«Ich hoffe, dass ich ein guter Lügner bin»

Der erfolgreiche Schweizer Autor Charles Lewinsky erzählt, wie er sich kindisch freuen kann, wenn er andere Leute an der Nase herumführt.

Es machte Charles Lewinsky Spass, Volksmusiktexte zu schreiben, solange er die Musik nicht dauernd selber hören musste.

Es machte Charles Lewinsky Spass, Volksmusiktexte zu schreiben, solange er die Musik nicht dauernd selber hören musste. Bild: Flurin Bertschinger/Ex-Press

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Ihr neues Buch «Andersen» spielt mit dem Horrorgenre und hat was von Stephen King.
Ja, durchaus. Meine Frau sagte nach dem Lesen des Manuskripts: Ich kann nie mehr in einen Kinderwagen schauen.

Einige Ihrer Stammleser dürften überrascht reagieren.
Es gibt verschiedene Sorten von treuen Lesern. So gibt es jene, die immer etwas Lustiges erwarten. Ich kann mich an eine Lesung mit einem Publikum erinnern, das wild entschlossen war zu lachen. Doch es ging um Kurt Gerron, einen jüdischen Regisseur, der in Auschwitz ermordet wurde. Ich plane nie exakt, was ich an Buchpräsentationen vorlese, sondern richte mich nach der Stimmung im Publikum. In diesem Fall beschloss ich, den Zuhörern das Lachen auszutreiben. Dann las ich einen Abend lang nur die grausamsten Stellen vor.

Es gibt auch jene Leser, die Sie der jüdischen Literatur zuordnen.
Auch sie werden vom neuen Buch enttäuscht sein. Es passt in keine Schublade.

Es ist ohnehin schwierig, Sie zu schubladisieren.
Jedes Mal, wenn ich etwas ganz anderes mache, reagieren die Leute zuerst verwirrt. Einige Journalisten haben irgendwann eine neue Schublade für mich entdeckt: vielseitig. In dieser Schublade fühle ich mich recht wohl. Ich möchte tatsächlich nie zweimal das gleiche Buch schreiben. Das würde mich furchtbar langweilen.

Aber apropos jüdische Ecke: Ein Nazi spielt im neuen Buch eine Schlüsselrolle.
Der hat aber keine Weltanschauung. Ich ärgere mich immer, wenn man in mir nur einen jüdischen Autor sieht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in diese Schublade gehöre. Ich bin zuerst ein Schweizer Autor. Dann ein deutschsprachiger Autor. Und irgendwo, vielleicht an Punkt 72, kommt das Judentum. Nicht vorher. Manchmal kommt es an Lesungen vor, dass Besucher mich in die Ahnenreihe der jüdischen Literatur einordnen und mich in einem Atemzug mit Isaac Bashevis Singer nennen. Dann denke ich jeweils für mich: Irgendwann sollte ich diese Bücher, die mich angeblich derart beeinflusst haben, wohl auch lesen.

Sie haben ja Bücher mit Bezug zur jüdischen Kultur geschrieben und sind selber jüdischer ­Herkunft.
Man soll über das schreiben, was man gut kennt. Zwei meiner Bücher handeln von Themen, die etwas mit Judentum zu tun haben. Eines davon richtig heavy, das war «Melnitz». Über andere Themen habe ich jedoch viel mehr geschrieben.

In «Melnitz» schrieben Sie konsequent in nüchternem, distanziertem Ton.
Weil es zur Geschichte passte. Ich halte aber generell nichts von anklagendem Ton. Ich misstraue Büchern mit einer direkten Botschaft. Ich halte mich an die alte Regel: Wenn ich eine Botschaft versenden will, gehe ich auf die Post. Bücher sind nicht dafür da.

Wofür sind Bücher da?
Um Geschichten zu erzählen und im Kopf des Lesers etwas auszulösen. Aber was das ist, lässt sich nicht exakt steuern. Es gibt Bücher, da passiert das nicht. Die fliessen einfach so vorbei, und dann sind sie wieder weg. Fast Food. Das ist wahrscheinlich sogar bei den meisten Büchern der Fall. Ich finde, ein Buch muss einen Widerhaken haben, der Leser zum Denken anregt. Aber was der Leser denkt, kann der Autor nicht steuern.

