Ja, Drogen machen auch Spass

Die Drogenfibel «Breites Wissen» wird neu aufgelegt. Ein willkommener Anlass, über unser heuchlerisches Verhältnis zu Rauschmitteln nachzudenken.

Müsste eine drogenfreie Gesellschaft das Ziel sein? Mit Verlaub: Das ist eine historische und wohl auch biochemische Unmöglichkeit.

Müsste eine drogenfreie Gesellschaft das Ziel sein? Mit Verlaub: Das ist eine historische und wohl auch biochemische Unmöglichkeit. Bild: Pleesz

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Ist Alkohol gefährlicher als Cannabis? Sind Drogen therapeutisch einsetzbar? Wie süchtig ist Pete ­Doherty?

Ja. Ja. Mir doch egal.

So einfach sind die Antworten. Doch verfolgt man die öffentlichen Diskussionen über Drogen, ist das oft wie ein schlechter Trip: ein endloser Loop, der wenig mit Otto Normalkonsument zu tun hat. ­Dabei ist der Genuss illegaler Drogen längst zur gesellschaftlichen Regel geworden – so steht es auch im «Toxikologischen Manifest», das dem Buch «Breites Wissen» beigelegt ist. Erstmals vor sieben Jahren erschienen, wurde das «Standardwerk» (FAZ) nun grundlegend ergänzt und neu aufgelegt.

Drogen machen interessant, Drogen machen schnell, Drogen gehört die Zukunft, heisst es in der Erklärung der Autoren Adriano Sack und Ingo Niermann. Das Buch informiert über angenehme und fatale Wirkungen, vereint Kulturgeschichte und Biochemie. «Drogen in der Literatur» ist eine Rubrik gewidmet, «Streckmittel für Kokain» ebenso. Auf den eigenen Konsum angesprochen, sagt Niermann, dass er ab und an Halluzinogene nehme: «Die überraschen einen immer wieder aufs Neue.»

Niemand erwähnt im Büro den abgefahrenen Trip von gestern

Niermann ist nicht alleine mit ­seiner munteren Aufgeschlossenheit gegenüber Drogen. Jeder Vierte hierzulande hat schon einmal gekifft. 190 000 Schweizer rauchen regelmässig Joints. Bei den härteren Freizeitdrogen liest sich die ­offizielle Statistik auf den ersten Blick bescheidener. 1,8 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben Erfahrungen mit Ecstasy gemacht. Bei Kokain sind es 3 Prozent. Allerdings ergeben Abwasserproben ein anderes Bild: Rund 1,6 Kilogramm Kokain werden in Zürich täglich konsumiert – das ist der dritthöchste Pro-Kopf-Wert in ­Europa. Beim Ecstasy liegt die Stadt auf Platz 5.

Dass mehr konsumiert als bei telefonischen Befragungen angegeben wird, liegt natürlich an der Angst vor strafrechtlichen oder sozialen Sanktionen. Das ist so bedauerlich wie symptomatisch. Drogenkonsum ist kein Tabu mehr, sehr wohl jedoch dessen Affirmation: Ja, Drogen machen Spass.

Wir loben berührende Musik, fantastisches Essen, tolle TV-­Serien (gerade Drogen-Storys wie «Breaking Bad», «Weed» oder «Narcos» sind Hits) – aber wer würde am Montagmorgen bei der Bürokaffeemaschine konstatieren: «Am Freitag hatte ich super Ec­stasy. Ich bin aus dem Club ge­kommen, und die Stadt lag im ­frühen Morgenlicht, die ersten Pendler hetzten durch die Strassen. Da fühlte ich mich wie ein König. Einmal mehr habe ich gemerkt, dass unsere Realität nur eine Möglichkeit ist.» Oder: «Mist, gestern hatte ich auf LSD voll eine Panikattacke.» Beim Kokain ist die Selbst-Stigmatisierung besonders ausgeprägt. Ich habe schon Leute an Partys Linien schnüffeln sehen, die am nächsten Tag behaupteten: «Die Party war voll der Reinfall. Es waren bloss arrogante Koksnasen da.»

Drogenfreie Gesellschaft? Eine biochemische Unmöglichkeit

Doppelmoral und Drogen gehen schon lange miteinander einher. Drogen, vor allem der Alkohol, galten lange als unmoralisch; christliche Fundamentalisten und Muslime sehen darin immer noch einen Wegbereiter zur Sünde. Gleichzeitig machen Wirtschaft und Staat damit gutes Geld. Cannabis ist in einigen Ländern legal, bei uns wird der Konsum geduldet. Das ist eine erfreuliche ­Entwicklung, täuscht aber nicht über ein schizophrenes Verhalten hinweg. Es wird gleichzeitig moralisiert, therapiert, verboten und weggeschaut. Was in diesem ­Bündel fehlt, ist ein kultureller Konsens, was Drogen bedeuten. Was sie leisten können und was nicht.

