kommentare

Peter Gutknecht

04.11.2011, 13:42 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Danke für diesen interessanten Artikel; löblicherweise fehlt darin ausnahmsweise das Markenzeichen des Tagi, nämlich Rechtschreibefehler. Antworten


Frank Z. Marg

04.11.2011, 13:57 Uhr
Melden 36 Empfehlung

Bravo, Herr Reithebuch. Weiter so, gefällt mir, wie sie seither mit diesem Thema persönlich umgehen und kommunizieren! Antworten




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