«Ich stürze mich immer wegen allem an die Urne»
Von Simone Rau. Aktualisiert am 12.10.2011 25 Kommentare
Amanda Ammann
Amanda Ammann (24), Miss Schweiz 2007, wuchs in Uzwil SG zusammen mit zwei Schwestern auf. Nach der Matura in Gossau zog sie nach Lausanne, um Internationale Beziehungen in Genf zu studieren. Im Sommer 2010 schloss sie das Studium mit dem Bachelor ab. Kurz darauf flog sie für ein dreimonatiges Praktikum auf der Schweizer Botschaft nach Manila. Derzeit absolviert sie an der Universität St. Gallen den interdisziplinär ausgerichteten Masterstudiengang International Affairs and Governance und ist weiterhin im Mode- und Showbusiness tätig. Seit kurzem lebt sie gemeinsam mit ihrem Freund in der Nähe von Zürich.
Junge Frauen gehen deutlich seltener an die Urne als junge Männer
Seit der Einführung des Frauenstimmrechts vor vierzig Jahren ist die Wahlbeteiligung der jungen Frauen in der Schweiz um ein Drittel gesunken. Das zeigt eine Auswertung der National- und Ständeratswahlen seit 1971 durch den Politologen Georg Lutz, die Anfang Jahr in der «SonntagsZeitung» veröffentlicht wurde. Demnach sank die Wahlbeteiligung der 18- bis 29-jährigen Frauen in dieser Zeit von 38 auf 26 Prozent.
In der Gruppe der gleichaltrigen Männer gab es zwar auch einen Wählerschwund. Doch seit 1995 gehen die jungen Männer wieder vermehrt an die Urne (und wählen häufiger rechts als früher). 2007 lag ihre Wahlbeteiligung bei knapp 40 Prozent. Diejenige der Frauen stagniert derweil auf tieferem Niveau.Einer der möglichen Gründe für den Unterschied zwischen jungen Frauen und Männern ist laut Lutz die immer härter werdende Auseinandersetzung der Politik der letzten 16 Jahre. Wohl kein Zufall: In die genau gleiche Zeitspanne fällt der Aufstieg der SVP zur wählerstärksten Partei. Eine andere Erklärung ist, dass sich Frauen «grundsätzlich weniger für Politik interessieren». Auf der von den Schweizer Jugendparlamenten initiierten Webseite Easy-vote.ch können sich Jugendliche über die wichtigsten Schritte rund um die Wahlen informieren. (sir)
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Eine Studie zeigt, dass junge Frauen im Gegensatz zu jungen Männern kaum von ihrem Wahl- und Stimmrecht Gebrauch machen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
An mir kann es nicht liegen. Ich stürze mich immer wegen allem an die Urne (lacht). Vielleicht würden die jungen Frauen öfter abstimmen gehen, wenn sie unzufriedener wären. Anscheinend haben sie alles, was sie brauchen. Es gibt Leute, die interessieren sich nur für Dinge, die sie direkt betreffen. Sie sehen den Einfluss nicht, den die Politik auf ihr Leben hat. Oft wirken sich Entscheidungen, die an der Urne gefällt werden, ja erst nach längerer Zeit aus, indirekt.
Zum Beispiel?
Die AHV. Da denken viele Junge, das Thema betreffe sie nicht, also müsse es sie auch nicht interessieren. Dabei muss uns die AHV sehr wohl kümmern. Wir wollen schliesslich nicht weniger Geld bekommen, wenn wir einmal alt sind.
Sind viele junge Frauen zu sehr mit sich selbst beschäftigt?
Kann sein. Vielleicht haben sie aber auch resigniert.
Wie meinen Sie das?
Vielleicht sind sie ein paar Mal abstimmen gegangen, und die Entscheidung ist anders ausgefallen, als sie es gerne gewollt hätten. Dann denken sie: Wieso soll ich das nächste Mal noch hingehen? Das könnte mir auch bald so gehen. Ich habe ihn letzter Zeit oft verloren (lacht).
Eine weitere Nichtwählerin?
Nein, ich gehe immer abstimmen, seit ich 18 bin – auch wenn ich der Meinung bin, dass man über bestimmte Themen eigentlich nicht abstimmen müsste. Für mich ist es ein Privileg. Es gibt kein einziges Land, in dem die Bürger mehr politische Mitbestimmungsrechte haben als in der Schweiz. Davon muss man doch Gebrauch machen.
Worüber hätte man Ihrer Meinung nach nicht abstimmen müssen?