Können Sie den Widerhaken beschreiben?
Dafür gibt es keine fixe Regel, das unterscheidet sich von Buch zu Buch. In «Gerron» ist es vermutlich das Mitgefühl. In einem Buch wie «Johannistag» ist die Hauptfigur hingegen ein derart unangenehmer Typ, mit dem hat man kein Mitgefühl. Hier liegt der Haken eher in der Frage: Gibt es für ihn überhaupt einen Ausweg? Und unabhängig davon gibt es Geschichten, die man schreiben muss, wenn sie einem einfallen. Es ist, wie wenn ein Student ein Thema für seine Dissertation entdeckt, über das noch niemand anders geschrieben hat.

Ihr Buch «Kastelau» handelt von einer solchen Dissertation. Meine Frau hat sich nicht von ihrer Überzeugung abbringen lassen, dass dieses Buch auf historischen Tatsachen beruhe.
Bei «Kastelau» bestand der Reiz darin, dass es möglichst wahrheitsähnlich erscheint. Sie können Ihrer Frau ausrichten: Alles ist erfunden.

Sie sagten einmal, Autoren seien Berufslügner. Sie sind offenbar ein guter Lügner.
Ich hoffe es. Überlegen Sie doch mal, wie das mit Autoren begonnen hat. Ich stelle mir da eine Neandertaler-Höhle vor: Einer erzählt eine Geschichte, und die Zuhörer wollen wissen, wie sie weitergeht. Einem guten Lügner ist immer wieder etwas eingefallen. Bei einem schlechten Lügner ist das Publikum eingeschlafen, oder es hat ihn totgeschlagen. Lukas Bärfuss sagte einmal: Es gibt eine Abmachung zwischen dem Leser und dem Schreiber. Der Leser sagt: Du versprichst mir, dass du mich nicht langweilst, dafür frage ich nicht, ob die Geschichte auch wahr ist.

Der Protagonist in Ihrem neuen Buch «Andersen» ist ein berechnender Lügner.
Er will seine Existenz selber ­gestalten.

Und eine alte Existenz ab­schütteln.
Ja. Im Verlauf des Buches hat er gleich mehrere Existenzen, was auf Dauer nicht gut gehen kann.

Er ist auch kaltblütig.
Mir war von Beginn weg klar, was für ein Mensch die Hauptfigur ist. Ich kann nicht erklären, wo die Idee herkam, ich will es auch gar nicht wissen. Ich habe Angst vor dem Tausendfüsslereffekt. Wenn ein Tausendfüssler sich fragt, in welcher Reihenfolge er die Beine auf den Boden stellt, stolpert er nur noch. Das darf man um Himmels willen gar nicht wissen wollen. Und es wäre auch nicht gut, wenn ich hier zu viel über «Andersen» verrate.

Man kennt Sie als Autor. Weniger bekannt ist Ihren Lesern, dass Sie 1987 den Grand Prix der Volksmusik gewonnen haben. Wie kam es dazu?
Irgendwann kam der Volksmusiker Carlo Brunner zu mir. Er fragte, ob ich einen Liedtext für diesen neuen Wettbewerb schreiben würde. Und das, obwohl ich mit Volksmusik nie viel anfangen konnte. Aber man kann ja einem Kollegen mal einen Gefallen machen. Damals hiess es im Reglement: Die Musik darf den Volksmusikton nicht verlassen, und es dürfen nur traditionelle Volksmusikinstrumente verwendet werden. Ich kam zum Schluss, dass sich die Jury zu Tode langweilt, wenn alles gleich tönt. So setzte ich mir zum Ziel, die Jury aufzuwecken. Dafür erfand ich die Textzeile «Das chunnt eus Spanisch vor». So konnten wir spanische Musik einbauen, ohne das Reglement zu verletzen. Kastagnetten ersetzten wir durch Löffel. Die Jury wachte auf, und ein halbes Jahr später stand ich in der Westfalen-Halle in Dortmund und erhielt als Preis einen Bergkristall auf Granit. Und galt ab sofort als Volksmusikexperte und erhielt Anfragen für weitere Liedtexte.

