«In der Luft gibts nur mich und die Herausforderung»

Christian «Chrigel» Maurer ist einer der weltweit besten Gleitschirmpiloten. Dass ihn kaum jemand kennt, stört ihn nicht.

«Heute riskiere ich weniger»: Spitzengleitschirmpilot Christian Maurer in der Luft.

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Sie haben dreimal das X-Alps gewonnen, ein Gleitschirmrennen, bei dem die Teilnehmer fliegend oder zu Fuss von Salzburg nach Monaco müssen. Dieses Jahr brauchten Sie sieben Tage und gewannen mit einem Rekordvorsprung von fast 300 Kilometern. Was machen Sie besser als Ihre Konkurrenten?
Dass der Vorsprung so gross wurde, war Wetterglück. Aber sicher kommt mir beim X-Alps mein schneller, aggressiver Flugstil entgegen. Und meine Erfahrung. Ich fliege seit zwölf Jahren Wettkampf – und zwar nicht nur Rennen über lange Strecken, sondern auch Akrobatik. Das ist, als würde man Ski- und Snowboardrennen bestreiten.

Ihre Konkurrenten haben auch viel Erfahrung.
Schon, aber vielleicht nicht so breit. Der durchschnittliche Wettkampfpilot arbeitet in einem anderen Beruf. Bei mir ist das Fliegen der Beruf.

Ihr Supporter am Boden, Thomas Theurillat, ist Psychologe und Bergführer. Welche Rolle hat er?
Er hat viel zu meinen Erfolgen beigetragen. Ich hätte nie gedacht, dass psychologische Unterstützung so viel bringt.

Wo liegt denn beim X-Alps-Rennen die grösste mentale Herausforderung?
Ein solches Rennen ist eine permanente mentale Herausforderung. Du startest in Salzburg, und das Einzige, was du im Voraus kennst, sind die Wegpunkte, an denen jeder Teilnehmer vorbeikommen muss. Aber wie du da hinkommst, ob du fliegen kannst oder laufen musst, wie das Wetter ist, das kannst du nicht planen. Man muss fortlaufend entscheiden. Ich hatte beim ersten Mal zum Beispiel keine Ahnung, wie man die beste Route wählt. Ich wusste nur, wenn man lang läuft, gibts Blasen. Zudem war ich körperlich nicht so fit.

Hatten Sie auch im dritten X-Alps Zweifel? Oder Angst?
Ja, sicher hatte ich das. Man ist so hart am Limit. Man will gesund zurückkommen zur Familie, aber man will auch schnell sein. Nicht immer lässt sich beides miteinander vereinbaren.

Gibt es Momente beim Fliegen, in denen Sie denken: Warum eigentlich hänge ich mich an diesen Schirm?
Am Schirm ist es mir wohl. Aber im Dunkeln bei Regen eine Strasse entlangzulaufen, wenn Lastwagen an einem vorbeidonnern, das ist extrem gefährlich.

Gefährlicher als Fliegen?
Viel gefährlicher. Aber natürlich gibt es auch beim Fliegen heikle Situationen, etwa wenn ich einen Gletscher queren muss. Da muss ich genau abschätzen können, ob es reicht. Wenn das, was ich in Wirklichkeit antreffe, mit der Einschätzung nicht übereinstimmt, ist es meistens schlecht. Viel besser als erwartet wirds selten.<

Wie bereiten Sie sich auf einen solchen Wettkampf vor?
Ich trainierte sieben Monate lang fast täglich. Auch testeten wir Material und wählten aus, was uns am besten zusagte. Weiter probierten wir aus, wann ich was essen kann, denn mein Körper brauchte im Wettkampf rund 10'000 Kalorien am Tag. Es sind nicht immer nur messbare Faktoren, die entscheidend sind, sondern auch, sich wohlzufühlen. Wenn die Vorfreude grösser ist als die Angst, ist man gut vorbereitet.

Vor dem Wettkampf hatten Sie eine Entzündung im Knie. Hätten Sie wegen schlechten Wetters mehr laufen müssen, wäre es wohl schwierig geworden für Sie.
Dieses Risiko war da. Aber man muss dem Glück auch eine Chance geben. Ich sagte mir im Voraus immer wieder: Es muss fliegen, es muss fliegen! Und tatsächlich konnte ich fliegen wie noch nie. Das ist schon fast unheimlich: Ich denke, es muss so sein, und dann kommt es so. Das passiert mir oft. Keine Ahnung, warum. Zufall oder auch Glück.