Über die Minarette. Die Schweiz hat wichtigere Themen als Türme, die eigentlich die Bauverordnung einzelner Gemeinden betreffen. Damit will ich nicht sagen, dass es keine Probleme mit der Integration von Ausländern gibt. Das ist ein Thema, das man ansprechen muss. Aber darum ging es bei dieser Abstimmung ja nicht.
Woher rührt Ihr Interesse an Politik?
Meine Eltern haben mich sicher geprägt. Mein Vater ist Sekundarschullehrer, und wir haben früher am Esstisch immer wieder gesellschaftliche Probleme besprochen. Mit etwa 14 Jahren begann ich, mich für Politik zu interessieren, ich habe Fragen gestellt, Bücher gelesen, zum Beispiel zum Kommunismus. Meine Mutter stammt aus Tschechien. Ich wollte wissen, welche politischen Systeme es gibt und wie sie funktionieren.
Ist vielen jungen Frauen die Politik zu kompliziert?
Wenn man sich derzeit all die Nationalratslisten mit den vielen Namen anschaut, erscheinen sie schon recht kompliziert. Aber handkehrum hat man die Listen schnell gelesen. Und man kann sich ja informieren, zum Beispiel über Smartvote. Das Gleiche gilt für Abstimmungen: So kompliziert sind die meisten Vorlagen nun auch wieder nicht. Diese Erklärung ist mir zu einfach.
Wie informieren Sie sich über Abstimmungsvorlagen?
Ich lese bereits im Vorfeld viele Zeitungsberichte, und ich studiere die Abstimmungsunterlagen. Oft habe ich auch schon vorher eine klare Meinung zu einem Thema.
Diskutieren Sie mit Ihren Freundinnen über Politik?
Über die Waffenschutzinitiative haben wir oft gesprochen. Da waren wir alle derselben Meinung. Ich habe aber auch Kolleginnen, mit denen ich nie über Politik spreche. Ich weiss nicht, ob es sie überhaupt interessiert.
Was halten Sie von der These einiger Politologen, dass Frauen auch deshalb nicht zur Urne gehen, weil ihnen zu hart politisiert werde?
Das könnte ein Grund sein. Es wird ja tatsächlich immer härter, manchmal wirklich respektlos politisiert, und die Themen werden oft polemisiert. Das könnte die Frauen abschrecken, die von Natur aus eher den Kompromiss suchen. Manchmal frage ich mich aber auch: Welche Partei steht eigentlich für junge Frauen ohne Kinder wie ich? Es gibt keine, mit der ich mich wirklich identifizieren kann – und vielen anderen jungen Frauen geht es vermutlich ähnlich. Die Parteien links und rechts sind zu extrem, die in der Mitte haben zu wenig Profil.
Was würde junge Frauen wie Sie denn mehr ansprechen?
Vielleicht müsste man die Politik sexyer machen. Nur schon die Wahlplakate, die jetzt überall hängen: Nichts Innovatives, nichts Farbiges, jeder sieht aus wie der andere. Das Gleiche gilt für die Kleider. Vergleichen Sie mal die Präsidentengattinnen Michelle Obama und Carla Bruni mit unseren Politikerinnen. Das ist doch ein himmelweiter Unterschied. Kann man Frauen nur ernst nehmen, wenn sie kurze Haare, eine unmodische Brille und unförmige Hosen tragen? Kleidermässig etwas abstauben wäre auch bei den Männern nicht schlecht.
Und welche Themen könnten die jungen Frauen begeistern?
Es müssten Themen sein, die sie direkt betreffen. Haben sie Kinder, dann interessieren sie sich zum Beispiel für öffentliche Krippen, mehr Mittagstische, flexiblere Schulzeiten. Für mich sind die skandinavischen Ländern in vielen Bereichen ein Vorbild – vor allem hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter. Dass Männer und Frauen in der Schweiz für die genau gleiche Arbeit noch immer unterschiedlich viel verdienen, finde ich unverschämt. Das müsste vermehrt thematisiert werden.
Welche Partei vertritt diese Themen für Sie am ehesten? Haben Sie bereits gewählt?
Ja, ich habe gewählt. Wen, sage ich nicht. Nur so viel: Es sind viele Junge.
Warum braucht es Junge in Bern?
Weil dort vieles festgefahren ist. Und weil viele dort behandelte Themen unsere Zukunft betreffen. Da müssen die Jungen mitreden. Zudem können sich Junge mit Jungen besser identifizieren. Frauen habe ich übrigens auch viele gewählt. Sie sind in der Politik viel sachlicher und lösungsorientierter als die Männer.