Sie nahmen die Aufträge an?
Ja, es ist auch keine schwierige Übung. Ich kann an einem Nachmittag fünf Liedtexte schreiben. Es wurde für mich zu einem Spiel. Nebenbei lernte ich noch viele nette Menschen kennen. Es machte mir auch Spass, solange ich nicht selber dauernd Volksmusik hören musste. Dann war ich ein paar Jahre lang der Volksmusik-Lewinsky. Darauf folgte der Sitcom-Lewinsky. Als ich begann Romane zu schreiben, gab es zuerst kritische Reaktionen. Als ich dann auch noch Theaterstücke schrieb, mokierte sich einmal ein Kritiker in beleidigtem Ton darüber, dass ich das auch noch gut tue. So im Sinn von: Scheisse, das darf der doch gar nicht.

Unterscheiden Sie zwischen Fernseh-Sitcom, Volksmusik und Romanen?
Wenn ich Liedtexte oder eine Sitcom schrieb, so war das handwerkliche Auftragsarbeit.

Zum Broterwerb.
Ja, damit habe ich meine Familie ernährt. Ich bin ein Worthandwerker. Wenn eine lustige ­Sendung gefragt ist, die eine hohe Zus chauerquote erreicht, dann versuche ich die bestmögliche lustige Sendung zu schreiben. Aber ich liege nicht nachts wach und denke darüber nach.

Aber eine Leidenschaft und ein Interesse müssen doch vorhanden sein, damit eine erfolgreiche Sitcom geschrieben werden kann?
Ein guter Maurer, der einen Hühnerstall baut, informiert sich, was es braucht, damit die Hühner gesund bleiben und der Bau lange hält. Aber deswegen hat er noch keine Leidenschaft für Hühnerställe.

Worin lag denn der Reiz, Dreh-bücher für die Sitcom «Fascht e Familie» zu schreiben?
Ich gebe zu, dass sich daraus so etwas wie eine Rekordjagd bei Einschaltquoten entwickelte. Aber nach drei Jahren ging ich zum Fernsehdirektor und sagte: «Wir werden nicht mehr besser, lass uns aufhören.» Er antwortete: «Bist du wahnsinnig, das ist unser Renner, du darfst nicht aufhören.» So ging es weiter. Damit es mir nicht langweilig wurde, begann ich mir beim Schreiben von «Fascht e Familie» Zusatzaufgaben zu stellen, die das Publikum nicht bemerkte.

Was zum Beispiel?
Ich schrieb zur Abwechslung eine ganze Folge als Einakter. Ein anderes Mal wettete ich mit Schauspielern, sie könnten sich die verrückteste Szene ausdenken und ich würde es schaffen, diese in eine Szene einzubauen. Darauf sagte Walter Andreas Müller, er würde gerne einmal ein Ei legen. So schrieb ich eine Folge, in der es absolut logisch erschien, dass er auf dem Küchentisch sitzt und ein Ei legt. Diese Hintergründe musste der Zuschauer nicht kennen. Sie dienten einzig dazu, mich beim Schreiben zu amüsieren.

Und bei einem Roman?
Das ist etwas anderes. An «Melnitz» arbeitete ich vier Jahre und wusste nicht, ob ich dafür einen besseren Stundenlohn erhalte als eine schwarzarbeitende Putzfrau. Aber dafür war ich mein eigener Arbeitgeber und habe mir selber die Massstäbe gesetzt.

Schreiben Sie heute nur noch ­Romane?
Ab und zu auch ein Theaterstück. Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich nur noch schreibe, was mich interessiert. Ein Freund sagte mir mal den wenig höflichen, aber intelligenten Satz: «Weisst du, das Einzige, was du brauchst, ist Arschlochgeld. Es muss einfach genug sein, dass du jedem sagen kannst: ‹Mein Herr, Sie sind ein Arschloch, mit Ihnen arbeite ich nicht.›» Das ist Freiheit. Ich arbeite nur noch in der arschlochfreien Zone.

Sie waren auch Ghostwriter von Harald Juhnke, der lässig durch die Sendung führte. Wie gross war Ihr Beitrag?
Ich habe jedes einzelne Wort geschrieben – inklusive Versprecher. Ich schrieb ihm Texte, die spontan klingen. Harald Juhnke war kein Moderator, er hätte kein Interview führen können. Doch er war ein toller Schauspieler, der die Rolle eines Moderators übernahm. Hier sind handwerkliche Aufgaben im Spiel, die das Publikum oft gar nicht bemerkt. Solche Spielchen hab ich gern.

Sie führen das Publikum gerne hinters Licht.
Ja. Ich schrieb einmal einen Schwank, von dem ich behauptete, ich hätte ihn aus dem Englischen übersetzt. Das Schönste war, dass nach der Aufführung ein anderer Autor zu mir kam und sagte: So etwas bringen wirklich nur die Engländer zustande. Solche Erlebnisse bereiten mir kindische Freude.