So relativiert das «Toxikologische Manifest» die erleuchtende Wirkung von Halluzinogenen wie Meskalin oder LSD: «Nicht der Rausch ist Begleiter oder Abklatsch der religiösen Erlösung, sondern umgekehrt: Erst lernten Menschen das momentane Glück der Drogen kennen, dann erschufen sie nach dessen Abbild das Jenseits. Die ‹künstlichen› sind die wahren Paradiese.» Das hören weder Schamanen noch Pfarrer gerne! Und was haben die Autoren mithilfe von Drogen konkret über sich selbst gelernt? Sack: «MDMA hat mir klargemacht, dass Euphorie und Depression zusammengehören. Und dass beides nicht so ernst zu nehmen ist.» Niermann: «Wie leicht wir uns auch mit offenen ­Augen und Ohren etwas einbilden können.»

Müsste denn nicht eine drogenfreie Gesellschaft das Ziel sein? Mit Verlaub: Das ist eine historische und wohl auch biochemische Unmöglichkeit. Unsere Gefühle und Stimmungen sind vom Zusammenspiel körpereigener Substanzen abhängig, wie etwa Dimethyltryptamin. Die uralte Indianer­droge Ayahuasca, die in den Szenen New Yorks oder Berlins gerade Mode ist, basiert auf diesem Stoff. Er unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz – so gesehen, ist der Mensch illegal. Will heissen: Dass wir schon immer zu Drogen gegriffen haben, lässt den Schluss zu, dass wir mit ihnen ein inneres Ungleichgewicht ausbessern. Und wenn jemand keine Drogen nimmt, fragen Sie? Sind das von Natur aus ausgeglichene Menschen? Kaum. Die velölen, rennen Marathon. Oder produzieren auf eine andere Art eine Extraportion körpereigener Stimulanzen.

Ich höre schon das Protestgeheul: Drogen machen süchtig! Am besten verbietet man sie komplett, auf dass die Jugendlichen gar nie in Kontakt mit ihnen kommen! Doch nehmen wir als Beispiel Alkohol, die wohl gefährlichste, am wenigsten inspirierende Droge von allen: Die grosse Mehrheit der Menschen, die regelmässig trinken, hat keine Suchtproblematik entwickelt.

Würden alle Drogen liberalisiert, hätte man eine ähnliche Situation. Denn nicht die Substanzen selbst fordern Menschenleben, sondern der falsche Gebrauch und die Kriminalisierung der Drogen. Die Legalisierung ist ein altes Anliegen, das von den meisten Experten unterstützt wird, aber leider ist sie politisch immer noch nicht umsetzbar. Obwohl man am Beispiel von Nikotin aktuell sieht, wie man Drogenkonsum effektiv steuern kann: mit beschränkten Verboten (für Jugendliche, in öffentlichen Räumen) bei gleichzeitiger hoher Besteuerung.

Neben Ernährungsberatung auch eine Drogenberatung

Das beste Mittel, um einen vernünftigen Drogenkonsum zu garantieren, ist jedoch die individuelle Drogenkompetenz. Die erreicht man weniger durch ausprobieren als durch Erziehung – am besten schon in der Schule. Wie wirkt eine Substanz? Was erhoffen sich die Nutzer? Wie viel davon ist gefährlich? Schliesslich kommt ja auch eine Ernährungsberaterin in die Primarschule, die den Kindern die Vor- und Nachteile von Fett, Salz und Zucker erklärt.

Im Idealfall bringt ein High: Entspannung, Enthemmung, Introspektion. Man hinterfragt Strukturen und scheinbar Selbstverständliches. Eine Langzeitstudie der Universität Cardiff hat denn auch ergeben, dass intelligente Menschen eher zu Drogen greifen. Klar, es gibt auch banale Gründe, sie zu konsumieren. Die meisten berauschen sich nicht, um zu sich oder zu Gott zu finden. Sie wollen den Alltag vergessen und abschalten oder aufdrehen. Ferien statt Paradies.

Doch wieso nicht? Das ist günstiger als ein Wochenendtrip ins Wellnesshotel. Und wenn man Glück hat, kippt der Eskapismus in sein Gegenteil um: Immersion in die Welt. Es muss ja nicht gleich eine Erleuchtung zum vollen kosmischen Bewusstsein sein. Ich zum Beispiel habe einmal unverhofft einen kleinen hässlichen Strauch in meinem Garten verstanden, der mir zuvor noch nie aufgefallen ist. Wieso er so aussieht, wie er aussieht. Wieso er hier ist. Wieso er hier sein muss.

Muss man illegale Drogen ausprobiert haben? Natürlich nicht. Zumal sich Drogen allein dem Nutzer erschliessen – auf immer wieder andere Weise. Sie können allenfalls das verstärken, was da ist. Drogenkonsum, das findet auch Niermann, macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger.

Was da mein Strauch-Erlebnis über mich aussagt?

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.09.2015, 09:57 Uhr

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Buch

Ingo Niermann, Adriano Sack, «Breites Wissen . . . nachgelegt: Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer». Rogner & Bernhard, 2015, 27.90 Franken.

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