«Ich lese Todesanzeigen schon seit ich Schüler bin»
Von Christian Sprang. Aktualisiert am 10.09.2009 1 Kommentar
Christian Sprang: «Ich finde Todesanzeigen zugleich ergreifend und faszinierend.»
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Selten hat mich ein Buch so heiter gestimmt. Während des Lesens musste ich öfter schmunzeln, manchmal laut lachen. Und dabei geht es doch um den Tod. Stimmt etwas nicht mit mir? Bin ich morbid?
Ich selbst werde das erst recht gefragt. Ich lese nicht nur, ich sammle die Todesanzeigen ja auch noch!
Und? Sind Sie morbid?
Mir geht es vermutlich wie Ihnen. Ich finde Todesanzeigen zugleich ergreifend und faszinierend. Auch die eher heiteren Anzeigen können einen tief berühren. Diese beiden Aspekte fallen oft zusammen. Und das halte ich auch für die grösste Kunst bei diesem Genre: Wenn es einem gelingt, diese endlose Tragik, einen Menschen zu verlieren, mit einem tröstlichen, heiteren und vielleicht zum Lachen verführenden Text zu verbinden.
Gibt es eine Anzeige, an die Sie denken?
Da, wo ich aufgewachsen bin, gibt es den Steinhäger, einen Schnaps. Und nun hat ein Sohn für die Todesanzeige seines Vaters, der in Steinhagen geboren worden war, die Überzeile gewählt: «Der Herr hat einen Steinhäger zu sich genommen.» Da lacht in meiner Heimat ungefähr jeder. Ein anderes Beispiel ist der Spruch: «Wie im Leben: Oma rief – Opa kam.» Das ist eine allgemein menschliche Erfahrung. Jeder kennt Grosseltern, wo das so ist, wo Oma ruft und Opa zu kommen hat.
Gibt es Anzeigen, die Ihnen die Sprache verschlagen?
Ja, die gibt es. Im Buch hat es einige davon. Ergreifend finde ich eine Anzeige, verfasst in bewusst fehlerhaftem, holprigen Deutsch einer achtjährigen Tochter für ihren verstorbenen Vater. Es ist ein Kinderbrief, der da zitiert wird. Und da muss ich, ehrlich gesagt, weinen. Es wäre ein Leichtes gewesen, aus meiner Sammlung ein Buch zu machen, das nur Reaktionen wie diese hervorruft. Wir haben aber bewusst Stücke gewählt, die dem Buch vornehmlich eine heitere Note geben.
Was ist es genau, das Sie weinen lässt?
Ich bin nahe am Wasser gebaut und finde mich oft in jenem Gefühlszustand, wo man Weinen und Lachen nicht mehr so richtig auseinanderhalten kann. Aber lassen Sie es mich so sagen: Man weint, wenn es jemandem gelingt, den Verlust eines geliebten Menschen so spürbar zu machen, dass man unweigerlich auch an sich denkt – wie es für einen selbst wäre, in solch einer Situation zu stecken. Jemanden zu verlieren, den man ganz wahnsinnig lieb hat, das ist ja schon das Traurigste, was es im Leben überhaupt geben kann.
Die Anzeigen über wildfremde Menschen führen immer zu Ihnen selbst zurück?
Das Lesen von Todesanzeigen fängt bei einem selbst an und führt auf einen selbst zurück. Deswegen tun das auch so viele. Die Stücke sammeln ist allerdings nochmals etwas anderes. Aber in beiden Fällen fängt es damit an, dass man ein kleines Memento mori in sein Leben hineinholt.
Sich an den Tod erinnern – geschieht das bei Ihnen jeden Tag?
Ja. Ich lese Todesanzeigen schon seit ich Schüler bin. Und ich mache das immer, auch wenn ich mich etwa in einer Stadt aufhalte, in der ich niemanden kenne. Der Tod ist für mich ein Lebensthema. Bereits als 12-Jähriger habe ich angefangen, unheimlich Ängste vor dem Tod zu entwickeln. Endlichkeit, Ewigkeit, Unendlichkeit, eben alles, was damit zusammenhängt, beschäftigt mich seither jeden Tag. Ich kann deshalb auch gar nicht sagen, was der Tod für mich ist. Aber im Grunde bin ich wohl gerade durch diese Angst und durch die Beschäftigung damit zu einem Gottsucher und Gottkind geworden. Die Todesanzeigen sind nur ein kleiner Nebenast dieser Auseinandersetzung.
Gottsucher und Gottkind – was heisst das?
In meinem Innersten ist etwas, das sich sträubt, zu glauben, dass es alles gewesen ist – das, was wir Leben nennen. Und dass es danach nicht weitergeht, nur das Nichts ist.
«Unser Tod ist kein Tod, sondern eine Geburt in eine geistige göttliche Welt», wie es in einer Ihrer Anzeigen heisst?
Ja – ohne aber, dass ich jetzt detaillierte Vorstellungen hätte, wie das im Einzelnen aussieht. Aber ich denke, das ganze Leben macht eigentlich erst dann Sinn, wenn man auch glaubt, dass es danach noch weitergeht. Und dann erst macht es auch Sinn, sich im Leben für das Gute einzusetzen.