Zur Politik: Die Stimmberechtigten haben die SVP Ende Februar mit einem klaren Nein zur Durchsetzungsinitiative gebremst. Ist das ein erfreuliches Zeichen?
Es wäre falsch, das überzube­werten. Denn es brauchte eine Riesenanstrengung von vielen Leuten, die sich vielleicht nicht wiederholen lässt. In der Schweiz haben wir zum Glück ein grauenhaft umständlich kompliziertes System, das gerade deswegen gut funktioniert. Wir haben mehr Kontroll- und Ausgleichsmechanismen als jeder andere Staat.

Sie sind Mitglied der SP.
Ja. Das Schöne ist, dass es keine zwei SP-Mitglieder gibt, die gleicher Meinung sind.

In der CVP ist die Spannweite grösser.
In der SVP gibt es keine zwei Mitglieder, die von der offiziellen Linie abweichen. Im Gegensatz zu anderen Leuten in der SP war ich stets der Meinung, dass die Schweiz nicht in die EU gehört.

Warum? Haben Sie Verständnis für die Sorgen mancher Schweizer, wenn aufgrund der Personenfreizügigkeit jährlich Zehntausende Menschen in die Schweiz einwandern?
Nein. Diese Ängste sind weitgehend geschürt. Wir haben ja auch die Kosovaren, die Schweizer aufschlitzen und anderes mehr. Zum Thema Einwanderung sage ich immer: Das Schlimmste sind die hinterhältigen Balkan-Schurken, die heimlich unsere Fussball­nationalmannschaft übernommen haben. Der Behrami, der Xhaka und wie sie alle heissen. Und sie spielen auch noch gut, was besonders fies ist. Nein, im Ernst: Mich stört an der EU, dass sie eine zutiefst undemokratische Organisation ist. Es kann nicht funktionieren, die Schweiz in ein solch zentralistisches und hinterzimmerorganisiertes Gebilde zu integrieren. Wenn die EU genügend demokratisch wird, erlauben wir ihr vielleicht einmal, dass sie sich der Schweiz anschliesst.

Die SP tut sich schwer. Arbeiter wählen zunehmend die SVP.
Die SP wird Opfer ihres Erfolgs. Was sie in den 70er-Jahren forderte, ist mittlerweile alles erreicht. Dazu zählen die 40-Stunden-Woche und vieles mehr. Wo bleibt das grosse Kampfthema? Die SP wandelte sich allmählich von einer Partei, die etwas erreichen will, zu einer Partei, die etwas bewahren will. An Versammlungen singt sie immer noch die Internationale mit dem Text: Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun. Wo haben wir nur das Elend in der Schweiz? Es geht uns einfach zu gut. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 14.03.2016, 11:49 Uhr)

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Im Gespräch

Charles Lewinsky erscheint pünktlich zum Termin in einem Zürcher Café. Am Tisch öffnet er ein Couvert. Darin hat es Schwarzweissfotografien. Er betrachtet sie. «Endlich gelungene Porträts!» Sie zeigen seine Frau, die vieles lieber macht, als sich fotografieren zu lassen.

Der bald 70-jährige Bestseller-Autor ist ein angenehmer Gesprächspartner. Geschichten aus seinem vielfältigen Schaffen erzählt er mit reichlich Schalk und Ironie. Einiges unterstreicht er mit Zitaten von Freunden oder Schriftstellern. Gesten und Mimik setzt Lewinsky aber nur spärlich ein. Worte sind ihm wichtiger.

Für das Interview zu seinem neuen Buch «Andersen» lässt er sich gerne fotografieren, so lange er dafür nicht posieren muss. «Wenn jemand sagt, ich solle meinen Kopf über die Schulter drehen und lächeln, dann beginne ich zu schreien.» Lieber spricht er. Über alles. So zum Beispiel über seinen Fleiss: «Ich bin ein fauler Kerl, ich habe gern einen leeren Schreibtisch.»

Als das Interview zu Ende ist, plätschert das Gespräch noch ein wenig dahin, während Lewinsky in kürzeren Abständen auf seine Uhr schaut. Dann steht er auf und verabschiedet sich mit den Worten: «Ich bin ein Pünktlichkeitsfreak.»

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