Könnte die Schule allenfalls eine aktivere Rolle einnehmen in der Vermittlung von Politik?
Auf jeden Fall. Ich habe weder in der Sekundarschule noch im Gymnasium viel über das politische System Schweiz gelernt. Genau genommen habe ich mir fast alles selber beigebracht. Das finde ich eigentlich krass. Das Einzige, was mir in Erinnerung geblieben ist, sind Diskussionen mit unserem Geschichtslehrer. Da haben wir vor Abstimmungen jeweils die verschiedenen Positionen einnehmen und diskutieren müssen. Das sollte man in den Schulen regelmässig machen.
Bereits während Ihres Jahres als Miss Schweiz haben Sie Internationale Beziehungen studiert, damals noch in Genf. War es schwierig für Sie, sich mit politischen Kommentaren zurückzuhalten?
Ich habe ein paar Kommentare abgegeben, anhand derer man in etwa ableiten konnte, wie ich politisch positioniert bin. Das kam nicht so gut an. Doch ich fand das gar nicht so schlecht. Ein bisschen darf man ruhig merken, wie ich denke. Und 2007 gab es politisch ja einiges, das zum Kommentieren einlud – zum Beispiel die Abwahl Christoph Blochers. Man hat mir dann aber geraten, mich zurückzuhalten.
Was hat man Ihnen konkret gesagt?
Dass ich besser etwas vorsichtiger sein soll mit politischen Äusserungen. Ich sei schliesslich für das ganze Volk da und müsse allen ein bisschen gefallen. Bis zu einem gewissen Grad konnte ich das verstehen, aber auch eine Miss Schweiz hat das Recht auf freie Meinungsäusserung.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.10.2011, 12:35 Uhr
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25 Kommentare
Frauen interessieren sich also für Politik, wenn es um öffentliche Krippen, mehr Mittagstische, flexiblere Schulzeiten geht. Das heisst, Politik ist also dann interessant, wenn man Geldforderungen an den Staat zu stellen kann. Dazu Kritik am Aussehen der Politiker.
Zur Miss Schweiz passen diese Aussagen. Für jemanden der ein Masterstudium macht, fand ich das allerdings ein schwaches Interview.
Antworten
Das geht noch. Von einem Mister Schweiz (ca. 1996 ?) habe ich mal gelesen, seit er die Abstimmung zum Mutterschutz "verloren" habe, gehe er nicht mehr abstmmen, er sei doch nicht blöd, sich unnötig zum "Looser" zu machen.
es reicht nicht zu sagen >> die politiker machen sowieso was sie wollen >> dem ist nicht so >> sie machen was ihnen die lobbyisten einblasen >> doch noch lange nicht alle politiker sind befehlsempfänger der lobbyisten >>> FDP SVP CVP BDP GLP sind typische lobbyisten-hörige parteien >>> wer die nicht wählt hat schon viel gewonnen >> besser ist es jedoch unabhängige zu wählen Antworten
Die Nationalratsversammlung als Laufsteg. Das Foto des Bundesrates als Pinupkalender. Oder noch besser: moderiert von A.A. " wer wird Bundesrat". In der Jury hocken dann paar Pop- und Modeikonen + CH. Blocher. Würde dann so gehen: also mehr Farbe, mehr Teint.... und dann: ihr seid alles Fudis, die Schweiz... ein ewiger Kampf gegen aussen... gegen fremde Mächte... und Herrscher... und mehr Farbe... Antworten
Sie setzt sich ein für gleiche Löhne für Frauen und Männer und findet es auch unverschämt . Wie ist es denn beim Lohn einer Miss Schweiz und einem Mister Schweiz.? Krasser könnte die Ungerechtigkeit (zu Lasten Mann) wohl nicht sein. Aber da ist es ja in Ordnung. Antworten
@Stefan Egger: Wo genau sagt sie, dass dies in Ordnung sei? Das ist eine Interpretation ihrerseits, welche völlig aus der Luft gegriffen ist.
Mal eine Miss Schweiz, die sich nicht zu schade ist, als Vorbild gegen die grassierende "Frauen-müssen-schön-sein-und-sonst-nichts"-Haltung aufzutreten. Chapeau. Ok, vielleicht hatten die Römer ja recht: Brot und Spiele. Und die Leute lassen die Finger von der Politik. Geht jeweils ein paar Jahrzehnte, dann kommt die nächste politische Katastrophe. Antworten
"Sexy hat überhaupt nichts mit Äusserlichkeiten zu tun". lol. Ich kann das Revial der 60er Mode sexy finden, einen neuen Architekturstil etc. Aber das hat alles, wenn nicht zwingen mit "Äusserlichkeiten", mit einer Betonung des Erscheinungsbildes zu tun. Eine Betonung des inhaltlichen Interesse, erreicht man damit nicht, gerade wenn es sich um etwas handelt das nicht nur vom erscheinungsbild lebt.
