«Ich setze mich auf eine Sonnenterrasse»

Facebook macht blöd. Das behauptet die österreichische Buchautorin Anitra Eggler, die früher selber Internetfirmen geleitet hat. Im Interview rechnet sie mit der heutigen Social-Media- und Smartphone-Kultur ab.

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Anitra Eggler, läuft Ihr Smartphone noch?
Anitra Eggler: Es liegt in meiner Handtasche. Und es ist auf lautlos gestellt – auf lautlos, nicht auf Vibration. Jetzt kann und will ich nicht gestört werden, da ich mit Ihnen spreche. Es wäre hirnrissig, einen Anruf anzunehmen – nur um zu sagen, dass ich jetzt gerade nicht telefonieren kann. Genau das tun aber viele Leute.

Angenommen, wir setzen uns zusammen in ein Café, um zu plaudern. Darf ich das Smartphone auf den Tisch legen?
Nein, auf keinen Fall. Lassen Sie es in Ihrer Tasche versinken. Wenn das Smartphone auf dem Tisch liegt, zieht es Aufmerksamkeit ab. Beobachten Sie die Menschen in einem Restaurant: Sie schauen häufiger aufs Smartphone als dem Gegenüber in die Augen. Ich stehe jeweils auf und sage: «Möchtest du mit mir essen oder mit deinem Smartphone? Wenn du mit dem Smartphone ausgehen willst, ist das voll O.K., aber ich bin dann mal weg.»

Was aber, wenn von mir eine gute Erreichbarkeit erwartet wird?
Müssen Sie wirklich stets in Bereitschaftsstellung stehen? Ich glaube nicht. Wir brauchen uns nicht wie Notärzte während des Dienstes zu verhalten. Wir haben uns Dauererreichbarkeit angewöhnt. Doch wir leiden darunter, und unsere Mitmenschen auch. Wenn wir versuchen, überall gleichzeitig zu sein, sind wir nirgends mehr richtig. Das verringert die Lebensqualität, schadet der Kreativität, der Konzentrationsfähigkeit und letztlich der Produktivität. Die Freiheit, die wir durch Internet, Notebook und Smartphone gewannen, verkehrt sich ins Gegenteil: Wir lassen uns von den gierigen Kleingeräten freiwillig versklaven. Schauen Sie sich mal die Krawattenträger am Flughafen an, wie sie auf der Suche nach Strom auf dem Teppich herumkrabbeln.

Sind wir informationssüchtig?
Ja, viele Leute sind süchtig. Jedes Mal, wenn das Smartphone oder der Computer das Eintreffen einer Nachricht signalisiert, schütten wir das Hormon Dopamin aus – jenen Stoff also, den der Volksmund Glückshormon nennt. Das liegt daran, dass unser Hirn in der Steinzeitkonfiguration arbeitet: Wenn der Jäger und Sammler gehört hat, dass es im Gebüsch raschelt, waren Dopaminausschüttungen wichtig und richtig. Denn im Gebüsch konnte ein Bär lauern. Heute aber werden wir mit Reizen überschüttet. Die blödeste Meldung sorgt für dieselbe Dopaminausschüttung wie der Bär im Gebüsch. Mittlerweile brauchen wir diese Kicks sogar – wie ein Drögeler seinen Stoff. Deshalb zücken wir bei jeder Gelegenheit das Smartphone. Wenn der Gesprächspartner im Restaurant aufs Klo geht, hätten wir Zeit, um nachzudenken, Menschen zu beobachten, Tagträumen nachzuhängen. Das können viele nicht mehr. Denn das Hirn sagt: Hey, es wäre Zeit für eine kleine Dopaminausschüttung.

Es gibt einen anderen Grund dafür, dass wir so oft zum Smartphone greifen: In unserer schnelllebigen Zeit sollte man am Puls der Zeit bleiben, um nicht abgehängt zu werden.
Ganz ehrlich: Muss man wirklich fünfmal pro Tag eine Nachrichtenseite besuchen? Hat man sich früher fünfmal pro Tag die Tagesschau angeschaut? Die meisten Menschen sind völlig überkommuniziert und überinformiert. Und: Dauerablenkung ist zum Normalzustand geworden.

Den weitaus grössten Teil ihrer Onlinezeit verbringen die Nutzer in sozialen Netzwerken wie Facebook. Was suchen sie dort?
Zum Verlangen nach Ablenkung kommt etwas Zweites hinzu: Facebook fixt das Ego an. Die Chronik flunkert uns vor, dass wir eine Spur in der dahin schiessenden Zeit hinterlassen. Der Medienphilosoph Vilém Flusser würde sagen: Wir kommunizieren, um zu kommunizieren. Damit spüren wir, dass wir lebendig sind. Und Sigmund Freud würde von Triebbefriedigung sprechen. Gucken Sie sich mal an, wie ausfällig viele Leute auf Facebook werden. Dabei wird rasch klar: Die niederen Instinkte werden von dieser Plattform hervorragend bedient.