Wie ist es, wenn man sieben, acht Stunden lang fliegt: einsam? Langweilig?
Nein, sobald ich in der Luft bin, gibts nur noch mich und die Herausforderung. Ich weiss ja: Wenn die Sonne untergeht, muss ich landen, und dann habe ich wieder Leute um mich. Schwierig wird es mit der Motivation, wenn es nach zehn Stunden Flug noch einmal steigt. Dann denke auch ich: oh nein! Das ist wohl eine meiner Stärken, dass ich mich dann trotzdem zusammenreisse, die letzte schwache Thermik nütze und noch ein paar Kilometer mehr fliegen kann. Aber ehrlich gesagt, ein paarmal habe ich gedacht, es wäre mir recht, wenn ein Gewitter käme und ich landen müsste ...

In welchem Verhältnis stehen Sie zu den anderen Piloten? Scharfe Konkurrenz?
Im Gleitschirmsport geht es nicht um grosse Summen, von denen man leben könnte, sondern um Ruhm und Ehre und Promotion für die Sponsoren. Das Preisgeld, 10'000 Euro für das X-Alps-Siegerteam, deckt kaum die Spesen. Dieses Jahr waren 14 neue Teams dabei. Einige waren am Anfang ein bisschen verbissen. Aber vor dem Start verbringen alle fünf Tage in Salzburg zusammen, da wird allen rasch klar, wie es läuft.

Warum tun Sie sich das alles an, wenn Sie kaum etwas verdienen?
Es ist die Leidenschaft. Fliegen ist Emotion und eine Möglichkeit, die Welt zu sehen. Natürlich geht es auch um Sponsoringverträge. Und das Privileg, zwei Wochen lang das private Telefon und den Computer auszuschalten.

Wird im Gleitschirmsport gedopt?
Es gibt einen Bluttest zu Beginn des Rennens und Urintests unterwegs. In unserem Belastungsbereich wäre Doping aber nicht wirklich effizient.

Für viele sind Gleitschirmpiloten waghalsige Spinner. Kränkt Sie das?
Was man nicht kennt, kann man schlechter einschätzen. Ich fliege seit 15 Jahren und hatte noch nie einen Unfall. Dafür kam ich einmal beim Autofahren knapp an einer Frontalkollision vorbei, obwohl ich korrekt fuhr. Das ist es, was ich persönlich gefährlich finde: Situationen, die ich nicht unter Kontrolle habe. Was ich beim Fliegen tue, liegt an mir.

Sie haben das Risiko stets im Griff?
Ich versuche, auf mein Gefühl zu hören. Das habe ich nicht immer getan – und das hätte mir auch schon zum Verhängnis werden können. Ich riskiere heute weniger.

Sie haben zwei Buben. Wenn diese nun auch fliegen wollen: Unterstützen Sie sie?
Der Ältere ist vier und fliegt bereits. Ich lasse ihn wie einen Drachen fliegen und halte ihn an einer Leine fest. Ich würde die Buben sicher auch später unterstützen, wenn sie fliegen möchten. Fliegen ist nicht gefährlicher, als in der Stadt abzuhängen.

In letzter Zeit kam es mehrfach zu Unfällen und riskanten Manövern von Gleitschirmpiloten. Sind heutige Piloten weniger seriös?
Das glaube ich nicht. Generell ist das Fliegen sicherer geworden, da das Material in den letzten Jahren viel besser geworden ist. Und es ist mehr Wissen verfügbar. Anderseits fliegen immer mehr Leute, also kann auch mehr passieren.

Sie sind Spitzenathlet, aber nur wenige wissen Ihren Namen. Ueli Steck kennen dagegen alle. Warum dieser Unterschied?
Was Ueli macht, ist greifbarer. Die Eigernordwand hochzuklettern, das können sich viele vorstellen. Aber nicht, von Salzburg nach Monaco zu fliegen.

Wären Sie gern bekannter?
Es ist angenehm, wie es ist. Solange man alles richtig macht, ist es zwar schön, wenn man bekannt ist. Aber wehe, etwas läuft schief. Das hat mir die Himalaja-Geschichte von Ueli Steck gezeigt. Ich kann mit meinem Sport eine Familie ernähren. Solange ich das kann, ist es egal, wie bekannt ich bin. Doch natürlich bekäme ich lukrativere Sponsoringverträge, wenn ich bekannter wäre.

Sie fliegen weiter Rennen?
Solange ich gesund bin, möchte ich weiterfliegen. Das X-Alps 2015 ist sicher ein nächstes Ziel, das mich motiviert und in Schuss hält. Ich muss aber eine gute Balance finden zwischen der Familie und meinen sportlichen Plänen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.09.2013, 08:43 Uhr)

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