In Ihrem Buch gibt es auch Anzeigen mit esoterischem Hintergrund – eine Gattung, die offenbar stark angewachsen ist.
Ich persönlich lebe eher in einer klassischen christlichen Vorstellungswelt und kann mit esoterischen Anzeigen nichts anfangen. Mich befremdet vor allem die Siegesgewissheit, mit der die Texte verfasst sind: So wird es kommen! Das wird manchmal auch bei religiösen Anzeigen penetrant formuliert. Wer kann schon ganz genau wissen, wo der Mensch hinkommt, beziehungsweise das, was von ihm übrig bleibt? Als Sammler wiederum finde ich solche Stücke faszinierend – etwa wenn von einem «Planeten Marduk» die Rede ist, der dann auch als Aufenthaltsort im Jenseits mit Foto abgebildet ist.
Was hat sich sonst verändert in den 20 Jahren, seit Ihre Sammlung angefangen hat?
Grundsätzlich merkt man, wie sehr sich unsere Gesellschaft individualisiert. Das stelle ich fest, weil es immer mehr ungewöhnliche Todesanzeigen gibt. Man macht sich vielleicht falsche Vorstellungen von der Vergangenheit: Es war bestimmt nicht eine so heile Welt, aber jedenfalls haben die Kirche oder der Glaube noch tragender hineingewirkt. Und dann gab es in diesen alten Gemeinschaften noch viel mehr die Möglichkeit zum Trauergespräch. Trauernde, die jemanden verloren hatten, wurden aufgefangen. Heute ist es so, dass manche Anzeigen ein Aufschrei sind. Sie haben also gar nicht mehr die Mitteilungsfunktion an die Mitwelt.
Wie wird Ihre Todesanzeige aussehen?
Ich werde meine Anzeige bestimmt nicht selbst formulieren. Selbstanzeigen machen allerdings einen grossen Teil meiner Sammlung aus. Das ist eine Rubrik, die ich vor 20 Jahren gar nicht hätte führen können. Und heute werden sie immer mehr. Hintergrund dafür ist die erwähnte Individualisierung. Ich finde, dass sich das nicht gehört. Eine Todesanzeige ist eigentlich für die Hinterbliebenen gedacht.
Das Internet bietet neue Möglichkeiten, das Ableben zu kommunizieren.
Ich nutze das Internet sehr stark, und ich bekomme auch immer wieder Hinweise darauf, dass es im Internet spezielle Formen von Totengedenken gibt. Für meine Sammlungszwecke eignen die sich aber nicht. Letztlich hat die gute alte Todesanzeige ja auch viel für sich. Ich sammle ja auch aus Faszination an Sprache.
Die Liebe zur Sprache ist sehr stark spürbar in Ihrem Buch, insbesondere auch in den kurzen Texten.
Dafür ist Matthias Nöllke verantwortlich. Ich habe ihn als Mitautor gewonnen. Meine Aufgabe war, eine gute Sammlung zur Verfügung zu stellen. Hinter den abgedruckten 291 Anzeigen stehen Hunderttausende von Anzeigen, die ich oder andere Sammler, deren Sammlung ich nutzen durfte, gesichtet haben.
Ihr Buch hat ein grosses Echo ausgelöst.
Die Nachfrage ist unerwartet gross. Ich erwarte auch, dass das Buch in der Schweiz ein Bestseller wird. Nach der Nutzungsstatistik meiner Website wäre das nur logisch.
Wie erklären Sie sich das Interesse der Schweizer?
Ich bekomme sehr viele Zuschriften aus der Schweiz. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass der Schweizer für diese Art von Humor anscheinend besonders empfänglich ist. Man scheint hier lockerer zu sein, tabuisiert nicht.
Sind auch die Todesanzeigen anders?
Ob sie generell anders sind, kann ich nicht feststellen. Ich habe allerdings viele wirklich besondere Schweizer Anzeigen in meiner Sammlung. Viele signalisieren eine Leichtigkeit, ja geradezu eine bemerkenswerte Heiterkeit im Umgang mit dem Tod.
Mit Christian Sprang sprach Marc Zollinger
Christian Sprang (47) arbeitet als Justiziar für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Privat führt er die Website www.todesanzeigensammlung.de. Christian Sprang/Matthias Nöllke: Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen. Kiwi-Paperback. 224 S., 14.50 Fr.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.09.2009, 06:32 Uhr
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1 Kommentar
Das ist wirklich eine gute Repaortage mit einem sympathisch Autor. auch ich schaue erst die Todesanzeigen der Zeitung an. Der Trierische Volksfreund hat das sehr schön gemacht. Die Schweizer Zeitungen sind weniger gut im Internet zu lesen. Ich lebe in Griechenland und möchte meiner Leidenschaft auch dort fröhnen. Schade, bis ich das Buch bekommen kann, wird es noch etwas dauern. Freue mich drauf. Antworten
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