Dank Facebook sehe ich, was die Bekannten treiben – auch jene, zu denen ich den Kontakt sonst verloren hätte. Das ist praktisch.
Auch ich habe es geschätzt, mit weit entfernt wohnenden Bekannten in Kontakt bleiben zu können. Doch dann haben selbst intelligente Menschen damit begonnen, Ess- und Katzenfotos zu veröffentlichen. Sie stilisieren das Banale zum Aussergewöhnlichen hoch. Heute sind sehr viele Nutzer «Facebook inkontinent» geworden: Sie veröffentlichen einen Liveticker ihres unbedeutenden Lebens. Da schreibt einer am Morgen: «Wieder ein neuer Tag. Erstmal Kaffee.» Was soll das? Diesen Leuten sage ich: Du bist nur noch peinlich und schadest deiner Karriere. Deinen Infomüll brauche ich nicht.

Auf Twitter ist die Publikationskadenz noch höher...
Auf Twitter kommunizieren vorab Nerds, Stars und Sternchen, Politiker sowie Leute aus der Kommunikationsbranche. Wäre ich noch Journalistin, würde ich den für mich relevanten Leuten folgen. Das muss ich glücklicherweise nicht mehr. Vieles, das auf Twitter läuft, ist schlicht Informationsdiarrhö. Allerdings ist der Umgangston auf Facebook wesentlich rauer. Und Details aus der Intimsphäre werden öfter auf peinliche Weise hinausgekehrt.

Haben Sie ein Beispiel?
Neulich stolperte ich über den Facebook-Auftritt einer Headhunterin. Auf dem Profilbild präsentiert sie sich hochschwanger im Bikini. Da hörts bei mir echt auf. Ausgerechnet sie, die Leute zur Onlinereputation berät, posiert halb nackt und hochschwanger. Offenbar hat der Bullshit-Radar bei dieser – eigentlich blitzgescheiten – Frau völlig versagt.

Sie selbst haben sich noch nicht von Facebook verabschiedet?
Nein, aber ich versuche die Plattform sinnvoller zu nutzen. Ich habe die Chronik und die Pinnwand gesäubert. Und ich habe einige Experten in Gruppen zusammengefasst, sodass ich diesen gezielt folgen kann.

Wann konsumieren und kommunizieren wir zu viel?
Sobald wir nicht mehr priorisieren, wann wir kommunizieren wollen. Sobald die Kommunikation uns stresst. Und sobald wir nicht mehr abschalten können. Es gibt laut Umfragen Leute, die verzichteten lieber auf Sex als auf ihr Smartphone.

Apropos: Auf dem Foto zu ihrem Buch tragen Sie ein T-Shirt mit der provokativen Aufschrift «Facebook ist schlecht im Bett». Wie sollen wir das interpretieren?
Wie Sie möchten. Die Idee kam mir beim Lesen von Forschungsberichten. Gemäss einer Umfrage benutzt einer von zehn Smartphone-Benutzer das Gerät während des Sexualakts. Wie das gehen soll, ist mir schleierhaft. Gemäss einer anderen Studie benötigen wir im Laufe des Lebens durchschnittlich acht Monate fürs Löschen unerwünschter E-Mails. Ein intensiver Facebook-Nutzer verbringt insgesamt im Leben ein halbes Jahr auf Facebook. Hingegen küssen wir bloss 14 Tage lang, und erleben 12 Orgasmusstunden. Ich beschloss daraufhin an meiner Kussbilanz zu arbeiten. Das klappt aber nicht, wenn der Partner und ich mit den Smartphones im Bett liegen, um auf Facebook gemeinsam einsam Geborgenheit zu beziehen. Solch ein Verhalten ist absurd. Mein Tipp: Das Handy kriegt Bettverbot. Und Facebook sowieso.

Kann allzu viel Information und Kommunikation krank machen?
Es gibt Studien, die zeigen, dass Facebook depressiv, neidisch und einsam macht. Das leuchtet ein: Die Leute waschen ihr Leben in den Statusupdates so weiss, dass die Mehrzahl der Nutzer – jene, die mitlesen, selbst aber nichts publizieren – Komplexe kriegt. Auch das Vermischen von Privatem und Beruflichem sowie die ständige Erreichbarkeit ist problematisch. Ein solches Leben treibt die Leute in Burn-outs.

Erfolg hat heute, wer mehrere Arbeiten parallel erledigen kann und ständig erreichbar ist.
Multitasking ist nichts anderes als Dauerablenkung. Und ständige Erreichbarkeit brennt die Leute sehr schnell aus. Deshalb müssen wir diese Karrieregötzen vom Thron holen. In Deutschland kämpfen Gewerkschaften aktiv gegen den Druck an, ständig erreichbar sein zu müssen.