@Katharina Egloff
Ich bin noch unter 30 und fremd ist mir die Umgangssprache nicht. Vielleicht lesen Sie mal die Aussage im Interview nach und dann sagen sie mir nochmals, dass A.A. damit nicht Äusserlichkeiten gemeint habe. Und wenn man die Politik inhaltlich interessanter gestalten wollte, würde man bestimmt nicht das Wort "sexy" dafür gebrauchen.
@ AM: Du scheinst nicht mehr der Jüngste zu sein... Sexy ist heute umgangsprache und bedeutet soviel wie cool, interessant, anmachend. Hat überhaupt nichts mit Äusserlichkeiten zu tun.
@Jessica Levy: Das Wort "sexy" ziehlt nun aber mehr auf eine äusserliche Erscheinung und auf einen Reiz, der bei allem guten Willen kaum mit "inhaltlich Interessanter" verstanden werden kann. Auch hat A.A. in dem Zusammenhang ja nicht von inhaltlichen sondern von modischen "Verbesserungen" gesprochen. Sie deuten das Wort einfach so lang um, bis die Botschaft passt...
@Alexander Müller: Sie haben mich falsch verstanden.
Wenn man das Wort "sexy" versteht als dass die Politik inhaltlich interessanter werden muss, damit junge Frauen an die Urne gehen, ist das doch ein berechtigtes Postulat!
@Jessica Levy
Und weshalb soll es gerade für junge Frauen besonders interessant / stimulierend sein, wenn die Politikerinnen in hübschen deux pieces rumlaufen? Wenn sich junge Frauen tatsächlich wegen fehlender Mode nicht für Politik interessieren sollten, dann wäre doch der Grund des Desinteresses das Problem und nicht die Lösung.
Das Wort "sexy" ist m.E.n. hier unglücklich verwendet. Ich lese es eher in der auch geläufigen Bedeutung des Worts: "interessant/ stimulierend". So gelesen ist ihre Anregung mehr als berechtigt, sind doch viele im Land abstimmungs-/ wahlmüde.
Und zweitens kommt Sie dann noch mit dem Vorschlag die Politik "sexier" zu machen. Dabei wäre es doch vielmehr angezeigt mal kritisch zu hinterfragen, weshalb es denn schick, glitzernd und glamourös sein müsse um junge Frauen vermehrt für die Politik zu interessieren. Eine Missschweiz mit einer "Frauen müssen nicht NUR schön sein" - Perspektive... naja. gerade fortschrittlich scheint mir das nicht
Ich finde ja auch einiges ganz vernünftig, was sie im Interview sagt. Aber ob gerade Sie nun dafür stehen soll, dass Frauen nicht so nach ihrem Aussehen beurteilt werden? Da ist erstens ihre Teilnahme an der Misswahl, einem Spektakel dass ja gerade suggeriert (und zeigt), dass das Aussehen monetäre belohnt wird und Frauen sich so präsentieren sollen.
"Was würde junge Frauen wie Sie denn mehr ansprechen?" "Vielleicht müsste man die Politik sexyer machen."
Klar. Tolle Idee. So bring man bestimmt mehr Frauen in die Politik. Gewählt wird dann nach Aussehen und weil alle Kandidatinnen fleissig bekunden weden, wie gerne sie sich sexy fühlten und starke frauen seien ist dann auch alles richtig emanzipiert. *Seufz*
Antworten
"Frauen habe ich übrigens auch viele gewählt. Sie sind in der Politik viel sachlicher und lösungsorientierter als die Männer." Lustig, dass sie gerade zu dem Vorurteil greift, das früher immer gegen Frauen benutzt wurde (sie sind eben viel zu emotional). Merke: Klischees sind anscheinend nur dann nicht mit Gleichberechtigung zu vereinbaren, wenn Sie sich gegen Frauen richten. Antworten
@Petra Kaiser.
Inwiefern ist sie diesen Vorurteilen entwachsen, wenn sie genau diese in einem Zeitungsinterview zum besten gibt?
vielleicht ist sie ja aber auch schon aus diesen vorurteilen entwachsen....

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