Wie kuriere ich mich von meiner Smartphone-Sucht?
Gewöhnen Sie sich an, ab und zu offline zu gehen: Schalten Sie das Handy einen halben Tag lang aus, gehen Sie einmal ohne Gerät einkaufen, joggen oder spazieren. Formulieren Sie Regeln. Sprechen Sie etwa ein Tischverbot für Handys aus. Für alle, die Kinder haben, ist das zwingend. Sonst brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sich der Nachwuchs plötzlich auf Facebook geborgener fühlt als im Familienkreis.

Sollen Handys und Smartphones an Schulen verboten werden?
Ich bin keine Freundin von Verboten. Doch leider zeigt die Erfahrung, dass es oft nicht anders geht. Deshalb: Ja, Handys sind für die Dauer des Unterrichts abzugeben. Viele Schüler haben immense Defizite bei der Konzentrationsfähigkeit. Das bestätigen die meisten Lehrer. Das merke ich sogar als Dozentin an der Universität. Um wahrgenommen zu werden, muss ich Unterhalterin sein, nicht Lehrerin. Jedoch müssen sich die Lehrkräfte zwingend mit neuen Medien vertraut machen. Ich fordere einen Internetführerschein für Lehrer!

Wie kuriere ich mich, wenn ich mich bei der Arbeit am PC ablenken lasse – sei es durch Facebook oder durch E-Mails?
Schalten Sie Benachrichtigungen aus – beim E-Mail-Programm ebenso wie bei den sozialen Netzwerken. Diese lenken nur ab. Gewinnen Sie wieder die Herrschaft über Ihre Zeit. Bestimmen Sie bewusst, dass Sie jetzt eine Viertelstunde auf Facebook verbringen. Konzentrieren Sie sich dann aber auch voll darauf.

Macht es Sinn, mal ein Wochenende oder eine Ferienreise lang offline zu gehen?
Das ist eine kluge Strategie dafür, Distanz zu gewinnen. Schalten Sie den Computer und das Handy aus – dafür aber das Hirn ein. Das ist nicht einfach. Wenn ich erzähle, dass ich manchmal da sitze und den Blumen beim Wachsen zuschaue, denken wohl viele Zuhörer: «Die ist nicht ganz dicht.» Doch das ist mir egal. Ich ziehe bewusst ab und zu den Stecker. Meine Lebensqualität ist dann eine andere. Ich lebe den Augenblick und kann auftanken.

Doch kaum ist man zurück, gerät man ins selbe Fahrwasser.
Tatsächlich genügt es nicht, nur in den Ferien oder am Wochenende abzuschalten. Zusätzlich sollte man sich Strategien für den Alltag zurechtlegen. Da ich den Tag lieber mehr analog geniesse und mir Energie aus der Natur und dem Sport hole, definiere ich «E-Mail-Öffnungszeiten»: Zweimal pro Tag bearbeite ich die Zuschriften. Facebook hat eine tiefere Priorität. Die unbeantworteten Anfragen müssen warten.

Sie haben Internetfirmen aufgebaut und geleitet. Heute schreiben Sie Bücher und referieren als «Digitaltherapeutin» bei Unternehmen und Verbänden. Weshalb sind Sie ausgestiegen?
Ich habe lange intensiv gearbeitet und auch viel Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt. Das steigert zwar kurzfristig die Produktivität. Die Menschen brennen aber rasch aus. Ein Schlüsselerlebnis war dieses: Eines Morgens kam ein Mitarbeiter zu mir, der die Finger kaum je vom Blackberry gelassen hatte. Er habe beim Abrufen meiner E-Mail auf dem Spielplatz seine kleine Tochter von der Schaukel geschupft, erzählte er. Nun wolle er das Gerät abgeben. «Gib mir bitte ein Telefon, das nur telefonieren kann.» Das brachte mich zum Nachdenken: Sind wir in den letzten 15 Jahren zu Menschmaschinen geworden? Ich begann in der Firma neue Kommunikationsregeln zu definieren. Denn wir litten alle unter denselben Krankheiten: E-Mail-Wahnsinn, Sinnlossurfsyndrom, Sklavenphonitis, Facebook-Inkontinenz.

Was machen Sie als Erstes nach dem Interview: Die Nachrichten auf dem Smartphone checken?
Nein, ich setze mich auf eine Sonnenterrasse. Dort werde ich mit einigen Leuten mittagessen und mich mit ihnen unterhalten. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 13.05.2013, 13:01 Uhr)

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Ratgeber

Anitra Egglers Buch «Facebook macht blöd, blind und erfolglos» ist bei Orell Füssli erschienen und kostet rund 30 Franken. Es bietet Wissensvermittlung im «Sushi-Prinzip»: Lesehäppchen, an denen sich selbst Dauerabgelenkte nicht die Zähne ausbeissen sollten.

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